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Studieren mit Behinderung Erfolgreich im barrierefreien Studium

11.05.2007 ·  Mangelnde Computertechnik, fehlende Fahrradständer, Vor- aber auch Nachteile durch die neuen Studiengänge: Studieren mit einer Behinderung ist eine Herausforderung. Die aber viele meistern.

Von Dorte Huneke
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Manche sehen die Hürden, andere sehen sie nicht: „Manchmal gibt es ganz einfach nicht genügend Fahrradständer“, sagt Svenja Fabian. Die wahllos vor den Eingängen der Institute geparkten Fahrräder können den Weg zum Hörsaal zum Hindernisparcours machen – wenn man sie nicht sieht. „Auch dass es im Zuge der Mülltrennung plötzlich mehr verschiedene Tonnen gibt, die keinen Platz haben, kann ein Problem sein“, sagt die 28jährige. Sie ist sehbehindert und studiert seit 1999 an der Philipps-Universität Marburg Psychologie.

Scheitern am Nicht-Wissen

Ein Sehender macht sich in der Regel kein Bild davon, wie die Welt für einen Blinden aussieht. Wer laufen kann, übergeht schnell die alltäglichen Hürden eines Rollstuhlfahrers. Und was Hörgeschädigten das Leben schwermacht, findet meist erst nach expliziten Hinweisen Gehör. „Es liegt in der Regel weniger am Nicht-Wollen, dass diese Barrieren weiterhin bestehen“, sagt Michael Richter. Der promovierte Jurist ist Geschäftsführer des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS). „Häufig scheitert es ganz einfach am Nicht-Wissen.“

An der Universität Marburg berät eine spezielle Servicestelle für behinderte Studierende sämtliche Einrichtungen und Abteilungen der Hochschule in allen Fragen, die für das Studium Behinderter von Bedeutung sind. „Dabei geht es zum Beispiel um Fragen der behinderungsgerechten baulichen Gestaltung oder um eine adäquate Geräteausstattung“, erklärt Brita Kortus.

Sie ist eine von drei Beauftragten für behinderte Studierende. Das Angebot umfasst zudem eine individuelle behinderungsspezifische Beratung behinderter Studieninteressierter und Studierender von der Einschreibung zum Studium bis hin zur Abschlussprüfung. Es geht um Fragen der Studienfinanzierung, der Hilfsmittelversorgung oder des Nachteilsausgleichs bei Prüfungen. „Diese Fragen erfordern oft eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Kostenträgern, Prüfungsämtern, Behörden und Verbänden“, erklärt Kortus. „Häufig werden auch behinderungsspezifische Möglichkeiten und Grenzen in Bezug auf die Absolvierung verschiedener Studiengänge erörtert.“

Im Marburger Wohnheim

Zu den Besonderheiten in Marburg gehört, dass die Universität ein integratives Wohnheim zu Verfügung stellt, in dem derzeit 25 behinderte und 50 nichtbehinderte Studierende leben. „Ein professioneller Pflege- und Fahrdienst gewährleistet rund um die Uhr die spezifische Betreuung auch schwerstkörperbehinderter Kommilitonen und sichert sämtliche studienbezogenen Fahrten zu den über das gesamte Stadtgebiet verteilten Instituten und Einrichtungen der Universität und des Studentenwerks sowie Fahrten zum Einkaufen wie zur Wahrnehmung kultureller und geselliger Angebote der Stadt.“

Mit 150 blinden und wesentlich sehbehinderten Studierenden ist die Philipps-Universität bundesweit die Hochschule mit dem mit Abstand höchsten Anteil an sehgeschädigten Studierenden. Zur Grundausstattung gehören infolgedessen Bildschirmlesegeräte, Kaltlichtleuchten, Braillebogenmaschinen, Braillestreifenschreiber sowie Kassettenrekorder mit Signaltongeber und variabler Bandgeschwindigkeit.

Dortmund, Gießen und Karlsruhe

Besonders behindertengerechte Studienbedingungen bieten außerdem die Universitäten Dortmund, Gießen und Karlsruhe. Nicht zuletzt führt der zunehmende Einsatz des Internets und verschiedener Computertechnologien zu einschneidenden Verbesserungen für behinderte Studierende. Immer mehr Internetseiten sind barrierefrei gestaltet, und mit verschiedenen Tools lassen sich Bildschirminhalte von Monitoren und Handys in Audioformate übertragen. „Hier gibt es inzwischen eigentlich kaum noch Probleme“, sagt Richter, der seine E-Mails mit einem speziellen Programm als Audio-Datei erhält. Über den Textservice des DVBS können Blinde und Sehbehinderte sich zudem gegen Gebühr Fach- und Sachliteratur, Zeitschriften und andere Texte in Audio-Formate übertragen lassen.

Brandneu – und bereits preisgekrönt – ist eine digitale Navigationshilfe für Rollstuhlfahrer von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg: Mit der neuen Client-Server-Anwendung „Trailblazers“ lässt sich Kartenmaterial für gehbehinderte Menschen erstellen. Das Prinzip ist einfach: Die Benutzer laden sich die Software umsonst von der Website auf ihr Handy oder ein PDA-Gerät herunter und geben vor oder sogar während sie unterwegs sind Start- und Zielort ein. Auf diese Weise werden Informationen über barrierefreie Strecken systematisch gesammelt und ausgetauscht. Das heißt: Je mehr es genutzt wird, desto besser wird es.

Chancen und Risiken der neuen Studiengänge

Zuweilen legen aber auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen behinderten Studierenden Steine in den Weg. Durch die Umstellung aller Studiengänge auf das zweistufige, modularisierte Bachelor- und Masterstudiensystem erhöht sich, so Richter, für behinderte Studierende grundsätzlich die Chance auf eine größere Teilhabe, da zum Beispiel Prüfungen studienbegleitend und nicht als Block zum Ende des Studiums abgelegt werden können.

„Gleichzeitig birgt die Neuerung aber auch Risiken der Benachteiligung.“ Was in erster Linie auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass die Universitäten im Rahmen des Bologna-Prozesses eine stärkere Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit erhalten. „Viele Universitäten verfügen jedoch gar nicht über die Fachleute vor Ort, um zu wissen, welche Vorkehrungen zu treffen sind.“

Zudem sind die neuen Hochschulgesetze nicht kompatibel mit dem Sozialrecht, dem zufolge nur Studierende ohne berufsqualifizierenden Abschluss Anspruch auf einen Kostenersatz für notwendige Hilfsleistungen haben. Für sehbehinderte Studierende mit einem Bachelor-Abschluss, die ein Master-Studium beginnen wollen, bedeutet dies zum Beispiel: kein Vorlesegeld, kein Budget für Arbeitsassistenten. „Früher tauchte dieses Problem erst auf, wenn jemand promovieren wollte oder bereits eine Ausbildung absolviert hatte. Inzwischen stellt sich diese Frage aber schon vor Antritt eines Masterstudiengangs“, sagt Richter. Denn der Bachelor-Abschluss gilt bereits als Berufsqualifizierung.

Bündnis barrierefreies Studium

Was fehlt, ist eine Verankerung von Nachteilsausgleichen hinsichtlich der Studienzulassung, des Arbeitspensums sowie der Studien- und Prüfungsmodifikationen an den Hochschulen. Entsprechende Empfehlungen zur „Chancengleichheit im Bologna-Prozess für behinderte und chronisch kranke Studierende sowie Studienplatzbewerberinnen und -bewerber“ formulierte in diesem Frühjahr das „Bündnis barrierefreies Studium“, dem auch Richter angehört. Das Papier liegt derzeit der Hochschulrektorenkonferenz vor und ist im Internet abrufbar.

„Man muss den Mund aufmachen und erklären, wo im Einzelnen die Schwierigkeiten liegen“, sagt Fabian. „Und, ganz wichtig, man muss Lösungsmöglichkeiten anbieten.“ Denn häufig blockieren Berührungsängste ein Weiterkommen. „Andere wissen oft nicht, wie sie mit einem umgehen sollen, wie sie helfen können. Also muss man sich erklären – das ist auch für den späteren Berufsalltag wichtig.“

Wir gehen auch zu den Professoren

Als Sprecherin des Autonomen Behindertenreferates des AStA ist Svenja Fabian mit den Anliegen aller behinderten Studierenden betraut. „Wir gehen auch zu den Professoren, falls sich jemand scheut, um irgendwelche Sonderregelungen zu bitten. Entscheidend ist, dass man sich gut organisiert.“ Das können die einen besser, andere brauchen mehr Hilfe, je nach Persönlichkeit und physischer Verfassung. „Da ist jeder anders gestrickt, das ist ja ganz normal. Jeder Mensch besitzt unterschiedliche Fähigkeiten, ist mehr oder weniger selbständig. Nur fällt dies, wenn man außerdem eine Behinderung besitzt, stärker ins Gewicht.“

http://www.behinderung-und-studium.de

Eine Broschüre Studium und Behinderung von der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des Deutschen Studentenwerks kann unter studium-behinderung@studentenwerke.de kostenlos angefordert werden.

www.integrationsaemter.de

www.behindertenbeauftragter.de

Den Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf findet man im Internet unter www.dvbs-online.de.

Trailblazers ist Mai 2007 kostenlos über www.trailblazers.de verfügbar.

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