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Studieren ohne Abitur Vom Bolzplatzhelden zum Bachelor

01.04.2010 ·  Studieren ohne Abitur ist in Deutschland ein bürokratischer Akt. Jedes Bundesland hat seine eigenen Regeln. Viele Interessierte vermissen im Dschungel der verschiedenen Vorschriften verlässliche Informationen - und suchen statt dessen ihr Glück im Ausland.

Von Nadine Bös
Artikel Interaktiv Lesermeinungen (5)

Wer die Lebensgeschichte von Reinhold Dreband nur in Ausschnitten kennt, könnte ihn für einen Klischee-Vertreter der bildungsfernen Schicht halten: aufgewachsen in einem kleinen Dorf am Rhein, der Vater Lkw-Fahrer, die Mutter Hausfrau. „Als Jugendlicher war ich nach der Schule fast jeden Tag auf dem Bolzplatz“, erzählt Dreband. Die Jungs vom Bolzplatz gingen alle in die Hauptschule, und nach dem Abschluss gingen sie arbeiten - falls sie Arbeit fanden. Dreband hielt als Einziger durch bis zur mittleren Reife. Dann war auch für ihn Schluss. „Geh Geld verdienen!“, sagten die Eltern. „Was hängst du noch auf der Schule rum?“, fragten die Freunde. „Abitur, Studium - das war bei uns wie eine andere Welt“, sagt er.

Reinhold Dreband suchte sich einen Ausbildungsplatz als Kommunikationselektroniker. Danach wechselten die Jobs, unterbrochen von Phasen der Arbeitslosigkeit, bis er schließlich in der Entwicklungsabteilung einer Bildbearbeitungsfirma unterkam. Doch auch dort folgte bald Ernüchterung. „Ich hatte quasi keine Aufstiegsmöglichkeiten. Ich arbeitete gut mit den Ingenieuren zusammen, gab ihnen manchmal sogar wertvolle Tipps. Doch für die Positionen, die mich interessierten, brauchte man durchweg einen Hochschulabschluss. Lange Zeit dachte ich aber, der Weg zum Studium sei mir versperrt, weil ich ja nur die mittlere Reife hatte.“

Heute steht Dreband kurz vor einem Bachelorabschluss an der Fachhochschule Bingen. Das verdankt er, wie er sagt, „vor allem einem glücklichen Zufall“. Während einer Plauderei mit seinem Vorarbeiter hatte er erfahren, dass man in vielen Bundesländern auch ohne Abitur oder Fachhochschulreife studieren kann. „Da bin ich aus allen Wolken gefallen.“

„Riesige Informationslücken“

Sigrun Nickel, Wissenschaftlerin am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und Autorin einer empirischen Studie über das Studieren ohne Abitur, kennt solche Geschichten gut. „So geht es vielen Betroffenen“, sagt sie. „Obwohl das Thema ein echter Dauerbrenner in der bildungspolitischen Debatte ist, stellen wir immer wieder fest, dass es riesige Informationslücken gibt. Nicht zuletzt, weil die Möglichkeiten zum Studium ohne Abitur in allen Bundesländern unterschiedlich sind und Interessenten den Dschungel der Regelungen einfach nicht durchschauen.“

Überall gilt: Die Interessenten müssen eine gewisse berufliche Qualifikation mitbringen. Nicht immer muss das der Meisterbrief oder ein Fachwirt sein. „Ein länderübergreifendes Informationsbüro, das Kandidaten erklärt, wo sie sich unter welchen Bedingungen wissenschaftlich weiterqualifizieren können, fehlt in Deutschland“, kritisiert CHE-Forscherin Nickel. „Kein Wunder, dass so mancher es gar nicht versucht und direkt ins Ausland geht, wo die Zugangsvoraussetzungen oft großzügiger und übersichtlicher sind.“

Locker geht es in England zu

Gabi Becker ist so ein Fall. Sie steht kurz vor dem Ende eines MBA-Studiums an der Business School der Open University (OU) in Großbritannien. Diese Fernuniversität hat sich auf die Fahnen geschrieben, offen für alle Studieninteressierten zu sein. Dort verlange niemand das Abitur oder andere formelle Abschlüsse, sagt Becker. Statt dessen musste die 46 Jahre alte Software-Vertriebsspezialistin Vorstellungsgespräche absolvieren und darin Motivation, Vorwissen und Englischkenntnisse demonstrieren. „Dieser Weg war für mich sehr angenehm“, berichtet Becker. „Denn ich habe es immer als persönliches Manko empfunden, dass mir das Abitur fehlt. Vor allem wegen des ständig angeknacksten Selbstwertgefühls gegenüber meinen Kollegen in der IT-Branche, die zu 95 Prozent ein Examen haben.“

Dabei hat Gabi Becker es beruflich weit gebracht. Sie beschreibt sich als klassischen Spätzünder. In der Jugend brach sie die höhere Handelsschule aus Lustlosigkeit ab, die erste Lehre als Bürokauffrau machte sie nur, weil im elterlichen Betrieb gerade eine Stelle frei war. Nach einer nachgeholten Ausbildung zur Programmiererin arbeitete sie sich hoch, ist heute als „Account Managerin“ für das Softwareunternehmen Oracle tätig. „Ich bin erfolgreich, ich liebe meinen Beruf sehr - und trotzdem: Ich musste mir einfach noch beweisen, dass ich auch ein akademisches Studium meistern kann.“ Und nach dem Studium? „Sich bei Oracle weiter in Richtung Management zu entwickeln wäre schon toll“, sagt Becker.

An der Open University schätzt sie vor allem, dass die Fernhochschule stark auf ihre Bedürfnisse als berufstätige Frau eingeht. „Es gibt alle Materialien online, Probleme können per Mail oder Telefon gelöst werden. Die Zeiten sind flexibel.“ So ist die Zahl der Studenten ohne Abitur oder vergleichbaren Schulabschluss an der OU verhältnismäßig hoch. Zwar seien im Master-Bereich Nichtabiturienten eher die Ausnahme. Doch haben nach Angaben des stellvertretenden Direktors Patrick Kelly rund 40 Prozent der Undergraduates, also der Grundstudiums- und Bachelorstudenten, keinen dem Abitur vergleichbaren Schulabschluss. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Anteil der Studenten ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung dem Bundesbildungsbericht zufolge nur bei rund einem Prozent.

Wirtschaftsvertreter halten Aufsteigerkarrieren für wichtig

Wirtschaftsvertreter halten das für bedauerlich. „Vor dem Hintergrund der älter werdenden Gesellschaft brauchen wir dringend mehr Bildungsmöglichkeiten in Deutschland“, sagt etwa Kevin Heidenreich, der Referatsleiter für Hochschulpolitik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Auch der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Holger Schwannecke, hält Aufsteigerkarrieren wie die der Studenten ohne Abitur für äußerst wichtig. „Angesichts der sinkenden Zahl von Schulabgängern muss jeder junge Mensch die Chance erhalten, seine Bildungsziele zu erreichen“, fordert er. „Berufliche Bildung muss dabei als gleichwertig gelten.“

Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. „Die deutschen Studenten ohne Abitur beschweren sich häufig über die Starrheit der Regularien“, berichtet Tristan Sage, der die MBA-Studenten der OU in Süddeutschland betreut. „Es herrscht offenbar noch immer eine große Skepsis gegenüber Nichtabiturienten. Dabei machen wir sehr gute Erfahrungen mit ihnen.“

Das Aufholen von Wissenslücken ist anstrengend - aber nur wenige scheitern

Völlig problemlos ist das Studentenleben ohne Abitur aber nicht immer. „Die Hauptschwierigkeit ist, dass es einigen an Allgemeinwissen fehlt“, räumt Patrick Kelly ein. Die OU achte aber bei der Studentenauswahl darauf, dass diese Lücken nicht unüberbrückbar groß seien, mit ausreichender Motivation sei das Grundwissen meistens nachlernbar. Die Studienabbrecheranalysen der früheren Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, die inzwischen mit der Universität Hamburg fusioniert ist, scheinen dies zu bestätigen: Demnach ist die Gefahr eines Studienabbruchs unter Nichtabiturienten ähnlich hoch wie unter Abiturienten.

Für die Betroffenen ist es dennoch zuweilen anstrengend, Wissenslücken aufzuholen. „Am Anfang meines Studiums fehlten mir viele Grundlagen in Mathe und Physik“, sagt etwa Reinhold Dreband. Drei Semester lang habe er fast seine ganze Freizeit investiert, um Schulstoff nachzulernen. „Mittlerweile bin ich mit den Kommilitonen auf Augenhöhe.“ Manche bewunderten seine Leistungen, andere seien neidisch. „Die sagen: Der hat es sich leichtgemacht, wenig für die Schule getan, früh Geld verdient - und jetzt kriegt er doch den gleichen Abschluss wie wir.“ Eine seltsame Sichtweise sei das, findet Dreband. „Die haben keine Ahnung, wie anstrengend das alles war.“

Ohne Abi zur Uni

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat 2009 beschlossen, dass Handwerksmeister und andere beruflich Qualifizierte die Hochschulzugangsberechtigung erhalten. Doch es gibt noch andere Wege, ohne Abi zu studieren. In manchen Ländern ist ein Studium auf Probe möglich, anderswo gibt es Aufnahmeprüfungen.

- Eine Übersicht der KMK steht im Internet unter: www.kmk.org

- Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hat eine Studie online veröffentlicht: www.che.de

- Die Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung (SBB) fördert Studenten ohne Abitur. Mehr unter: www.sbb-stipendien.de

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