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Studium Frauen und Technik

 ·  In technischen Fächern sollen Studiengänge nur für Frauen das Selbstbewusstsein der Studentinnen stärken. Kritiker warnen, dass genau das Gegenteil eintreten könnte. Hilft die Trennung der Geschlechter oder schadet sie?

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Petra Heidler fürchtet weder Technik noch Männer. Dass sie in einem Frauenstudiengang studiert, ist für sie nebensächlich. Bevor die Achtundzwanzigjährige in Berlin ihr Studium aufnahm, arbeitete sie im Vertrieb für einen Automobilhersteller. „Die Männer denken manchmal, sie kriegen bei der Geburt schon ihr Technik-Gen mit. Für dieselbe Position braucht eine Frau deshalb noch mehr Kompetenzen.“ Um sich beruflich weiterzuentwickeln, entschied sich die gelernte pharmazeutisch-technische Assistentin für das Studium der Informatik und Wirtschaft in einem nur für Frauen angebotenen Studiengang. „Was zählte, war der Inhalt“, sagt sie.

Petra Heidler studiert inzwischen im dritten Semester an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin. In sechs Semestern können sie und ihre Kommilitoninnen dort den Bachelor erwerben, beschäftigen sich mit Webtechnologien, Software-Engineering, Datenbanksystemen und Internethandel - und sind dabei fast immer unter ihresgleichen. Seit dem Wintersemester 2009/2010 gibt es den Frauenstudiengang an der HTW, in der Lehre sind Frauen und Männer beschäftigt.

Die Informatikerin Debora Weber-Wulff hat den Studiengang mitbegründet. In der Monoedukation, der Trennung der Geschlechter während der Ausbildung, sieht sie einen Vorteil für die Frauen. „In gemischten Kursen nehmen Männer uns oft die Tastaturen weg, glauben, sie könnten alles viel besser. Sie spielen mit dem Rechner und meinen ,Geht doch' , obwohl es viel zu kompliziert ist.“ Mit der Monoedukation, sagt sie, wolle man die Frauen nicht abschotten, sondern ihr Selbstvertrauen stärken. Und manche von ihnen überhaupt erst mal für den Studiengang gewinnen.

„Es sind keine Jungs hier, die uns unterbuttern wollen“

Zum Beispiel Sandra Krüger. Sie ist 20 Jahre alt und wollte eigentlich Verwaltung und Recht studieren. Informatik hatte sie in der Schule abgewählt und als Studienfach nicht in Betracht gezogen, berichtet sie, bis sie auf einer Messe auf den Frauenstudiengang an der HTW aufmerksam wurde. Inzwischen hätte sie auch mit einem gemischten Studiengang kein Problem mehr, aber am Anfang fühlte sie sich unter Frauen besser aufgehoben: „Es sind keine Jungs hier, die uns unterbuttern wollen“, sagt sie. „Für den Einstieg war das gut. Jetzt wissen wir, dass wir das alles auch bewältigen können.“

Frauen drängen nicht gerade auf den Arbeitsmarkt für Techniker: 2009 schlossen dem Statistischen Bundesamt zufolge 18 237 Studenten ein Informatikstudium an einer deutschen Hochschule ab, nur 2754 Frauen waren darunter. Ähnlich gering ist ihr Anteil in Maschinenbau, Elektrotechnik oder Physik. Die Gründe dafür sind offenbar weniger in der menschlichen Veranlagung als in der Gesellschaft zu suchen. „Es gibt zwar genetisch weitertransportierte hirnphysiologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern“, sagt die emeritierte Pädagogin Marianne Horstkemper, die an der Universität Potsdam zu Unterricht und Geschlecht geforscht hat. „Aber die Gesellschaft überformt diese Unterschiede.“ Interessen sind demzufolge vor allem durch die Umwelt geprägt. Vor allem in der Pubertät würden die Rollenbilder gefestigt, um für das andere Geschlecht attraktiv zu sein. 15 Jahre alte Mädchen, die gerne programmieren, neigten deshalb dazu, ihr Hobby zu verbergen.

Ein Studium jenseits der Rollenzwänge

Frauenstudiengänge wie jener an der Berliner HTW sollen den Frauen ein Studium jenseits aller Rollenzwänge ermöglichen. Juliane Siegeris lehrt Softwaretechnik an der HTW. Sie unterrichtet denselben Stoff wie zuvor in gemischten Studiengängen auch, betont sie. Unterschiede in den Kursen ergäben sich aber aus dem Lernverhalten der Studenten. „Auf Autofahrten würde mein Mann lieber ewig rumkurven, als nach dem Weg zu fragen.“ So sei das auch an der Hochschule. Ein ungehemmtes Lernklima könne dazu beitragen, die Branche für Frauen attraktiver zu gestalten. „Die Informatik wird immer wichtiger. Selbst der Mensch auf der Straße muss mit einem Fahrkartenautomaten umgehen. Je mehr Anwendergruppen das Produkt entwickeln, desto besser wird es.“

Ein weiterer Grund für die Förderung für Frauen in den sogenannten Mint-Fächern - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - ist der von vielen Unternehmen beklagte Fachkräftemangel. Untersuchungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung legen zwar nahe, dass es in den nächsten fünf Jahren nicht zu einem Engpass an Fachkräften kommen wird, zumindest nicht unter Akademikern. Dem Bundesministerium für Bildung und Forschung zufolge fehlen der Mint-Branche aber schon heute 75.000 Fachkräfte, davon 41.000 Ingenieure. Das erklärt, weshalb es keinen Romanistik-Studiengang für Männer gibt, aber technische Studiengänge für Frauen. Die FH Wilhelmshaven machte den Auftakt, als sie 1997 den Frauenstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen anbot. Die ersten drei Semester sind die Studentinnen unter sich, danach studieren sie mit den Männern weiter. Mittlerweile bieten auch die Fachhochschulen in Bremen, Stralsund und Furtwangen Frauenstudiengänge in Informatik oder Wirtschaftsingenieurwesen an.

Koedukation galt lange als Schlüssel zur Emanzipation

In Deutschland galt die Koedukation lange als Schlüssel zur Emanzipation. In Nordamerika dagegen sind Frauenuniversitäten weiter verbreitet; die Politikerinnen Hillary Clinton und Madeleine Albright gehören zu ihren Absolventinnen. Studien zeigen, dass Studentinnen dieser „Women's Colleges“ in standardisierten Leistungstests überdurchschnittlich abschneiden und vergleichsweise selten das Studium abbrechen. Allerdings sind einige der „Women's Colleges“ sehr selektiv bei der Auswahl der Studentinnen - ein Privileg, das sich der noch junge Studiengang Informatik und Wirtschaft in Berlin weder leisten will noch kann. Zum einen wirbt er damit, dass das Studium keinerlei Vorkenntnisse erfordert. Zum anderen haben sich trotz der 80 Zulassungen in diesem Semester nur 32 Studentinnen eingeschrieben.

Vielleicht liegt das daran, dass es für das Fach keine zentrale Studienplatzvergabe gibt, so dass die Einschreibung chaotisch verlaufen ist. Vielleicht haben sich die Frauen aber auch im letzten Moment für einen gemischten Studiengang entschieden. Die Pädagogin Marianne Horstkemper fände das gar nicht so unvernünftig. Sie steht der Monoedukation skeptisch gegenüber. Eine Zeitlang habe sie Computerkurse für Frauen gegeben, berichtet Horstkemper, und am Kursende erfahren, dass die Absolventinnen trotz aller Lernerfolge überzeugt davon gewesen seien, dass die Männer - mit denen sie sich ja nicht gemessen hatten - ihnen gegenüber einen Wissensvorsprung hätten. Die Wissenschaftlerin führt das auf die Kursform zurück. „Die Monoedukation führt zu einer Dramatisierung von Geschlecht“, sagt sie. „Denn je stärker man Frauen und Männer trennt, desto eine größere Rolle spielt das Geschlecht, desto mehr entsteht der Eindruck, dass spezielle Förderung notwendig ist.“

An der Berliner HTW weiß man darum, wie weit diese Einschätzung verbreitet ist. „Manche denken, das hier ist ein Wattebauschstudiengang“, sagt Petra Heidler. Um solchen Missverständnissen vorzubeugen, erwähnt sie in ihren Bewerbungen um einen Praktikumsplatz gar nicht erst, dass sie in einem Frauenstudiengang studiert. Auch in ihrem Abschlusszeugnis wird es nicht stehen. Warum auch?

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