14.12.2008 · Die Hochschulen entdecken studierende und forschende Eltern als Zielgruppe. Doch oft erschöpft sich ihre Familienfreundlichkeit noch in Werbeslogans und Einzelprojekten.
Von Florian VollmersAuf dem Campus der Universität Potsdam herrscht Aufregung: Ein Fernsehteam des Rundfunks Berlin-Brandenburg läuft mit Kamera umher. Lokalredakteure der "Märkischen Allgemeinen" interviewen Johanna Wanka, die Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Schaulustige drängen sich um eine kleine Baustelle, den Mittelpunkt des Interesses: Ein Spielplatz wird angelegt, mitten auf dem Hochschulgelände. "Wir sind stolz, dass dieses Projekt jetzt realisiert wird", sagt Barbara Schrul, die Gleichstellungsbeauftragte der Uni, die vom Land Brandenburg 85 000 Euro Fördergelder für den Spielplatz eingeholt hat. "Und dass die Öffentlichkeit daran so intensiv teilnimmt, ist sehr wichtig. Denn das Thema Familienfreundlichkeit an deutschen Hochschulen muss einfach noch mehr diskutiert werden."
Wie "familienfreundlich" sind Deutschlands Hochschulen eigentlich? Wenn schon der Bau eines Spielplatzes ein derartiges Medieninteresse hervorruft, kann es mit den Angeboten für studierende Eltern nicht weit her sein. Experten bestätigen dies. "Von flächendeckend familienfreundlichen Studienbedingungen sind wir in Deutschland noch weit entfernt", urteilt Rolf Dobischat, der Präsident des Deutschen Studentenwerks (DSW). "Alle kennen die Debatten um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das Thema Elternschaft und Studium sollte einen vergleichbaren Stellenwert erhalten." In der Regel fehle es an Betreuungsangeboten, kompetenter Beratung und finanzieller Unterstützung. Zudem seien die Studienpläne nicht flexibel genug.
Studierende Eltern haben es nicht leicht
Auch die Statistik zeigt, dass es studierende Eltern nicht leicht haben: Nur 44 Prozent der Studenten mit Kind sehen ihre finanzielle Situation als gesichert an. Bei den Kinderlosen sind es immerhin 61 Prozent. Studenten mit Kind unterbrechen ihr Studium viermal häufiger, im Schnitt studieren sie fünf Semester länger. Hanna Krause zum Beispiel: Als die heute Dreißigjährige zu Beginn ihres kulturwissenschaftlichen Studiums an der Universität Bremen ungewollt schwanger wurde, musste sie erst einmal aussetzen. Mittlerweile ist sie im 14. Semester. "Dass es so lange dauert, war natürlich nicht geplant", sagt sie. "Aber anfangs habe ich für meinen Sohn keinen Betreuungsplatz gefunden und musste zudem noch abends jobben. Da bleibt nicht mehr viel Zeit zum Studieren."
Vom Angebot ihrer Hochschule ist Hanna Krause enttäuscht. "Der Uni-Kindergarten ist total überlaufen, oft liegen die Seminare am späten Nachmittag oder abends und kommen für mich nicht in Frage", kritisiert sie. "Aber am schlimmsten ist es, wenn man von Dozenten blöd angemacht wird, sobald man eine Viertelstunde früher geht, weil man sein Kind abholen muss." Inzwischen ist ihr Sohn Lasse vier Jahre alt und geht bis 15 Uhr in eine private Kindergruppe. Der Studienalltag lässt sich so zwar besser organisieren. "Aber ich würde niemandem empfehlen, mitten im Studium ein Kind zu bekommen", sagt sie. Mit dieser Meinung ist Hanna Krause nicht allein: Nur die Hälfte der rund 123 000 Studenten mit Kind halten dem Sozialbericht des Deutschen Studentenwerks zufolge Studium und Kind prinzipiell für vereinbar. Ein Viertel würde sich nicht noch einmal für ein Studium mit Kind entscheiden.
Vorbild Skandinavien
Gewiss ist nicht die Bildungspolitik dafür verantwortlich, dass Eltern vor anderen Herausforderungen stehen als kinderlose Studenten. Dass sie es in Deutschland damit schwerer haben als anderswo, zeigt allerdings der europäische Vergleich: In Deutschland ist der Anteil der Eltern unter den Studenten mit 5,5 Prozent verhältnismäßig niedrig. An der Spitze steht Norwegen mit satten 21,7 Prozent, gefolgt von Schweden mit 16,6 Prozent. "Die Familienfreundlichkeit der skandinavischen Länder sollte ein Vorbild sein", sagt Markus Langer vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) dazu. "Dort nimmt der Staat jene Aufgaben wahr, die Voraussetzung sind für die Vereinbarkeit von Studium und Elternschaft, beispielsweise durch die Bereitstellung von genügend Betreuungsplätzen."
Allerdings habe sich in den vergangenen Jahren auch an deutschen Hochschulen viel getan, räumt Langer ein. Das CHE selbst etwa hat für ihr Programm "Familie in der Hochschule", für das Markus Langer verantwortlich ist, acht gute Beispiele ausgewählt. So soll das geplante "Family-Welcome-Centre" der Philipps-Universität in Marburg Studenten mit Kindern dabei helfen, sich schnell mit den universitären und städtischen Strukturen vertraut zu machen. Die Fachhochschule Wismar wiederum arbeitet an einem Konzept zur Erstellung individueller Sonderstudienpläne, das die engen Zeitfenster studierender Eltern besonders berücksichtigt. Anfang 2010 sollen die Projekte im Detail vorgestellt werden, das CHE wird dazu politische Empfehlungen aussprechen. "Wir hoffen, damit die Familienfreundlichkeit weiter voranzubringen", sagt Langer.
Ein Zertifikat zur Orientierung
Wer als Wissenschaftler oder Studienanfänger jetzt schon auf der Suche nach einer familienfreundlichen Hochschule ist, kann das Zertifikat "Familiengerechte Hochschule" der Hertie-Stiftung als Orientierungshilfe nutzen. Erstmals 2001 an zwei deutsche Universitäten vergeben, zeichnet es heute über 90 Hochschulen aus, die sich freiwillig einer Prüfung auf familienfördernde Angebote unterziehen. "Dabei wird nicht nur der Status quo ermittelt, sondern über Zielvereinbarungen auch das Entwicklungspotential der jeweiligen Hochschule", berichtet Stefan Becker, der Geschäftsführer der zuständigen Berufundfamilie gGmbH. Jedes Jahr müssen die zertifizierten Hochschulen einen Bericht vorlegen, alle drei Jahre wird die Familienfreundlichkeit aufs Neue überprüft. "Studierende können davon ausgehen, dass Hochschulen mit dem Zertifikat verlässliche Rahmenbedingungen haben, die das Studieren mit Kind erleichtern."
Im Sommer wurde auch die Uni Potsdam mit dem Zertifikat "Familiengerechte Hochschule" ausgezeichnet: Neben dem noch im Bau befindlichen Spielplatz gibt es dort Kitas an allen Standorten, eine Info-Plattform und Kontaktbörse, die sich "Eltern-Kind-Netzwerk" nennt, sowie ein "Welcome Center", das ausländischen Wissenschaftlern bei der Suche nach Betreuungsplätzen hilft. "Hier hat sich eine ganze Menge getan", bestätigt Madeleine Thiede (30), Mutter zweier Kinder und Studentin der Erziehungswissenschaft an der Uni Potsdam, den Eindruck. "Als mein erster Sohn vor sechs Jahren geboren wurde, hatten wir noch keinen Uni-Kindergarten." Mittlerweile gibt es ihn, genauso wie Mutter-Kind-Räume mit Wickelbereich und Familienecken mit Hochstühlen und Spielsachen in der Mensa. "Trotz solcher herausragender Beispiele haben selbst die zertifizierten Hochschulen immer noch Nachholbedarf", hält Florian Keller aus dem Vorstand des Studentischen Dachverbandes FZS dagegen. "Zwar verfügen alle ausgezeichneten Hochschulen über Kitas. Aber schon bei der Flexibilität der Seminarplanung differenziert das Angebot sehr weit und ist bei vielen Einrichtungen nicht ausreichend."
„Familienfreundlichkeit bedeutendes Instrument zur Profilierung“
Dass sich dies zwangsläufig ändern wird, prophezeit Stefan Becker von der Hertie-Stiftung. "Die gesamte Hochschullandschaft steht vor einem gewaltigen Strukturwandel. Die Hochschulen werden in Zukunft noch stärker in Konkurrenz um führende wissenschaftliche Köpfe treten müssen", sagt er. "Familienfreundlichkeit ist dabei ein bedeutendes Instrument zur Profilierung." Schon jetzt fragten Wissenschaftler vor dem Hochschulwechsel die Stiftung gezielt nach familienfreundlichen Maßnahmen. "Dabei zeigt sich, dass die Hochschulen im Vergleich zur Privatwirtschaft immer noch abfallen", resümiert Becker. "Dort stehen bis weit in den Mittelstand hinein viel pfiffigere familienfreundliche Lösungen zur Mitarbeiterbindung bereit."