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Studieren im Nachbarland Flucht nach Holland

 ·  Ist der Numerus clausus nicht erfüllt, können Studienanfänger ins Nachbarland ausweichen: Niederländische Universitäten locken Deutsche mit zulassungsfreien Studiengängen. Aber Vorsicht: Ausgesiebt wird dann in den ersten Semestern.

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© Peter v. Tresckow Vergrößern

Überfüllte Hörsäle, Massenuniversitäten, unterfinanzierte Bibliotheken - das war das wenig verlockende Bild, das Anja Calaminus nach dem Besuch einiger Hochschul-Messen und nach Erfahrungsberichten ihrer Freunde von deutschen Universitäten hatte. Vor allem aber hätte sie in Deutschland sogar mit ihrem Abiturschnitt von 1,5 wohl nur mit Glück einen Studienplatz in ihrem Wunschfach Psychologie bekommen. Für dieses Fach liegt der Numerus clausus meistens bei 1,1 bis 1,4. „Wenn, dann hätte ich es nur knapp geschafft - und ich hätte mir nicht einmal aussuchen können, an welcher Universität ich studieren möchte“, sagt die 21-Jährige.

Ganz anders in den benachbarten Niederlanden: Dort wurde die Abiturientin mit offenen Armen empfangen und konnte eine Hochschule nach ihrem Geschmack wählen. Sie ging nach Nijmegen: Die niederländische Stadt liegt nur knapp zehn Kilometer hinter der deutschen Grenze und gerade einmal eine Stunde Autofahrt von ihrem Heimatort Meerbusch in der Nähe von Düsseldorf entfernt. Anja Calaminus fühlte sich in der Kleinstadt schnell zu Hause. Kein Wunder: Ein Drittel ihrer Kommilitonen im Bachelor-Studiengang Psychologie sind Deutsche.

Selten ist Fernweh der Grund

Wer sich für ein Studium in einer der niederländischen Studentenstädte Nijmegen, Maastricht, Venlo, Groningen oder Enschede entscheidet, den treibt selten das Fernweh aus der Heimat fort. Die niederländischen „Universiteiten“ liegen für manchen sogar näher als die nächstgelegene deutsche Hochschule - Wochenendbesuche bei Freunden und Familie sind kein Problem, und viele Studenten pendeln sogar jeden Tag aus Deutschland zu ihren Seminaren.

Die Argumente für ein Studium im Nachbarland sind bestechend: Kein Numerus clausus verwehrt den Zugang zum Traum-Studienfach. Seminare finden meistens im kleinen Kreis statt. Studienanfänger bekommen persönliche Mentoren zugeteilt, die ihnen durch den Hochschulalltag helfen. Und über die modern ausgestatteten Bibliotheken, Labors und Hörsäle würden viele deutsche Studenten staunen.

Moderate Studiengebühren

Dafür kassieren die Niederländer moderate Studiengebühren von 1700 Euro im Jahr. Wer einen Nebenjob annimmt, hat sogar Anrecht auf Studienbeihilfe: Mindestens 250 Euro im Monat bekommen Studenten vom Staat, unabhängig vom Gehalt der Eltern. Im Gegensatz zum deutschen Bafög müssen die Mittel nicht zurückgezahlt werden. Deutsche Studenten sind zudem willkommen: Die niederländischen Hochschulen werben um sie. Denn sie bekommen für jeden Studenten Geld von der Regierung in Den Haag. Die Einladung nehmen die Deutschen gerne an: Zurzeit studieren rund 25 000 Deutsche in den Niederlanden. Doch die meisten stellen schon nach wenigen Wochen fest: Die Vorteile der niederländischen Hochschulen gibt es nicht umsonst.

“In den ersten Semestern wird hier richtig hart ausgesiebt“, sagt Psychologie-Studentin Calaminus, die inzwischen im dritten Semester studiert. In Nijmegen muss jeder ausländische Student zunächst einen Niederländisch-Test bestehen - nach nur vier bis sechs Wochen Intensivkurs. Während es ihre Kommilitonen an deutschen Hochschulen in den ersten Semestern oft noch etwas lockerer angehen lassen, ist der Druck von Anfang an hoch. So gilt für die Psychologie-Studenten in Nijmegen: Wer nach dem ersten Studienjahr nicht mindestens zwei Drittel der vorgeschriebenen Leistungspunkte erreicht hat, darf nicht weiterstudieren. In Deutschland soll der Numerus clausus aussortieren, in den Niederlanden wird dieser Auswahlprozess in die ersten Studienjahre verschoben. „Ich finde das System sinnvoller als das deutsche“, sagt Calaminus. „Hier bekommt zumindest jeder eine Chance.“ Auch von langen Semesterferien können Studenten in den Niederlanden nur träumen: Sie besuchen jeweils sechs Wochen lang Vorlesungen und Seminare, dann folgt eine Prüfungsphase von zwei Wochen. Und schon beginnt die nächste Vorlesungsreihe. „Man muss echt motiviert sein, wenn man hier studieren will“, sagt Calaminus.

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