Wo "überwintern" amerikanische Politiker und ehemalige hohe Regierungsbeamte, deren Partei gerade nicht an der Macht ist? Und wohin zieht es ehrgeizige junge Wissenschaftler, die die Nähe zur Politik suchen? In die amerikanischen Thinktanks. Also dorthin, wo Strategien und Konzepte zur Politikgestaltung erarbeitet werden, mit dem Ziel, die öffentliche Debatte zu fördern, auf die Politik einzuwirken, und zum Teil auch, um eine bestimmte politisch-ideologische Agenda voranzutreiben.
Theoretisch haben Studenten und junge Wissenschaftler, die Erfahrungen in einem amerikanischen Thinktank sammeln möchten, die Qual der Wahl: Denn insgesamt gibt es in den Vereinigten Staaten ungefähr 1500 Institute, Zentren, Forschungseinrichtungen, Stiftungen und Projekte, die unter dem Begriff Thinktank firmieren. Manche Denkfabriken sind allerdings auf ganz bestimmte Politikthemen spezialisiert. Da gibt es zum Beispiel das "Migration Policy Institute" in Washington, das sich mit weltweiten Wanderungsbewegungen beschäftigt. Oder das "World Resources Institute" in Washington, einen Thinktank für Umweltforschung und Umweltpolitik.
Ohne Fachkenntnisse geht nichts
"Man sollte sich also schon genau überlegen, was man kann, wofür man sich interessiert und was man kennenlernen möchte. Das erhöht die Chancen, einen der begehrten Praktikumsplätze zu ergattern und für Aufgaben eingesetzt zu werden, die den eigenen Neigungen und Fähigkeiten entsprechen", rät Antje Kuchenbecker, die bei der "Brookings Institution" in Washington hospitiert hat. "Die Interns verbringen einen großen Teil ihrer Zeit mit Recherchen; deshalb ist es wichtig, dass man gewisse Fachkenntnisse hat", sagt die promovierte Slavistin und Historikerin, die seit zwei Jahren Repräsentantin der Hamburger Privatuniversität Bucerius Law School in den Vereinigten Staaten ist.
Antje Kuchenbecker hat von August 2004 bis Mai 2005 bei Brookings hospitiert. Sie blieb damit weit länger als die meisten Praktikanten, die nur einige Wochen während der Semesterferien bei den Thinktanks sind. Die Hamburgerin hatte sich ganz gezielt für eine Hospitanz in der Abteilung für Fundraising beworben. "Ich wollte erfahren, wo und wie eine akademische Institution Spenden sammelt, die im Gegensatz zu den amerikanischen Universitäten ja keine Alumni als Geldgeber hat." Antje Kuchenbecker hat unter anderem Spendenprojekte für die Ressorts Wirtschaft und Außenpolitik mit organisiert. "Wertvolle Erfahrungen" habe sie auch im Rahmen ihrer Recherchetätigkeit gesammelt. Unter anderem prüfte sie, welche internationalen Stiftungen als Geldgeber für Forschungsprojekte von Brookings in Frage kommen. Die Arbeit sei interessant gewesen und habe Spaß gemacht, sagt Antje Kuchenbecker, allerdings hätte sie sich gewünscht, "noch mehr von der Institution Brookings als Ganzes zu erfahren". Doch die Möglichkeiten, "an Meetings teilzunehmen, in denen man erfährt, was den Laden zusammenhält und wie dort gearbeitet wird", seien eher begrenzt gewesen. "Da wollte man sich nicht so gern in die Karten gucken lassen."
Unter Strobe Talbotts Leitung
Die Brookings Institution gehört zu den ältesten, größten und renommiertesten Thinktanks in den Vereinigten Staaten. Präsident ist denn auch kein Geringerer als der frühere stellvertretende amerikanische Außenminister der Clinton-Regierung Strobe Talbott. Unter seiner Führung arbeiten 140 sogenannte Scholars - vornehmlich Politologen, Historiker, Rechtswissenschaftler und Ökonomen - an Forschungsprojekten, Büchern, Aufsätzen und Kommentaren zu aktuellen Politikthemen. Dazu zählen die Außen-, Verteidigungs-, Wirtschafts- und Handelspolitik und die klassischen Felder der amerikanischen Innenpolitik. Die Scholars treten außerdem als Zeugen bei Anhörungen im Kongress auf und bestreiten Vorträge, Seminare und Konferenzen. Unterstützt werden sie von 200 Assistenten und Angestellten.
Ähnlich wie Brookings sind auch die anderen großen amerikanischen Thinktanks organisiert. Dazu zählen in Washington die konservative "Heritage Foundation" sowie die libertär-konservativen Denkfabriken "American Enterprise Institute" (AEI) und "Cato Institute". Alle drei zielen darauf, konservativ-libertäre Ideen zu fördern: freies Unternehmertum, Deregulierung, schlanker Staat und individuelle Freiheitsrechte. Heritage und AEI sind außerdem Fürsprecher einer robusten nationalen Verteidigung. So gehören dem AEI prominente neokonservative Strategen wie Richard Perle an, die die Außen- und Verteidigungspolitik der Regierung Bush mitgeprägt haben. Und von der Heritage Foundation hat die Regierung Bush Schützenhilfe bei der Bewahrung traditioneller amerikanischer Familienwerte bekommen.
Konservative Köpfe sind gefragt
Dagegen legt Brookings Wert darauf, "unabhängige" Forschung zu betreiben. In der Praxis lässt sich allerdings eine gewisse Nähe zur Demokratischen Partei beobachten. Ganz gezielt wird die Demokratische Partei vom "Progressive Policy Institute" mit Ideen, Analysen und Strategien versorgt. Der Thinktank wurde in den achtziger Jahren von konservativen Demokraten gegründet, die den politisch-ideologischen Erfolgen der Republikaner entgegenwirken wollten. Manche Thinktanks legen Wert darauf, dass sich schon Hospitanten auf ihrer ideologisch-politischen Wellenlänge befinden. Die Heritage Foundation, die im Jahr etwa 120 Praktikumsplätze für Studenten bereithält, hebt zum Beispiel hervor, dass "konservative Köpfe" gefragt seien. Und Cato wünscht sich Bewerber, die "eine starke Verpflichtung gegenüber dem Gedanken individueller Freiheit und der Philosophie des Liberalismus erkennen lassen".
Verständnis für Marktwirtschaft
Auch Bewerber für das "Charles G. Koch Summer Fellow Programm" sollten "Verständnis für klassischen Liberalismus und Interesse an marktwirtschaftlichen Ideen demonstrieren", sagt Scott Barton. Er ist Direktor des Praktikumsprogramms, das von der George Mason University mit Sitz im Bundesstaat Virginia unweit von Washington organisiert wird. Den 55 "Koch Summer Fellows", die zwischen 18 und 30 Jahre alt sein müssen, wird ein achtwöchiges Praktikum bei einer marktwirtschaftlich orientierten Partnerinstitution vermittelt, zu denen auch mehrere Thinktanks gehören. Das Programm umfasst außerdem Kurse und Vorträge und ein Abschlussseminar, in dem die Teilnehmer ihre Forschungsergebnisse aus dem Praktikum vorstellen.
Außerdem bekommen die Teilnehmer ein Stipendium in Höhe von 1500 Dollar. Das ist nicht viel, gemessen an den hohen Lebenshaltungskosten in Washington und Umgebung. Aber an vielen Thinktanks werden die Praktikanten überhaupt nicht bezahlt. Sie dürfen sich glücklich schätzen, im Kreis renommierter Fachleute mit guten Kontakten zu Vertretern von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu arbeiten. Außerdem haben die Praktikanten Gelegenheit, bei den zahlreichen Veranstaltungen der Thinktanks kostenlos Erfahrungen zu sammeln und "Networking" zu betreiben.
Von Passau nach Washington
Von den Kontakten und Beziehungen, die an den Thinktanks gepflegt werden, hat auch Hubert Silberhorn profitiert. Der 27 Jahre alte Promotionsstudent der Universität Passau hat vergangenes Jahr vier Monate am AEI an seiner Dissertation zur Sozial- und Gesundheitspolitik der Bush-Administration gearbeitet. Dank der engen Beziehungen des AEI zur gegenwärtigen amerikanischen Regierung und dank der Hilfe von Mitarbeitern des AEI habe er "Informationen aus erster Hand" für seine Arbeit bekommen, berichtet der Politikwissenschaftler. "Zudem habe ich Einblicke in Bereiche meines Themas gewonnen, die ich in Deutschland sicher nicht entdeckt hätte."
Der Promotionsstudent konnte sich die meiste Zeit seiner eigenen Arbeit widmen, was allerdings keineswegs typisch für ein Praktikum an einem Thinktank ist. Von Zeit zu Zeit habe er noch mit Übersetzungen und Hinweisen zu einem Projekt geholfen, bei dem Mitarbeiter des AEI das amerikanische mit dem deutschen Gesundheitssystem vergleichen.
Bis zur Kantinen-Sitzordnung
Während seines viermonatigen Aufenthalts habe er außerdem viel über die Arbeitsweise von Thinktanks gelernt. "Am AEI ist jeder Scholar selbst für die Absicherung seines Budgets und die Gewinnung neuer Mittel verantwortlich", berichtet der Passauer Promovend. "Deshalb ist es für sie essentiell, in den Medien vertreten zu sein und gute Kontakte zu Politik und Wirtschaft zu haben." Aber auch ihm als Praktikanten gegenüber hätten sich die Mitarbeiter des AEI sehr gesprächsbereit gezeigt. "Als Praktikant sollte man sich allerdings auf Hierarchien einstellen", sagt Hubert Silberhorn. "Besonders am AEI wird in bester konservativer Tradition auf Rangordnung geachtet - bis zur Sitzverteilung in der Kantine."
