16.05.2009 · Das Studium generale ist an einigen Universitäten vom Freizeit zum Pflichtprogramm geworden. Lässt sich Allgemeinbildung auf diese Weise erzwingen?
Von Sebastian Balzter und Mario GotterbarmUnter rund 9000 verschiedenen Studiengängen können Studierwillige in Deutschland wählen, und jedes Semester werden es mehr. Von „Abfallwirtschaft und Altlasten“ in Dresden bis „Zukunftsenergien“ an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe reicht das von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) laufend aktualisierte Verzeichnis zurzeit. Aber wo genau liegt der Unterschied zwischen Wassermanagement und Wasserwirtschaft eigentlich? Und wie unausweichlich ist es, zum Beispiel das Wirtschaftsingenieurwesen noch einmal in vier Dutzend Richtungen aufzuspalten, von „Automobil“ über „Bau“ und „Logistik“ bis „Verkehrsmanagement“? Die HRK-Liste trägt den schönen Titel „Hochschulkompass“, aber viele Studienanfänger verlieren im Gewirr der Spezialisierungen die Orientierung. Den Unternehmen gibt das Thema ohnehin schon lange Anlass zur Klage: Nicht mangelnde fachliche Qualifikation, sondern Praxisferne ist nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages der häufigste Grund dafür, dass sie sich noch in der Probezeit von Berufsanfängern mit Diplom trennen.
Aus Lüneburg aber, das hat sich die dortige Hochschulleitung um den vor drei Jahren angetretenen Präsidenten Sascha Spoun vorgenommen, sollen keine lebensfernen Fachidioten kommen. Deshalb hat Christoph Brand, der für sein BWL-Studium eigens aus Hamburg in die idyllische Kleinstadt mit ihren alten Giebelhäusern aus Backstein und ihrer jungen Universität mit dem aus der Antike entlehnten Namen Leuphana auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne gezogen ist, von seinem Hauptfach bislang noch nicht allzu viel mitbekommen. Nur mittwochs standen Einführungen ins Rechnungswesen und in die BWL auf seinem Stundenplan. Montags dagegen war das obligatorische Seminar luftig mit „Wissenschaft trägt Verantwortung“ überschrieben, freitags mit „Wissenschaft macht Geschichte“.
Bunt gemischt
Christoph Brand selbst hat dafür ein Referat über Rassismus gehalten. Seine Zuhörer waren nicht nur künftige Manager, sondern auch Informatiker, Ingenieure und Kulturwissenschaftler. Genauso bunt gemischt war das Publikum in den Mathematik- und Statistikkursen am Dienstag und Donnerstag, in denen es um fachübergreifend relevante Methoden ging. So sollen alle Lüneburger Studienanfänger - ganz gleich, für welches der 10 Haupt- und 23 Nebenfächer, in denen sie später ihren Bachelor-Abschluss machen wollen - gemeinsam in ihr neues akademisches Leben starten. „Damit schaffen sie die beste Grundlage dafür, problemlösend zu denken, initiativ zu handeln und Widersprüche zu erkennen und aufzulösen“, formuliert Sascha Spoun das Ziel.
Ähnliche Konzepte verfolgen auch andere staatliche Reformuniversitäten, in Erfurt zum Beispiel. In seiner konsequenten Ausgestaltung ist das „Leuphana Semester“, dessen Grundgedanke sich als „Komplementärstudium“ bis zum Abschluss fortsetzt, in Deutschland bisher allerdings einzigartig. Vorbilder gibt es jedoch zur Genüge. Die kleinen, feinen Privathochschulen waren die Ersten, die mit verpflichtender Allgemeinbildung gegen das Scheuklappenwesen enger Fakultätsgrenzen zu Felde zogen. Als Vorreiterin gilt gemeinhin die 1983 gegründete Reformuni Witten/Herdecke mit ihrem „Studium fundamentale“. Einen Tag in der Woche sollen dort alle Studenten nicht ihrem Fach, sondern der Entwicklung ihrer persönlichen künstlerischen, kommunikativen und reflexiven Fähigkeiten widmen. Ähnlich ist das „Studium generale“ an der Bucerius Law School in Hamburg organisiert, mittwochnachmittags sollen die künftigen Juristen dort in Wahlpflichtkursen zu Geschichte und Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, Kunst und Kultur, Natur und Technik über den Tellerrand schauen; in diesem Sommertrimester werden unter anderem Veranstaltungen über Migration, zur Finanz- und Wirtschaftskrise und über „The Politics of Cultural Ownership“ angeboten.
Historische Wurzeln
Die renommierten Beispiele lagen also nicht allzu fern, als die Hochschulleitung in Lüneburg 2005 von der Niedersächsischen Landesregierung den Auftrag bekam, ein Konzept für eine Modelluniversität zur Umsetzung der Bologna-Reformen zu ersinnen. Dabei hat die europäische Hochschulreform, auf die sich die Bildungsminister von inzwischen 46 Ländern geeinigt haben, interessanterweise zu zwei gegenläufigen Entwicklungen geführt: Einerseits hat sich mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge die Zerfaserung der einzelnen Fächer erheblich beschleunigt, andererseits ist die Stärkung von Praxisnähe und fächerübergreifenden Qualifikationen eines der ausdrücklichen Bologna-Ziele. Manche Bundesländer wie Baden-Württemberg machen ihren Hochschulen sogar einen bestimmten Anteil dieser Schlüsselqualifikationen an der insgesamt geforderten Studienleistung zur Auflage, wenn sie neue Bachelor-Studiengänge konzipieren.
Aber viel lieber als auf den Bologna-Prozess berufen sich die meisten Verfechter der Allgemeinbildung auf die historischen Wurzeln der europäischen Universität. „Im Mittelalter mussten alle Studenten das volle Programm der sogenannten sieben freien Künste durchlaufen“, erläutert der Berliner Historiker Rüdiger vom Bruch. „Diese konzentrierte Übung für das spätere wissenschaftliche Arbeiten konnte acht oder neun Jahre dauern, danach durften die Absolventen den Magister-Titel tragen.“ Aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie bestand damals das akademische Pflichtprogramm, auf das nur die Minderheit der Studenten einen Doktor in Theologie, Medizin oder Jura draufsetzte. Im Lauf der Jahrhunderte ging dieses Modell verloren, erhalten haben sich laut vom Bruch Reste vor allem im angloamerikanischen College-System. „Dort gehören Vorlesungen mit Titeln wie ,From Plato to Nato' immer noch zu den Klassikern.“ Zum Konzept gehöre allerdings auch das Zusammenleben von Dozenten und Studenten auf dem Campus. „Das hat immer auch mit Persönlichkeits- und Menschenbildung zu tun“, sagt vom Bruch. In Deutschland dagegen hätten nur Wurmfortsätze des alten Universitätssystems bis in die Moderne überlebt - das Philosophikum etwa, das manche Hochschulen noch in den sechziger Jahren als Zwischenprüfung verlangten, und das als eine Art gehobene Freizeitgestaltung für die gebildeten Stände vielerorts angebotene „Studium generale“.
Der ein oder andere Stein bei „Trivial Pursuit“
Dessen Veranstaltungen allerdings, traditionell in bunten DIN-A5-Broschüren gebündelt und inzwischen auch im Internet aufgeführt, sind nicht nur freiwillig, oft erinnern sie auch an die Angebote von Volkshochschulen. Eine morgendliche Vogelstimmenwanderung auf dem städtischen Hauptfriedhof, Freihandzeichnen und Tanztheater, Radiomachen für Anfänger - damit lässt sich bei „Trivial Pursuit“ vielleicht der ein oder andere Stein gewinnen, aber vermutlich keine für den späteren Beruf oder das Studium relevante zusätzliche Qualifikation. Führt also kein Weg vorbei am Pflichtprogramm à la Witten oder Lüneburg, wenn Ernsthaftigkeit und Allgemeinbildung im Studium Hand in Hand gehen sollen?
Das sieht Jürgen Wertheimer anders. Der Professor für Komparatistik und Neuere deutsche Literatur an der Universität Tübingen ist neben dem streitbaren Theologen Hans Küng einer der Stars des dortigen Studium generale, für seine Vorlesung über Schiller ist auch in diesem Semester der Hörsaal 21 im Kupferbau mit seinen knapp 400 Plätzen zu klein. Von einem verpflichtenden Propädeutikum hält Wertheimer allerdings nicht viel. Nicht nur würden außeruniversitäre Interessenten, Schüler und Senioren zum Beispiel, davon vermutlich ausgeschlossen. Viele Studienanfänger wären seiner Meinung nach damit auch schlicht überfordert. „Jetzt studiert man die Weltwissenschaften, dann widmet man sich seinem Fach - das funktioniert nicht.“ Sinnvoller sei die umgekehrte Reihenfolge: zuerst die Grundlagen im eigenen Fach legen, dann die Interdisziplinarität suchen. „Wenn ich schon etwas weiß, dann weiß ich auch, was ich mehr wissen will.“
„Kann man mit Stempellaufzetteln mündige Menschen erziehen?“
In Lüneburg endet das Leuphana Semester mit einer mehrtägigen Konferenz, die von den Erstsemestern selbst bestritten wird - so sollen sie ein Gefühl davon erhalten, wie es später auf wissenschaftlichen Tagungen zugeht, Namensschilder und Organisationspannen inklusive. Nachhaltigkeit ist das Thema in diesem Frühling, Christoph Brand gestaltet mit zwei Kommilitonen eine Präsentation über „Globalisierung und Sport“. Besucher sind allen Programmpunkten sicher, nicht nur der als klimaneutral angekündigten Abschlussparty in der Kulturhalle - denn auch während der Konferenz gilt das Prinzip der Pflicht: Jeder muss sich per Stempel die Teilnahme an mindestens sechs Veranstaltungen bestätigen lassen.
„Kann man mit Stempellaufzetteln mündige Menschen erziehen?“, fragt eine der Erstsemesterinnen im „Open Space“, einer zur Konferenz gehörenden Diskussionsrunde. Andere beklagen sich darüber, dass die sinnvollen Wahlpflichtveranstaltungen im Komplementärstudium stets im Handumdrehen ausgebucht seien. „Aber immerhin können wir jetzt wählen“, sagt Christoph Brand. „Im ersten Semester mussten manche was über Schulformen im Mittelalter lernen. Das wäre absolut nicht mein Ding gewesen.“
- Ein Studium generale vor dem Studium ermöglicht Abiturienten das Leibniz Kolleg in Tübingen. Zehn Monate lang leben und lernen die rund 50 Kollegiaten unter einem Dach; unterrichtet werden sie von Universitätsdozenten und Doktoranden. Der Einblick in Geistes-, Natur-, Rechts- und Sozialwissenschaften soll ihnen die Wahl des Studienfachs und den Einstieg ins Studium leichter machen. Das Programm kostet 4400 Euro, Bewerbungen für die nächste Kollegphase sind noch bis Ende Juli möglich. Mehr im Netz unter: www.uni-tuebingen.de
- Ein virtuelles Studium generale für jedermann ermöglicht die Initiative „Technology, Entertainment, Design“, die im Internet Vorlesungen renommierter Wissenschaftler zu den unterschiedlichsten Themen bereitstellt. Mehr unter: www.ted.com
Die kleinen, feinen Privathochschulen waren die Ersten ??
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