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Studieren in Zeiten von Bologna : Von Bummlern und Lernfabriken

  • -Aktualisiert am

Bild: Tresckow

Das Studieren in Zeiten von Bologna gilt als schlimme Plackerei. Doch nun steht in einer neuen Studie, dass dafür nur 26 Stunden in der Woche aufgewendet werden.

          Christoph Klockewitz ist sauer, sauer auf eine Zahl: „26 Stunden pro Woche? Das kann überhaupt nicht stimmen“, kommentiert der 22 Jahre alte Lehramtsstudent der Universität Konstanz die Ergebnisse einer aktuellen Studie am Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung (ZHW) in Hamburg. Danach wenden deutsche Studierende von der Lektüre zu Hause über Aufenthalte in der Bibliothek bis hin zu Vorlesungen alles in allem nur 26 Wochenstunden für ihr Studium auf. Christoph Klockewitz macht eine ganz andere Rechnung auf: „Ich habe allein 19 Stunden Lehrveranstaltungen und drei Übungsblätter pro Woche, an denen ich im Schnitt 10 Stunden sitze“, sagt der künftige Mathelehrer.

          „Mit Referaten und Hausarbeiten komme ich insgesamt auf weit über 30, wenn nicht sogar auf 40 Wochenstunden.“ Damit trifft Klockewitz jene Stundenzahl, die in den Zielvereinbarungen zur Bologna-Reform empfohlen wird. Dass die Ergebnisse der ZHW-Studie derart stark abweichen, erklärt sich Klockewitz so: „An dieser Untersuchung konnte man freiwillig teilnehmen. Also haben sich überwiegend Studenten beteiligt, die ohnehin Zeit für solche Untersuchungen haben.“

          Eingeschlagen wie eine Bombe

          Die Zahlen aus der ZHW-Studie haben in die Diskussionen um die Vor- und Nachteile des Bachelor- und Mastersystems eingeschlagen wie eine Bombe. Denn bislang wurde das Studieren in Zeiten von Bologna als unzumutbare Plackerei dargestellt: steigender Leistungsdruck, Hochschulen als Lernfabriken, zeitraubende Nebenjobs zum Lebenserhalt. Dass Studierende chronisch überlastet sind, galt fast schon als Allgemeingut. „Unsere Ergebnisse widersprechen allen bislang zu diesem Thema durchgeführten Befragungen“, bestätigt auch Rolf Schulmeister, der das ZHW-Projekt „Zeitlast“ an der Universität Hamburg leitet.

          Das Medienecho auf seine Ergebnisse ist groß: Von „Bummlern“ ist plötzlich die Rede. Experten fragen in Gastbeiträgen: „Sind deutsche Studierende faul?“ Sogar der Anti-Achtundsechziger-Begriff „Gammler“ wird aus der Mottenkiste geholt. Sind Studenten heute also nicht überlastet, sondern nicht belastbar? Schulmeister ärgert diese Frage. „Ich habe kein Interesse an einer Beschimpfung der Studierenden“, sagt der Pädagogik-Professor. „Das Ziel unserer Studie ist es nicht, Studierende in Schuld zu setzen, sondern nach den Ursachen für Unzufriedenheit im Bachelorstudium zu suchen.“

          Das Deutsche Studentenwerk widerspricht

          Ausgehend von stark gestiegenen Abbrecherquoten und einer gestiegenen Nachfrage nach psychologischer Beratung, hatte Schulmeister rund 400 Studierende an Hochschulen in ganz Deutschland über Monate hinweg ihren Tagesablauf protokollieren lassen. Der Unterschied zu bisherigen Untersuchungen: Die Stunden wurden genau notiert, während zuvor befragte Studenten ihren Aufwand nur schätzen sollten. „Studierenden, die über eine zu hohe Belastung klagen, ist in der Regel nicht bewusst, wie wenig Zeit sie für das Lernen aufgewendet haben“, bilanziert Schulmeister. „Subjektive Wahrnehmung von Lernzeit und tatsächlich investierter Lernaufwand fallen auseinander.“ Der Vorschlag der ZHW-Forscher zielt deshalb darauf ab, das Bachelorstudium neu zu strukturieren, um die gefühlte Last auf den Schultern der Studierenden zu erleichtern. Schulmeister schlägt zum Beispiel vor, das Studium stärker in thematisch zusammenhängenden Blöcken zu organisieren, um häufige Themenwechsel zu vermeiden und ein tiefer gehendes Lernen zu ermöglichen.

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