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Studieren in der Elternzeit Keine Zeit für Latte macchiato

Viele Arbeitnehmer verbringen ihre Elternzeit im Pekip-Kurs und im Café. Aber nicht alle. Denn auch ein spätes Studium lässt sich prima in dieser Lebensphase unterbringen.

© Peter v. Treschkow Vergrößern

Wenn Angela Ulrich eine Runde joggen geht, dann läuft in ihren Ohrstöpseln keine Musik, sondern ein Podcast über Abschreibungen im Rechnungswesen. Wenn sie Gemüse schnippelt oder Geschirr spült, hat sie oft gleichzeitig die Lernzettel im Blick, mit denen sie vor jeder Prüfung ihre Küchenwände beklebt. Und wenn ihre Tochter im Wartezimmer des Kinderarztes zur Spielekiste greift, greift Angela Ulrich in ihre Handtasche - und holt die Uni-Skripte heraus.

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Angela Ulrich studiert BWL und Bildungswissenschaft an der Fernuniversität Hagen. Sie müsste das nicht tun. Sie ist 34 Jahre alt, hat ein Diplom in Sozialwissenschaften, eine feste Stelle als Controllerin in einer Behörde, zwei Kinder und momentan Elternzeit. Doch während andere Mütter ihre Babypause mit Latte macchiato im Café oder beim Pekip-Kurs verbummeln, nutzt Angela Ulrich die Auszeit vom Beruf für ein Zweitstudium. „Ich mache das einerseits, um meinen Marktwert zu erhalten“, sagt sie. „Andererseits macht mir das Studieren wirklich viel Spaß. Waschen, Windeln wechseln und Bauklötze stapeln füllt zwar auch den Tag, aber es ist mir auf Dauer nicht genug Herausforderung für den Kopf.“

Mit dieser Ansicht ist sie nicht allein. Viele ihrer Kommilitonen hätten Kinder, berichtet Ulrich. Das Studienzentrum in Saarbrücken, das sie oft besucht, bietet sogar ein Eltern-Kind-Büro, in das man den Nachwuchs mitbringen kann. Lebenslanges Lernen ist im Trend; 2012 maß das Bundesbildungsministerium die höchste Weiterbildungsbeteiligung seit 1979. Daten dazu, wie viele Studenten sich in Elternzeit befinden, gibt es zwar nicht. Doch von der Fernuni Hagen heißt es, das Studieren in der Babypause gewinne an Bedeutung. „Gerade Frauen, aber auch Männer nutzen das flexible Fernstudium in der Elternzeit, um sich weiterzuqualifizieren“, sagt die Sprecherin der Hochschule.

Es gibt volles Elterngeld

In vielerlei Hinsicht biete sich ein Unibesuch während der Elternzeit in der Tat an, sagt Jan Brückmann, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus der Frankfurter Kanzlei Franzmann-Geilen-Brückmann. Drei Jahre lang können Arbeitnehmer eine Kinder-Auszeit vom Beruf nehmen; anschließend haben sie einen Anspruch darauf, in ihre alte Tätigkeit zurückzukehren. „Es gibt keinerlei gesetzliche Regelung, die besagt, dass Weiterbildung während der Elternzeit untersagt ist“, erläutert Brückmann. Zwar müssten Eltern das Kind selbst betreuen und erziehen. Selbst betreuen heiße aber nicht allein betreuen. „Ein nicht unwesentlicher Teil der Betreuung und Erziehung kann auch durch andere übernommen werden, etwa in einer Kindertagesstätte oder durch eine Tagesmutter. Elternteile können diese Freiräume für das Studium nutzen.“ Auch das volle Elterngeld zu beziehen ist während eines Studiums kein Problem: „Wer Elterngeld bekommt und gleichzeitig erwerbstätig ist, hat zwar eine Grenze von 30 Arbeitsstunden in der Woche, die er nicht überschreiten darf. Für ein Studium gilt diese Grenze aber nicht, weil darin keine Erwerbstätigkeit im Sinne eines Beschäftigungsverhältnisses gegen Entgelt zu sehen ist“, sagt Brückmann. Nach Ablauf des ersten Elternzeit-Jahres können Studierende neuerdings auch das Betreuungsgeld beantragen - vorausgesetzt, ihr Kind hat keinen staatlich geförderten Platz in einer Krippe oder bei einer Tagesmutter.

Wer nicht wolle, dass sein Arbeitgeber von dem Studium erfahre, müsse ihn nicht darüber informieren, sagt Brückmann. Das kann sinnvoll sein, wenn der Arbeitnehmer etwas studiert, mit dem sich im alten Beruf nichts anfangen lässt und er mit einem Stellenwechsel liebäugelt. Es kann aber auch von Vorteil sein, dem Arbeitgeber Bescheid zu sagen. Denn wenn das Studium zur Stelle passt, zeigt ein Elternzeit-Student sogar großes Engagement und sammelt womöglich Punkte für einen Karriereschritt.

Angela Ulrich hat ihren Arbeitgeber nicht über ihr Studium informiert. Dabei passt BWL sehr gut zu ihrem Beruf. „Ich weiß mittlerweile viel mehr über die wissenschaftlichen Hintergründe meiner Tätigkeit“, sagt sie. Sie habe ihre Weiterbildung nicht an die große Glocke gehängt, weil es ihr „irgendwie angeberisch“ vorgekommen wäre. „Für mich ist das Studium wie ein Hobby“, sagt sie. Sie ist sich bewusst darüber, dass das merkwürdig klingt. „Aber immer, wenn ich nach einem Tag voller Haushalt und Kinderprogramm abends am Schreibtisch sitze und in Ruhe die Bücher aufschlage, empfinde ich das als ungeheuren Luxus.“

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Veröffentlicht: 26.08.2013, 08:11 Uhr