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Studium in Deutschland Uni Stuttgart - ein bissle chinesisch

26.11.2006 ·  Auf dem ersten Platz der Namensliste der Stuttgarter Studenten steht Müller, auf dem zweiten Wang, auf dem dritten Zhang: Immer mehr Chinesen zieht es nach Schwaben. Dort studieren sie Maschinenbau, Informationstechnik und die Deutschen.

Von Alexia Angelopoulou
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Die Kunst der Statistik treibt bisweilen merkwürdige Blüten. So hat ein fleißiger Mensch die häufigsten Nachnamen unter den 21 000 Studenten der Universität Stuttgart ermittelt. An erster Stelle steht Müller, dann folgt der Nachname Wang, danach Zhang, auf Platz vier findet sich Li, und erst auf Rang fünf schafften es all jene, die mit Nachnamen Schmidt heißen. 1450 chinesische Studenten sind derzeit an der Uni immatrikuliert, dreimal mehr als die 530 Türken. Die Chinesen prägen neben der Namensliste vor allem das Bild auf dem Campus in Stuttgart-Vaihingen, wo die meisten technischen Fachrichtungen angesiedelt sind.

"Wir wissen, daß spätestens seit dem Jahr 2000 sehr viele chinesische Studenten nach Deutschland gekommen sind. Mittlerweile schließen hier jedes Jahr gut 1200 Chinesen ihr Studium ab", sagt Wan Jinglei. Der 38 Jahre alte Betriebswirt hat vor sechs Jahren in Stuttgart einen Internetauftritt für Chinesen mit deutschem Wohnsitz gegründet, sechsmal im Jahr erscheint das dazugehörige Magazin "Ouline" mit einer Auflage von 15 000 Exemplaren. Künftig will Wan Jinglei seine Publikation monatlich anbieten. Die Nachfrage ist groß. Rund 25 000 chinesische Studenten und Wissenschaftler leben in Deutschland, die meisten pflegen untereinander enge Kontakte. In jeder größeren Unistadt gibt es einen gut etablierten chinesischen Verein, alle zwei Jahre trifft man sich zum "Akademischen Kongress der chinesischen Wissenschaftler und Studenten Deutschlands".

Deutschland ist nicht das Traumziel

Dabei gilt Deutschland längst nicht bei allen chinesischen Studenten als Traumziel. "Ihnen ist sehr wohl bewußt, daß das Studium hier immer noch viel länger dauert als in Großbritannien oder den Staaten", sagt Jinglei. "Wer in England studiert, hat nach vier Jahren seinen Master und kann jung in den Beruf einsteigen, während die durchschnittliche Studienzeit hierzulande oft bei sechs bis acht Jahren liegt." Auch die deutsche Sprache zu beherrschen ist längst nicht mehr zwangsläufig ein Wettbewerbsvorteil. "Viele Chinesen haben die Erfahrung gemacht, daß sie während ihres Aufenthalts in Deutschland ihr Englisch vergessen. Englisch aber ist mittlerweile in den meisten Großkonzernen die Firmensprache, gleichgültig, in welchem Land man für das Unternehmen arbeitet."

Englisch ist ein Muß, Deutsch ein Plus

Ein Absolvent, der beim Autobauer Daimler-Chrysler einsteigen will, ist unter Umständen mit sehr gutem Englisch besser für die Zukunft gerüstet als mit flüssigem Deutsch. "Englisch ist ein Muß, Deutsch ein Plus", sagt Wan Jinglei. Doch er hat auch eine Entwicklung ausgemacht, die Deutsch als Fremdsprache für Chinesen wieder attraktiver werden läßt. "Zunehmend folgt der baden-württembergische Mittelstand den Großkonzernen nach China. In den kleineren Unternehmen wird sehr wohl Deutsch, nicht Englisch gesprochen. Und gerade diese kleineren Unternehmen brauchen sowohl in China als auch zu Hause jemanden, der die chinesische Sprache und Kultur kennt und versteht." Eine gute Chance für all jene Chinesen, die sich in Deutschland haben ausbilden lassen.

Solche Kontakte zu fördern, hat sich unter anderem der Verein der chinesischen Wissenschaftler und Studenten in Stuttgart zur Aufgabe gemacht. "Eine Wohnung zu suchen, ein Konto zu eröffnen und vor allem selbständig sein Studium zu organisieren ist für viele auf Anhieb nicht ganz einfach", sagt der Vereinsvorsitzende Luk Wen Long. "Die Deutschen legen sehr viel Wert auf Selbständigkeit, hier gibt es niemanden, der einen durchs Studium führt." Das ist ungewohnt für die chinesischen Studenten, die verschulte Systeme kennen. Sind die ersten Hürden umschifft, gilt es außerdem, Kontakt nicht nur mit Chinesen, sondern auch mit deutschen Kommilitonen zu suchen. Das gängige Vorurteil, die Chinesen hielten sich in dieser Hinsicht sehr zurück, möchte Vize-Vereinschef Xue Yong Gang so nicht unterschreiben. "Ich habe von Anfang an auch Deutsche kennengelernt, die mir viel geholfen haben. Natürlich habe ich auch chinesische Freunde, aber ein paarmal war ich schon mit deutschen Kumpels Skifahren, und umgekehrt gibt es durchaus Chinesen, die ein Tutorium halten oder sich auf andere Art einbringen."

Schwierige Gespräche mit den Deutschen

Die kulturellen Unterschiede möchte er aber nicht vertuschen. "Natürlich müssen wir ein bissle was lernen, zum Beispiel die Sache mit der Ordnung. Wenn ich Chinesen, die hier neu sind, einen Tip geben kann, dann ist es der, stets einmal mehr zu fragen." Den Hausmeister, wenn man sich über die Hausordnung nicht im klaren ist. Oder Kommilitonen, wenn die Studienordnung Rätsel aufgibt. "Eigentlich ist das mit der Ordnung eine gute Sache, denn wenn man es mal begriffen hat, ist es ganz einfach", sagt Xue Yong Gang. "Die meisten Chinesen, die herkommen, sind bereits vorab sehr gut informiert und haben auf jeden Fall Grundkenntnisse in der deutschen Sprache", sagt Ouline-Herausgeber Wan Jinglei. "Allerdings ist es nicht immer einfach, Kontakte zu knüpfen - für beide Seiten." Die Deutschen, das beklagen Chinesen oft, haben wenig Ahnung vom Land der Mitte. Umgekehrt gilt das genauso. "Da wird von Nutella gesprochen, von bestimmten Marken und anderen Dingen, mit denen sie aufgewachsen sind und die wir einfach nicht kennen. Automatisch klinkt man sich dann aus", erklärt Wan Jinglei. Er hat schon häufig mit chinesischen Freunden darüber diskutiert, wie schwierig es ist, mit Deutschen länger als ein klassisches akademisches Viertelstündchen zu reden. "Am Anfang klappt es: Wer bist du, wo kommst du her, was studierst du. Aber nach einer Viertelstunde gehen die Gesprächsthemen aus, dieses Phänomen ist unter den hier lebenden Chinesen bekannt." Seine Empfehlung an seine Landsleute: "Mit Deutschen mal ein Bier trinken gehen, Themen für Gespräche notfalls vorbereiten, sich wirklich Mühe geben. Das ist nicht nur wichtig für das Studentenleben, sondern auch für die künftige Karriere."

Studiengebühren waren ein Schock

Beim chinesischen Bildungsministerium versichert man, auch weiterhin mehr chinesischen Studenten ein Auslandsstudium zu ermöglichen. Das sei nötig, um die Bedürfnisse der schnellen wirtschaftlichen Entwicklung zufriedenzustellen, heißt es in der Abteilung für internationale Kooperation und Austausch. Im Jahr 2005 wurden mehr als 7000 Studenten mit staatlicher Hilfe ins Ausland geschickt; nun soll der Etat erhöht werden. Hinzu kommen all jene, deren Familien es sich leisten können, ihre Kinder in ferne Länder zu schicken, vornehmlich aus der gehobenen Mittelschicht von Ärzten, Ingenieuren oder Beamten. Die Vereinigten Staaten zählen derzeit rund 100 000 chinesische Studierende, Großbritannien und Japan jeweils 50 000, Deutschland 20 000, Tendenz steigend. Und das, obwohl einer der wichtigsten Pluspunkte der deutschen Unis aus Sicht der Chinesen weitgehend Makulatur ist: Die kostenlose Bereitstellung von Studienplätzen. "Die Studiengebühren waren für viele ein Schock. Zunächst ging wohl sogar die Zahl der Bewerber leicht zurück", sagt Wan Jinglei. Allerdings glaubt er, daß der Schreck schnell nachlassen wird. "500 Euro sind nicht so wahnsinnig viel, vor allem im Vergleich zu anderen Ländern."

Quelle: F.A.Z., 25.11.2006, Nr. 275 / Seite C6
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