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Studium Tabuthema Legasthenie

Zwei Prozent der Studenten haben eine Lese- und Rechtschreibschwäche. Sie trauen sich kaum, an der Uni darüber zu sprechen. Eine erste Hochschule geht das Thema nun an. Denn oft haben Legastheniker sogar besondere Begabungen.

© F.A.Z. / Tresckow Vergrößern

„Sie wollen ernsthaft meinen Namen nennen?“ Der jungen Frau stockt der Atem, fast möchte sie aufspringen. Erst nach vielen Bitten hat sich die Informatikstudentin überhaupt zu dem Gespräch im Café an der Münchner Uni bereit erklärt. Aber eine Namensnennung? Nein! „Ich bin fast durch“, erzählt sie. „Jeden Tag hatte ich Angst, dass jemand etwas merkt. Da werde ich mich jetzt nicht outen.“

So wie der Münchner Studentin, nennen wir sie Sandra, geht es vielen Betroffenen. Sie leiden stark. Weil sie den Druck kaum aushält, ist Sandra seit Jahren in psychologischer Behandlung, aber offen bekennen möchte sie sich zu ihrer Einschränkung trotzdem auf keinen Fall. Sandra ist Legasthenikerin. Das heißt, sie hat „eine ausgeprägte und schwerwiegende Störung beim Erlernen des Lesens und der Rechtschreibung, die in Besonderheiten von Hirnfunktionen begründet ist“. So lautet die offizielle Definition. Bis zum Abitur bekam Sandra daher einen Nachteilsausgleich in Form von mehr Zeit. Dennoch stieß sie während ihrer ganzen Schulzeit auf Unverständnis. „Die einen glaubten, dass ich mir bessere Noten erschleiche. Die anderen hielten mich ohnehin für blöd.“

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Viele Legastheniker sind hochbegabt

„Vorurteile, die bis heute nicht auszurotten sind“, kommentiert Annette Höinghaus, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Und die den Betroffenen das Leben zusätzlich schwermachen. Dabei ist seit Jahrzehnten wissenschaftlich belegt, dass Legasthenie keinen Einfluss auf die intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen hat. Im Gegenteil: Viele Legastheniker sind hochbegabt. Auch Sandra hat einen Intelligenzquotienten von 132.

Der BVL engagiert sich seit 1974 für die Rechte Betroffener. Dem Selbsthilfeverband ist es auch zu verdanken, dass es heute in allen Bundesländern Schulgesetze gibt, die Nachteilsausgleich und/oder Notenschutz gewähren. Seitdem schaffen es immer mehr Legastheniker an die Uni. Etwa 2 Prozent aller Studenten sind nach Schätzungen von Experten betroffen, also rund 40.000 Menschen.

Der Alltag ist für die Betroffenen an der Uni nicht besser als an der Schule. Schon viele Lehrer kennten sich nicht richtig aus, sagt Expertin Höinghaus. Und für Hochschullehrer gelte dies erst recht. „Wenn Sie nicht gescheit lesen und schreiben können, haben Sie hier nichts zu suchen“, hörte beispielsweise eine Leidensgenossin von Sandra, die in Osnabrück Betriebswirtschaftslehre im Gesundheitswesen studiert. Ihre Bitten, Fachbegriffe in Vorlesungen an die Tafel zu schreiben, wurden belacht, Anfragen, Prüfungen mündlich ablegen zu dürfen, zunächst ignoriert, dann mit so vielen Auflagen belegt, dass die Sache dadurch auch nicht einfacher wurde. Ihr Eindruck: „Manchmal wird sogar absichtlich versucht, mir das Leben schwer zu machen.“

„Nach wie vor ein Tabuthema“

Dabei haben Legastheniker durchaus auch an der Uni einen Anspruch auf Rücksichtnahme, betont Wiebke Hendeß, Behindertenberaterin im Studentenwerk Oldenburg. Hendeß ist eine der wenigen Expertinnen im universitären Bereich, die sich mit dem Thema auskennen. „Eigentlich ist Legasthenie an der Uni nach wie vor ein Tabuthema“, sagt sie. Hendeß berät seit mehr als zehn Jahren Studenten - auch außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs. Dabei hat sich an der Situation in all den Jahren nicht viel verändert. Die meisten, die sich - meist anonym - an sie wenden, sind vollkommen verunsichert. Entweder haben sie sich wie Sandra gar nicht getraut, ihr Handicap zu verraten. Oder es ergeht ihnen wie der Osnabrücker BWL-Studentin.

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Veröffentlicht: 02.02.2011, 00:05 Uhr