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Studieren im Ausland Entdecker ohne Mut

 ·  Globalisierung war gestern. Heute bleiben die Studenten lieber zu Hause: Die Dauer ihrer Auslandsaufenthalte sinkt, seit es Bachelor-Studiengänge gibt.

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Ernüchterung ist kein schönes, aber ein heilsames Gefühl. In der Theorie zum Beispiel fördert die europäische Hochschulreform, besser bekannt als Bologna-Prozess, die Mobilität der Studenten. So heißen in Marburg und Maastricht, in Tübingen und Trondheim die Bachelor- und Master-Abschlüsse gleich. Das einheitliche Punktesystem ECTS macht es zudem kinderleicht, Studienleistungen aus dem einen Land in ein anderes zu übertragen. In der Praxis aber bleiben die Tübinger Studenten, seit die Reform zur Realität geworden ist, lieber in Tübingen und die Marburger in Marburg - weil sie fürchten, dass ein Auslandsaufenthalt zu viel Zeit kostet.

So lautet jedenfalls der Befund, den das Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS) in einer Befragung von rund 7000 Studenten zutage gefördert hat. Demnach liegt der Anteil der Studenten, die im Ausland studiert haben, in den Diplom- und Magisterstudiengängen alter Prägung bei 35 beziehungsweise 49 Prozent. In den Bachelor-Studiengängen sind es gerade einmal 15 und unter den Mastern 30 Prozent.

Diejenigen, die sich gegen einen Auslandsaufenthalt entschieden haben, nannten dafür neben finanziellen Schwierigkeiten vor allem drei Gründe: den vermeintlichen Zeitverlust, die mangelnde Unterstützung seitens ihrer Hochschule und die schwierige Vereinbarkeit eines Auslandssemesters mit ihrem Studiengang - der Bologna-Prozess führt also offenbar nicht zu dem beabsichtigten Ziel hin, sondern von ihm weg. „Das ist eigentlich ein Skandal“, kommentierte Claudius Habbich vom HIS die Zahlen, als er die Studie auf einer vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und dem Bundesbildungsministerium veranstalteten Konferenz vorstellte. „Zumal die Furcht vor dem Zeitverlust und die Kritik an mangelnder Unterstützung seit 2007 zugenommen haben.“

Immense Informationsberge

Nicht die Reform an sich, sondern die akademische Bürokratie kritisiert dafür Tristan von Schindel, der im Studierendenrat der TU Ilmenau für das Referat Internationales zuständig ist und Kommilitonen berät, die sich für einen Auslandsaufenthalt interessieren. „Sie müssen sich durch einen immensen Informationsberg kämpfen“, berichtet er; die Unübersichtlichkeit sei zum Teil hausgemacht. „Zum Beispiel arbeiten einige Fachgebiete an den Auslandsämtern vorbei und versuchen eigene Austauschprogramme zu etablieren.“ Für die Studenten komfortabler wäre eine zentrale Anlaufstelle. Noch wichtiger aber wären flexible Studienpläne. Schindel schildert einen typischen Fall: Die Prüfungsordnung erlaubt fünf Semester bis zu einer Prüfung, für die man eine Lehrveranstaltung besucht haben muss, die aber nur jedes zweite Semester angeboten wird. „Dann steht man vor einem Riesenproblem, wenn man davor noch ein Auslandssemester unterbringen will.“

Einen anderen Aspekt hebt Markus Pradel hervor, der Vizepräsident der privaten Fachhochschule Fresenius. Um der Profilbildung willen wurden in den vergangenen Jahren viele neue Studiengänge entwickelt; die Hochschulrektorenkonferenz zählt aktuell mehr als 9000 Angebote, unter denen Erstsemester wählen können. „Schon beim Ortswechsel innerhalb Deutschlands mindert diese molekular ausdifferenzierte Beschreibung mancher Fächer die Anrechenbarkeit“, sagt Pradel - vom Wechsel ins Ausland ganz zu schweigen. Die Folge, diesmal nicht durch Studien ermittelt, sondern spontan geschätzt: „Am Anfang nehmen sich 90 Prozent der Studenten einen Auslandsaufenthalt vor. Aber nur 3 Prozent ziehen's dann auch durch.“

Die meisten gehen in die Niederlande oder nach Österreich

An der Misere kann auch das Statistische Bundesamt nichts ändern. „Immer mehr deutsche Studierende im Ausland“, meldet die Behörde zwar unverdrossen. Aber hinter den nackten Zahlen - 90.000 an ausländischen Hochschulen eingeschriebene deutsche Studenten, was 5,3 Prozent aller Immatrikulierten entspricht - steckt ein Gefühl der Verunsicherung: So sind die beiden mit Abstand beliebtesten Studienländer die Niederlande und Österreich - nicht gerade Ziele für mutige Weltentdecker. Und die durchschnittliche Dauer der Entdeckungsreisen sinkt. „Einen längeren Aufenthalt im Ausland glauben sich viele Studenten nicht mehr erlauben zu können“, stellt Richard Lucht aus dem Bundesvorstand der Studentenorganisation Aiesec fest, die ihren Mitgliedern unter anderem mit Praktikumsprogrammen eine internationale Ausbildung ermöglichen will. „Man muss ihnen regelrecht die Angst davor nehmen.“ Aiesec etwa vermittelt nun auch Praktika von sechs bis acht Wochen Dauer, die sich in der vorlesungsfreien Zeit unterbringen lassen - früher waren drei bis sechs Monate die Regel. „Für mehr ist oft erst nach dem Bachelor Raum.“

Wie aber lässt sich aus den ernüchternden Befunden eine Medizin gegen die Scheu vor der weiten Welt gewinnen? Manche Hochschulen haben Programme entwickelt, die den Aufenthalt an einer Partnerhochschule fest in den Studienplan integrieren (siehe Kasten). Immer lauter wird auch die Forderung, für das Bachelor-Studium statt sechs Semestern künftig sieben oder acht vorzusehen, um den Studenten Luft zum Atmen zu geben. Auf die widrigen Verhältnisse allein will Svenja Hofert die Probleme mit dem Wechsel ins Ausland jedoch nicht schieben. „Viele Studenten erwarten offenbar ein Rundum-sorglos-Paket von ihrer Hochschule“, sagt die Karriereberaterin aus Hamburg. „Dabei geht es doch gerade darum, Eigeninitiative zu zeigen.“ Bequemlichkeit hält sie auch für einen entscheidenden Faktor bei der Wahl des Zielortes. „Drei Monate Work & Travel in Australien oder ein sechswöchiger Sprachkurs in Südafrika, danach machen manche an das Thema Auslandserfahrung schon einen Haken“, berichtet Hofert aus Gesprächen mit Studenten und Absolventen. Für potentielle Arbeitgeber aber sind nach ihrer Einschätzung solche Ausflüge aus dem Hörsaal kein Einstellungsgrund. Personalverantwortliche legten Wert auf die praktische Arbeitserfahrung, die ein Student vor dem Examen im In- und Ausland gesammelt hat, betont Hofert. „Da zählt ein sechsmonatiges Praktikum mehr als ein auf sechs Wochen abgemagertes. Dass dadurch das Studium zwei Semester länger dauert, kümmert kaum jemanden.“

Ein halbes Jahr länger als geplant wird nun auch Tristan von Schindels Studium dauern. Er ist im neunten Semester für Wirtschaftsinformatik eingeschrieben, schon nach dem Vordiplom wollte er für ein praktisches Semester nach Japan gehen. Gescheitert ist dies damals an der Frist für die Förderung durch den DAAD. „Ich hätte mich fast ein Jahr vor dem Abflug bewerben müssen, das habe ich zu spät erfahren.“ Jetzt hat sich der Vierundzwanzigjährige die Reise nach Tokio erneut vorgenommen - und die Bewerbung rechtzeitig abgeschickt. „Einen Lerneffekt hatte die Verzögerung also auf jeden Fall.“

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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