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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Studieren in Istanbul Freigeister, Lehrer, Unternehmer

25.07.2008 ·  Kreativität und Kritik auf höchstem akademischen Niveau, das schreibt sich die Bilgi-Universität in Istanbul auf die Fahnen. Die private Spitzenhochschule ist auch eine Enklave für viele deutsche Wissenschaftler und Studenten.

Von Dorte Huneke
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Es sei ein bisschen wie damals an der Freien Universität Berlin, sagen ältere Semester, wenn sie über die 1996 gegründete Bilgi-Universität in Istanbul sprechen, wo eine junge Akademiker-Generation seit rund zehn Jahren laut und unerschrocken denkt und sich gezielt in gesellschaftspolitische Belange einmischt.

Die politische Aufgewecktheit, die an der türkischen Privathochschule herrscht, erinnert an die späten sechziger Jahre in Deutschland, als die Freie Universität in Dahlem das akademische Zentrum der Achtundsechziger-Bewegung war und Studenten sich demonstrativ in gesellschaftliche Entwicklungen einmischten. Innerhalb der Türkei sticht die als Nonprofit-Unternehmen geführte Bilgi-Universität aus den vielen, vor allem in der Bildungs- und Kulturmetropole Istanbul in den vergangenen zehn Jahren neu gegründeten privaten Hochschulen heraus – als mutige, engagierte und zugleich wissenschaftlich hochrangige Alternative.

Nicht im Elfenbeinturm, sondern im Problemviertel

„Wir wollen kein Elfenbeinturm sein“, sagt Oguz Özerden, der zum Gründungsteam der Bilgi-Universität gehört. „Wir scheuen kein Risiko und nehmen uns gezielt kontroverse Themen vor.“ Damit machen die Vertreter der Bilgi-Universität sich nicht nur Freunde. „Natürlich gibt es viele Beschwerden, auch Drohungen“, sagt Özerden, der das Projekt Bilgi als „großes Abenteuer“ bezeichnet. Die gesellschaftspolitische Einmischung ist für den Fünfundvierzigjährigen eine bildungspolitische Mission „Dafür sind wir da, das ist uns wichtig.“ Besonders stolz ist man auf das Jazz-Department und das erste türkische e-MBA-Programm.

Während andere türkische Hochschulen sich neben den wissenschaftlichen Erfolgen gerne an der Größe ihres Schwimmbeckens messen lassen und ihre Campi wie exklusive Elite-Städte mit umfangreichem Service-Angebot für Lehrende und Lernende gestalten, wagen die Köpfe der Bilgi-Universität sich auf Territorien vor, die große Teile der Bevölkerung ansonsten meiden bis fürchten.

Symptomatisch dafür ist die geographische Lage der Universität: Alle drei Standorte wurden bewusst in Problemvierteln der Stadt errichtet. „Kustepe gehörte bis dahin zu den am meisten vernachlässigten Gegenden der Stadt“, sagt Özerden über die Gründungsstätte. Gleiches gilt für die später hinzu gekommenen Standorte in Dolapdere und Eyüp – alle drei liegen in Migrantenvierteln mit hohen Arbeitslosigkeits- und Kriminalitätsraten. Wenn sie nicht gerade Vorlesungen dort hätten, würden die meisten der Studierenden wohl keinen Fuß in diese Gegenden setzen. „Hier prallen wirklich zwei Welten aufeinander“, sagt Marlene Schäfers aus Konstanz, die im September 2006 nach Istanbul kam, um osmanische Geschichte zu studieren. Ihre Veranstaltungen finden auf dem neuesten und aufsehenerregendsten Campus „santralistanbul“ statt, einem zuvor viele Jahre brachliegenden Industriegelände, auf dem das erste städtische Kraftwerk während des Osmanischen Reiches seinen Sitz hatte (siehe dazu auch Schauraum der Moderne).

Aus dem Designercafé zur Entwicklungshilfe

Das ehemalige Kraftwerk ist heute ein Museum, auf den Brachflächen stehen moderne Institutsgebäude, auf den Grünflächen fläzen sich internationale Studenten und Künstler des Artist-in-Residence-Programms. Man schlürft Milchkaffee in einem angesagten Café für umgerechnet 4 Euro. Wer den Campus verlässt, wandert durch dreckige, löchrige Straßen an verlotterten Häusern Marke Eigenbau vorbei. „Das ist zum Teil schon krass“, sagt Schäfers. „Aber ich bin sehr froh, hier zu sein. Man kriegt eben wirklich etwas von der Stadt mit. Und es herrscht eine extrem liberale Atmosphäre – nicht zuletzt weil es ein offener Campus ist mit Museen für die Öffentlichkeit und jeder Menge Veranstaltungen.“ Vom Taksim-Platz aus bringt ein Shuttle-Bus die Studierenden zu den abseits gelegenen Hörsälen – wo ausgebrütet wird, was draußen Anwendung finden soll.

„Wir ermutigen unsere Studierenden zur Feldarbeit“, sagt Özerden. So soll die akademische Arbeit auch einen Beitrag zur Stadtentwicklung liefern. „Was wir hier machen, ist revolutionär.“ Özerden, der unter anderem an der London School of Economics and Political Science (LSE) studiert und in der britischen Hauptstadt als Korrespondent für eine große türkische Tageszeitung gearbeitet hat, will freie, eigenständige Geister ausbilden: „Wir schaffen Raum zum Denken.“

Anregungen zum Nachdenken und freiem Meinungsaustausch geben regelmäßige Podiumsveranstaltungen, Workshops und Ausstellungen. Im Mai fanden an der Bilgi-Universität zum fünften Mal die „Graphik-Tage“ unter dem aktuellen Motto „Karikaturen in der Türkei“ statt. Was man anderswo in der Türkei mit der Lupe suchen muss, wird hier aufs Podium gehoben: offene Gespräche zum Umgang mit Minderheiten in der Türkei, der Kurden- sowie der Armenierfrage. Außerdem werden Frauenrechte und die allgemeine Gesetzeslage in der Türkei diskutiert.

„Ich war immer schon politisch interessiert, aber nie besonders aktiv“, sagt Ilkem Kayican. „Seit ich hier bin, spüre ich einen neuen Enthusiasmus.“ Die 27-jährige Türkin studiert seit einem Jahr an der Bilgi-Universität Kulturwissenschaften. „Unsere Hochschule ist mit ihrem breiten Angebot definitiv eine der aktivsten weit und breit“, sagt Kayican, die schon einen Bachelor-Abschluss in Englischer Literaturwissenschaft in der Tasche und bei einigen Nicht-Regierungs-Organisationen Berufserfahrungen gesammelt hat. „Es tut gut zu sehen, dass man für sein Engagement Anerkennung erhält. Am wichtigsten aber ist mir die Freiheit – dass jeder unumwunden seine Meinung sagen kann. Das ist bemerkenswert.“

Bildungsprojekt in Anatolien

Kayican beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Situation von Migranten in der Türkei, mit anderen Worten Zuwanderern aus dem anatolischen Osten. Dieses Interesse teilt sie mit den Leitern der Bilgi-Universität. Mit dem Anspruch, „die Qualität der Bildung und die räumlichen Bedingungen an regionalen Ganztagsschulen zu verbessern“, startete die Bilgi-Universität vor sechs Jahren das Modellprojekt „Kars-Kagizman“. Im gleichnamigen Ort an der Grenze zu Armenien investierten die Vertreter der Hochschule eine halbe Million Dollar in die Infrastruktur einer Dorfschule und die Versorgung der Lehrkräfte mit fehlenden Unterrichtsmaterialien. „Was wir in Kagizman umsetzen konnten, hat Modell-Charakter, hoffentlich finden sich viele Nachahmer“, sagt Özerden, der durchaus auch Geschäftsmann ist. Denn die Schüler im Osten sind die Studenten von morgen. „Natürlich hoffen wir, die Schüler eines Tages für unsere Hochschule zu gewinnen. Wir sind ein Unternehmen. Unser Produkt ist Bildung. Dafür machen wir Werbung.“

Seit ihrer Gründung ist die Bilgi-Universität von 2000 Studierenden auf heute rund 10.000 gewachsen. Etwa 20 Prozent der Studenten erhalten Voll- oder Teilstipendien, um die Studiengebühren abzudecken. An anderen türkischen Universitäten liege dieser Satz bei rund 10 Prozent, rechnet Özerden vor. Das heißt, der Anteil der Kinder ganz reicher Eltern ist etwas geringer, auf den Parkplätzen stehen weniger Jeeps. „Unsere Studenten kommen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten“, erklärt Özerden.

Die Träume der Deutschen

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Studentenschaft kommt zudem aus dem Ausland – die Bilgi-Universität beteiligt sich seit 2004 am Erasmus-Austauschprogramm. Unterrichtssprache ist Englisch. Auch das Lehrpersonal ist international gemischt. Wobei die Deutschen keinen geringen Teil ausmachen. „Unser Leiter Dr. Ihsan Derman interessiert sich sehr für deutsche Kunst und Kultur und hat seit vielen Jahren gute Erfahrung mit deutschen Lehrkräften gemacht“, sagt Dirk Michael Schäfer, der am Department of Film and Television lehrt. Der Filmemacher und Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln redet von einer Art Aufbruchstimmung, die er an der Bilgi-Universität erlebt. „Mich erinnert das manchmal an die Zeit nach dem Mauerfall in Berlin. Istanbul – stellvertretend für die ganze Türkei – verändert sich permanent, und wir als Lehrer können und müssen vieles ausprobieren und neu gestalten.“

Ein paar Meter von Schäfers Büro entfernt entsteht die neue Bibliothek – in der umgebauten Generatoren-Halle des ehemaligen Kraftwerks. Der 1920er-Jahre-Bau wird wie das Hauptgebäude, in dem heute ein Energiemuseum ist, seit über zwei Jahren von dem Dortmunder Industriearchäologen Wolfgang Ebert restauriert. „Ich versuche auch Studenten in meine Arbeiten einzubeziehen und ihnen die Methoden zu erklären“, erklärt Ebert. Das Studienfach Industriearchäologie gibt es in der Türkei bislang noch nicht. Eberts Traum ist es, einen entsprechenden Studiengang an der Bilgi-Universität zu etablieren.

Die Homepage der Universität: http://international.bilgi.edu.tr

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