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Studium in Deutschland Einstiegshilfen für die Gäste

02.04.2009 ·  Für Studienbewerber aus dem Ausland ist die deutsche Zulassungsbürokratie oft kaum zu durchschauen. Dafür kommen ihnen viele Hochschulen mit Vorsemestern und Tutorien entgegen.

Von Nina Trentmann
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Der Spaß ist inzwischen vorbei. Zong Ning Feng muss büffeln: Vokabeln, Konjugationsformen, Aussprache. "Am Anfang war es lustig, aber jetzt ist es nur noch Lernen", sagt die 20 Jahre alte Chinesin. Seit knapp fünf Monaten ist sie "Freshman" an der Fachhochschule Aachen. Deutsch, Englisch, Mathematik, Chemie und Physik stehen auf ihrem Stundenplan. Nach zehn Monaten entscheidet eine Sprachprüfung darüber, ob sie gut genug Deutsch spricht, um in Deutschland studieren zu können. Erst danach kann sie sich für einen Studienplatz an der FH bewerben.

Das "Freshman Year" in Aachen ist eines der wenigen Programme dieser Art. Viele Hochschulen versuchen allerdings mit Zusatzangeboten wie Online-Datenbanken, Tutorenprogrammen und Sprachkursen ihre Attraktivität für ausländische Studenten zu erhöhen und mehr Bewerbungen aus dem Ausland zu erhalten - eine längst überfällige Maßnahme. Denn die Zahl der ausländischen Studenten in Deutschland ist zwar über Jahre stetig angestiegen, zuletzt aber wieder gesunken. Und anziehend wirkt auf die internationalen Bewerber meist der gute fachliche Ruf der deutschen Hochschulen, nicht ihr Einfallsreichtum im Umgang mit Studenten aus dem Ausland.

Wo „Freshmänner“ forschen

Zong Ning Feng kommt aus Nanjing, einer der schnell wachsenden chinesischen Millionenstädte. Verglichen mit ihrer Heimatstadt, ist das 4000-Einwohner-Städtchen Linnich in der Nähe von Jülich nicht einmal ein Dorf. Hier sind die 155 "Freshman"-Studenten der FH Aachen in den massiven Backsteingebäuden einer ehemaligen Polizeischule untergebracht. Hier leben und lernen sie, in Zweier-Zimmern und Unterrichtsräumen wie in der Schule. Um 9 Uhr morgens beginnt der Unterricht, acht Stunden am Tag stehen auf dem Lehrplan, in kleinen Gruppen von maximal zwölf Schülern. Knapp 30 Lehrer des Sprachenzentrums der Hochschule bringen den im Schnitt 18 oder 19 Jahre alten Studenten Deutsch und Englisch bei, Gymnasiallehrer geben den Fachunterricht in den Naturwissenschaften. Nachmittags ist Praktikum: Die "Freshmänner" fahren zum Forschungszentrum nach Jülich, um dort in den Labors und Werkstätten zu arbeiten. Das dreimonatige Praktikum ist Voraussetzung für die technischen Studiengänge in Aachen - für alle Bewerber, nicht nur für die sogenannten Bildungsausländer.

In einem anderen Bundesland würde Zong Ning Feng wahrscheinlich ein Studienkolleg besuchen, bevor sie mit dem eigentlichen Studium beginnen dürfte. Denn der Schulabschluss, den sie in China gemacht hat, ist nach Einschätzung der Kultusministerkonferenz (KMK) weniger wert als ein deutsches Abitur. Vor dem Besuch des Studienkollegs hätte sie jedoch wiederum ein Jahr in China studieren müssen. Rechnet man einen Sprachkurs dazu, käme sie schnell auf zweieinhalb Jahre, die sie vor dem Studienbeginn investieren müsste. Das "Freshman"-Programm dagegen dauert nur zehn Monate. "Wir verkürzen die Zeit vor dem eigentlichen Studienbeginn enorm", sagt Hans-Josef Ackermann, der stellvertretende Leiter des "Freshman"-Instituts.

Sein Modell, das zuvor nur aufgrund von Ausnahmen und Sonderregelungen versuchsweise möglich war, könnte nun auch an anderen Hochschulen zur Anwendung kommen. Denn nachdem der Landesrechnungshof in Düsseldorf die Studienkollegs 2006 als ineffektiv gerügt hatte, schaffte Nordrhein-Westfalen sie als bisher einziges Bundesland zum Jahreswechsel ab. "Die Universitäten sind jetzt in der Lage, eigene Vorbereitungskurse anzubieten", sagt Moritz Ballensiefen aus dem Wissenschaftsministerium. Zum Sommer wollen nun auch die Fachhochschulen Dortmund, Köln und Bielefeld ähnliche Programme wie in Aachen anbieten. Auch die Universität Duisburg-Essen konzipiert ein Vorbereitungsjahr. 90 Stipendien will das Land dafür im Jahr vergeben. Der Rest der Studieninteressierten, die erst nach einem Vorbereitungsjahr nach deutschen Maßstäben studierfähig sind, zahlt das aus eigener Tasche. Knapp 16 000 Euro kostet zum Beispiel das Freshman-Jahr der FH Aachen. "Im internationalen Vergleich stehen wir sehr gut da", ordnet Hans-Josef Ackermann den Preis ein. Da die Studiengebühren in Aachen nur bei 500 Euro im Semester lägen, sei ein Studium hier für viele Bewerber immer noch günstiger als an einer amerikanischen oder einer britischen Hochschule.

Chinesen loben Maschinenbau in Deutschland

Deutschland sei ein gutes Land zum Studieren, hat Zong Ning Feng in ihrer Heimat gehört. "Maschinenbau in Deutschland genießt bei uns einen sehr guten Ruf", sagt auch Wu Zhengbo, der aus der Anhui-Provinz kommt und ebenfalls so schnell wie möglich in Aachen studieren will; deshalb hat er schon vor seiner Reise nach Deutschland Sprachunterricht genommen. Doch vielfach ist es einfach Glücks- oder Pechsache, wie lange ein Student aus dem Ausland braucht, um in Deutschland zum Studium zugelassen zu werden: Entscheidend ist meistens das Urteil der Kultusministerkonferenz über die Abschlussprüfungen im jeweiligen Herkunftsland, das sich in der "Anabin"-Datenbank der KMK findet. Demnach kann ein Absolvent aus Gambia direkt mit dem Studium beginnen; wer dagegen aus Indien stammt, muss davor ein Studienkolleg besucht oder ein Jahr erfolgreich an einer indischen Hochschule studiert haben.

Die Frage nach der tatsächlichen Studierfähigkeit ist damit jedoch nicht mit Sicherheit beantwortet. "Dass jemand formal den direkten Hochschulzugang hat, sagt sehr wenig darüber aus, ob er in Deutschland auch erfolgreich studieren kann", sagt etwa Stephan Fuchs, der die Abteilung Internationales an der Ludwig-Maximilians-Universität in München leitet. Das dort angebotene Propädeutikum, das der Verein "Deutschkurse für Ausländer" organisiert, schließt Fachunterricht in den Geistes-, Wirtschafts- und Naturwissenschaften ein und bereitet wie das Aachener "Freshman"-Programm auf die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) vor, die für alle auf Deutsch unterrichteten Studiengänge erforderlich ist. Der einsemestrige Kurs kostet 900 Euro und richtet sich in erster Linie an Studienanfänger.

Mit ähnlichen Programmen wollen viele Hochschulen die Zahl ihrer internationalen Erstsemester erhöhen; Beispielprojekte fördert das Bundesbildungsministerium seit drei Jahren mit der Profis-Initiative (Programm zur Förderung der Internationalisierung). So wurden in Gießen zusätzliche Deutschkurse für schon immatrikulierte Ausländer eingerichtet - denn wer an der Lahn einen englischen Studiengang belegt, muss nicht zwangsläufig Deutsch können. "Im Supermarkt ist ein bisschen Deutsch aber sehr hilfreich", begründet Knut Eisold, der die Kurse koordiniert, die große Nachfrage. Ein anderes Beispiel: An der Freien Universität Berlin wurde im Netz der "Distributed Campus" gegründet, wo ausländische Studenten sich schon vor Semesterbeginn informieren und Formalitäten erledigen können. Und an der Fachhochschule Offenburg kümmern sich Tutoren einzeln um die internationalen Studenten; wer wie Wu Zhengbo schon vor Studienbeginn Deutsch kann, bekommt Zusatzpunkte im Bewerbungsverfahren; ein Online-Test hilft den Bewerbern zudem, vorab einzuschätzen, ob sie ein Studium in Offenburg schaffen können oder nicht.

Versäumnisse der Vergangenheit

"Es gibt einen großen Instrumentenkasten, den man einsetzen kann", kommentiert Dieter Lenzen, der Präsident der Freien Universität Berlin und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) für internationale Angelegenheiten, die Beispiele. "Das machen aber leider noch nicht alle Hochschulen gleichermaßen." Auch die Verwaltungen müssten internationaler werden, wozu Lenzen auch die Anpassung der deutschen Semesterzeiten an internationale Standards zählt. "Wir haben in Deutschland einen Nachholbedarf wie kaum ein anderes Land", kritisiert Lenzen Versäumnisse der Vergangenheit. An seiner eigenen Hochschule soll bis 2010 ein Viertel aller Studenten ausländischer Herkunft sein.

Hans-Josef Ackermann weiß schon, wo er den nächsten "Freshman"-Jahrgang für Aachen rekrutieren wird. Jeden Sommer fährt er mit einer Gruppe von Prüfern nach China , um dort seine Kandidaten zu casten. Von den knapp 400 Bewerbern im vergangenen Jahr wurden etwa 180 zugelassen, 155 kamen schließlich in die Printenstadt; 90 Prozent von ihnen stammen aus China. "Die deutschen Ingenieurstudiengänge genießen in China ein sehr hohes Ansehen", begründet Ackermann die hohe Quote. Im Reich der Mitte gebe es so viele Schulabgänger, dass nicht alle an heimischen Hochschulen studieren können; außerdem sei die Bereitschaft zu einem Studium im Ausland deutlich höher als im internationalen Durchschnitt. Dass auch die FH Aachen mit ihren knapp 20 Prozent ausländischen Studenten im deutschen Vergleich deutlich über dem Durchschnitt liegt, dürfte so bleiben: Hans-Josef Ackermann will die Teilnehmerzahl für das "Freshman"-Programm aufstocken.

Worauf sich ausländische Studenten vorbereiten müssen, wenn sie einen Aufenthalt in Deutschland planen, haben der Deutsche Akademische Austauschdienst und das Deutsche Studentenwerk auf ihren Internetseiten auch auf Englisch zusammengefasst. Ebenfalls in englischer Sprache gibt es den Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz, eine Übersicht der in Deutschland angebotenen Studiengänge. Außerdem hat nicht nur das Freshman Year in Aachen seine eigene Internetseite. Zumindest die großen Universitäten und Fachhochschulen führen auf ihren Seiten ihre jeweiligen Beratungs- und Anlaufstellen für Gaststudenten auf.

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