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Studium und Karriere Studentenglück in Gefahr

13.11.2007 ·  Sie sind jung, gesund und haben beste Chancen auf Erfolge. Aber nur lustig ist das Studentenleben nicht - erst recht nicht, seit es den Bachelor gibt.

Von Anna Loll
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Will man glücklich sein, stehen einem in etwa folgende vier Möglichkeiten offen: Man muss auf einer Südseeinsel leben oder wenigstens in Italien. Reicher und erfolgreicher als der Rest der Gesellschaft zu sein hilft auch. Oder man ist besonders weise. Oder aber man ist einfach Student. „Ich habe viel Freizeit, viel Freiräume und viel Spaß“, sagt Robin Weidemann, Medizinstudent im dritten Semester an der Uni Kiel und lacht. „Man bekommt es ja auch immer wieder gesagt: Genieß die Studentenzeit, es ist die beste in deinem Leben!“ (dazu die Haltung der FAZ.NET-Community - Umfrage: Mehrheit sieht studentisches Glück bedroht)

Ein Rat, hinter dem mehr steht als nur verklärte Erinnerung. Tatsächlich spricht viel für die These, dass Studenten - sieht man vielleicht von gestillten Babys und frisch Verliebten ab - die glücklichsten Menschen in unserer Gesellschaft sind - oder es zumindest sein müssten. Nach einer Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach jedenfalls wächst das Glück mit dem Bildungsabschluss. Studenten sind außerdem meist zu jung, um ernsthaft krank zu sein. Auch harte persönliche Verluste wie der Tod naher Angehöriger sind noch selten. Das Stressniveau ist im Vergleich zum Arbeitsleben in der Regel gering, das Studium wird von den wenigsten nur als ungeliebte Pflicht gesehen. Vor allem aber ist es die Phase des Ausprobierens. Aus Träumen sind noch nicht Enttäuschungen geworden. Studenten haben noch die Chance, den Traumpartner zu finden, die Traumkinder zu bekommen und die Traumkarriere zu machen.

5 Prozent der Studenten sind verheiratet

Und als wäre die Abwesenheit von nachhaltigen Enttäuschungen nicht Geschenk der Fortuna genug, kommen im Studentenleben weitere günstige Faktoren hinzu: die Abdeckung der materiellen Grundbedürfnisse, ein attraktives Sozialleben und eine große Souveränität über Zeit und Raum. Der Schweizer Volkswirtschaftsprofessor Mathias Binswanger hat genau diese Faktoren als Voraussetzungen für ein glückliches Leben ausgemacht.

Mehr als die Hälfte der Studenten in Deutschland arbeiten zwar neben ihrem Studium, aber für etwa 90 Prozent zahlen die Eltern mindestens einen Teil des Unterhaltes. Ganz alleine finanzieren sich nur 13 Prozent. Im Gegensatz zu Arbeitslosen müssen sich Studenten aber nicht dafür rechtfertigen, noch Geld von Angehörigen oder dem Staat zu erhalten. Hinzu kommt, dass die sozialen Verpflichtungen für Studenten in der Regel gering sind. Verheiratet sind 5 Prozent, nur 7 Prozent hatten im Sommersemester 2007 ein Kind. 43 Prozent sind in keiner festen Beziehung. Außerdem können Studenten äußerst frei über ihre Zeit verfügen - ein Umstand, der ein ausgeprägtes Sozialleben begünstigt. Für die Erfahrung von Glück ist dies von großer Bedeutung. Laut einer von Binswanger zitierten Studie steht nach Sex das Zeitverbringen mit Freunden auf dem zweiten Platz aller alltäglichen Tätigkeiten.

Der Druck steigt, Psychologen sind gefragt

Doch der Druck wächst. Schließlich muss man heute immer schneller studieren, mehr Praktika machen, mehr Sprachen sprechen, bessere Noten bekommen. Glücklich macht dies nicht unbedingt. Immer mehr Studenten suchen psychologische Beratungsstellen auf: 2004 nahmen 16.000 Studenten in Deutschland die Betreuungsangebote des Studentenwerks wahr, 2006 waren es 22.800. "Auch wenn es Spaß macht, ist das Studium nicht die Zeit des totalen Glücks", sagt Heike König, die den Arbeitsalltag schon kennt und ihn noch einmal mit den Freiheiten des Studium eingetauscht hat. "Ich wollte meinen Horizont erweitern, noch einmal raus aus der Routine. Nicht jeden Tag morgens früh aufstehen, arbeiten, nach Hause gehen und kaum Zeit für etwas anderes haben", erklärt die 28-Jährige, die vor ihrem Bachelor-Studium in Sozialwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität bereits fünf Jahre als Redakteurin bei einem Fernsehsender gearbeitet hat. Jetzt genieße sie zwar die Vorteile des Studentenlebens, aber das positivste aller Vorurteile hat sich für sie nicht bestätigt. "Man hört oft, dass das Studium die glücklichste Lebensphase sein soll, in der man sich so sehr verwirklichen kann. Aber dafür fehlt zumindest im Bachelor-Studium die Zeit."

Bachelor und Master schränken ein

"Die Mobilität geistiger und lokaler Art wird durch die Einführung von Bachelor und Master extrem eingeschränkt", beobachtet Rüdiger vom Bruch, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität. Die Studenten würden seltener den Studienort wechseln und kaum noch Vorlesungen anderer Studiengänge besuchen. "Historisch gesehen aber war die Universität seit je eine gesellschaftliche Sphäre mit einer eigenen Logik", sagt er. Schon seit Jahrhunderten hätten Studenten geglaubt, sich zwischen Schulzeit und Beruf ausleben zu können. Die Trennung vom Erwerbsleben sei zudem noch durch das Ideal der freien Forschung verstärkt worden. "Nach Humboldts Vorstellungen sollten die jungen Menschen an der Universität jenseits von beruflichen Zielen der freien Wissenschaft nachgehen", erklärt vom Bruch. Doch seit der Industrialisierung habe sich die Universität zunehmend von dieser Idee verabschiedet. Entscheidender Wendepunkt war nach Ansicht des Professors die Einführung des Diploms Ende des 19. Jahrhunderts, das mit den Berufsverbänden auf die Anforderungen im Arbeitsleben abgestimmt worden sei.

Dennoch: Eine Einbahnstraße in den Beruf ist das Studium noch nicht. "Man hat einfach sehr viele Freiheiten. Nach einer langen Nacht kann man auch mal erst um 12 Uhr in die Uni gehen", erklärt Robin Weidemann. Was negativ am Studium ist? Der 20-Jährige zögert. Vielleicht, dass bisweilen ein wenig der rote Faden fehlt, dass man nicht ganz weiß, wo es hingeht, antwortet er. Mit Druck müsse man in den Prüfungsphasen umgehen können. "Aber das Pensum ist zu bewältigen. Man hat mal eine Lernwoche, aber das ist ja überall so", sagt er achselzuckend. Später werde sein Alltag sicher ganz anders aussehen. Bis dahin aber hat er noch ein paar Semester Schonzeit.

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