„Sie wollen ernsthaft meinen Namen nennen?“ Der jungen Frau stockt der Atem, fast möchte sie aufspringen. Erst nach vielen Bitten hat sich die Informatikstudentin überhaupt zu dem Gespräch im Café an der Münchner Uni bereit erklärt. Aber eine Namensnennung? Nein! „Ich bin fast durch“, erzählt sie. „Jeden Tag hatte ich Angst, dass jemand etwas merkt. Da werde ich mich jetzt nicht outen.“
So wie der Münchner Studentin, nennen wir sie Sandra, geht es vielen Betroffenen. Sie leiden stark. Weil sie den Druck kaum aushält, ist Sandra seit Jahren in psychologischer Behandlung, aber offen bekennen möchte sie sich zu ihrer Einschränkung trotzdem auf keinen Fall. Sandra ist Legasthenikerin. Das heißt, sie hat „eine ausgeprägte und schwerwiegende Störung beim Erlernen des Lesens und der Rechtschreibung, die in Besonderheiten von Hirnfunktionen begründet ist“. So lautet die offizielle Definition. Bis zum Abitur bekam Sandra daher einen Nachteilsausgleich in Form von mehr Zeit. Dennoch stieß sie während ihrer ganzen Schulzeit auf Unverständnis. „Die einen glaubten, dass ich mir bessere Noten erschleiche. Die anderen hielten mich ohnehin für blöd.“
Viele Legastheniker sind hochbegabt
„Vorurteile, die bis heute nicht auszurotten sind“, kommentiert Annette Höinghaus, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie (BVL). Und die den Betroffenen das Leben zusätzlich schwermachen. Dabei ist seit Jahrzehnten wissenschaftlich belegt, dass Legasthenie keinen Einfluss auf die intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen hat. Im Gegenteil: Viele Legastheniker sind hochbegabt. Auch Sandra hat einen Intelligenzquotienten von 132.
Der BVL engagiert sich seit 1974 für die Rechte Betroffener. Dem Selbsthilfeverband ist es auch zu verdanken, dass es heute in allen Bundesländern Schulgesetze gibt, die Nachteilsausgleich und/oder Notenschutz gewähren. Seitdem schaffen es immer mehr Legastheniker an die Uni. Etwa 2 Prozent aller Studenten sind nach Schätzungen von Experten betroffen, also rund 40.000 Menschen.
Der Alltag ist für die Betroffenen an der Uni nicht besser als an der Schule. Schon viele Lehrer kennten sich nicht richtig aus, sagt Expertin Höinghaus. Und für Hochschullehrer gelte dies erst recht. „Wenn Sie nicht gescheit lesen und schreiben können, haben Sie hier nichts zu suchen“, hörte beispielsweise eine Leidensgenossin von Sandra, die in Osnabrück Betriebswirtschaftslehre im Gesundheitswesen studiert. Ihre Bitten, Fachbegriffe in Vorlesungen an die Tafel zu schreiben, wurden belacht, Anfragen, Prüfungen mündlich ablegen zu dürfen, zunächst ignoriert, dann mit so vielen Auflagen belegt, dass die Sache dadurch auch nicht einfacher wurde. Ihr Eindruck: „Manchmal wird sogar absichtlich versucht, mir das Leben schwer zu machen.“
„Nach wie vor ein Tabuthema“
Dabei haben Legastheniker durchaus auch an der Uni einen Anspruch auf Rücksichtnahme, betont Wiebke Hendeß, Behindertenberaterin im Studentenwerk Oldenburg. Hendeß ist eine der wenigen Expertinnen im universitären Bereich, die sich mit dem Thema auskennen. „Eigentlich ist Legasthenie an der Uni nach wie vor ein Tabuthema“, sagt sie. Hendeß berät seit mehr als zehn Jahren Studenten - auch außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs. Dabei hat sich an der Situation in all den Jahren nicht viel verändert. Die meisten, die sich - meist anonym - an sie wenden, sind vollkommen verunsichert. Entweder haben sie sich wie Sandra gar nicht getraut, ihr Handicap zu verraten. Oder es ergeht ihnen wie der Osnabrücker BWL-Studentin.
Dabei ist die Legasthenie laut Weltgesundheitsorganisation als Behinderung definiert - und als Behinderte könnten Studenten mit Legasthenie auch an der Hochschule Nachteilausgleiche in Anspruch nehmen. Dann könnten sie eine Zeitverlängerung bei Klausuren oder Diplom-, Examens- und Seminararbeiten bekommen, schriftliche Prüfungen könnten in mündliche Prüfungen umgewandelt werden oder sie könnten einen Computer mit Rechtschreibprüfung benutzen, erklärt Hendeß. „Doch das wissen in der Regel weder die Betroffenen noch die Lehrenden.“
Legastheniker haben oft besondere künstlerische oder technische Neigungen
Und selbst wenn sie es wissen: Damit sich der Spott nicht wiederholt, verzichten viele auf Schutz. So wie Christian Marzahl, der an der Fachhochschule Stralsund studiert. Dabei ist Marzahl offener als viele seiner Leidensgenossen - zumindest privat. Vor den Kommilitonen, sagt der Zweiundzwanzigjährige, ließen sich die Fehler sowieso nicht verheimlichen. „Ab und zu gebe ich einen aus“, erzählt er. Im Gegenzug bekommt er dann Mitschriften von Vorlesungen oder Seminaren. Und beim Verfassen schriftlicher Arbeiten verlässt er sich auf Rechtschreibprogramme und seine Freundin. „Die wirft dann abends noch mal einen Blick auf die Grammatik.“ Öffentlich machen will Marzahl seine Legasthenie aber schon deswegen nicht, weil er Angst hat, dass dann auch künftige Arbeitgeber davon erfahren könnten. „Und die, weiß man ja, sind auch nicht toleranter.“
Fachfrau Hendeß glaubt, dass diese Angst unberechtigt ist. Hilfestellungen, die aufgrund einer Behinderung gegeben werden, tauchten im Abschlusszeugnis nicht auf. Sie versucht daher immer wieder, Betroffenen Mut zu machen, zu ihrer Einschränkung zu stehen. Gleichzeitig organisiert sie Veranstaltungen, in denen auch die positive Kehrseite der Legasthenie zur Sprache kommt. Denn es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Legastheniker Begabungen haben, die sie für bestimmte Studiengänge sogar prädestinieren: gute Fähigkeiten, Probleme zu lösen und Ideen zu entwickeln, und oft auch besondere künstlerische oder technische Neigungen. „Gerade angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels gerade in diesen Bereichen kann es sich die Hochschule also eigentlich gar nicht mehr leisten, auf solche Spezialisten zu verzichten.“
Die Hochschule Lausitz soll legastheniefreundlich werden
Diese Einschätzung teilt auch Torsten Kies, Professor an der Hochschule Lausitz. Kies wurde durch einen Studenten auf das Phänomen aufmerksam. Mündlich entwickelte der junge Mann brillante Ideen, „aber jede Klausur offenbarte Totalversagen“. Man gestattete ihm dritte und sogar vierte Nachprüfungen. „Natürlich ohne Erfolg.“ Erst ein langes Gespräch brachte die Legasthenie an Tageslicht.
Kies setzt sich seitdem mit dem Thema auseinander. Als erster in Deutschland hat er sich nun zum Ziel gesetzt, die Hochschule Lausitz legastheniefreundlich zu machen. Derzeit befasst sich eine Diplomandin damit, was sich Betroffene wünschen und wie der Lehrplan umgestaltet werden kann. Dabei geht es Kies vor allem um mehr Flexibilität. „Bevor es existenziell wird, werden dann die Prüfungen eben mündlich abgenommen und die Vorbereitungen erfolgen im Gruppengespräch,“ erläutert er. Gestartet wird in Lausitz zum Wintersemester.
Das übliche Geraune von Dunkelziffern
Ludwig Wanninger (Wanninger-Au)
- 02.02.2011, 01:48 Uhr
Frage an die Autoren und eventuell weitere Kenner: Legastenie und Informatik
Wolfgang Müller (muellerw2)
- 02.02.2011, 06:44 Uhr
@ Wolfgang Müller | Informatik und Legastenie
Adrian Gabriel (najzero)
- 02.02.2011, 11:58 Uhr
legasthenie
peter neumann (wammy)
- 02.02.2011, 12:55 Uhr
Herr Neumann,
Wolfgang Müller (muellerw2)
- 03.02.2011, 00:10 Uhr
