10.07.2008 · Wer in Deutschland ein Studium anfängt, kann unter tausenden verschiendenen Programmen wählen. Außer der Arbeitsagentur versprechen auch immer mehr private Berater, die Qual der Wahl zu lindern. Die Preise dafür sind nicht von schlechten Eltern.
Von Insa Schiffmann und Sebastian BalzetrSechs Tage noch. Am 15. Juli, eine Sekunde vor Mitternacht, ist endet für die allermeisten Studiengänge die Frist. Dann muss die Bewerbung versandt sein, per Mausklick oder mit dem richtigen Poststempel drauf. Bis Dienstag also müssen sich die Abiturienten – und alle anderen, die zum Wintersemester ein Studium aufnehmen wollen, entschieden haben – für eine der 350 Hochschulen in Deutschland, für eines ihrer gut 11 000 Programme. Das Angebot ist überwältigend, kaum zu überschauen. Orientierungshilfe suchen die meisten Abiturienten bei der Studienberatung der Bundesagentur für Arbeit (BA), die zusammen mit den Universitäten kostenlose Klassen- und Vortragsveranstaltungen, Elternabende und Einzelgespräche anbietet. Aber wer sie sich leisten kann, dem stehen auch exklusivere Alternativen offen, mit psychologischen Gutachten und intensiver Betreuung.
Svenja Bartmus hat lange gegrübelt: Modedesignerin oder Menschenrechtskämpferin? Sie ist hin und her gerissen; noch kurz vor den letzten Prüfungen im Mai weiß sie nicht, für welches Studium sie sich entscheiden soll. Eine andere Entscheidung fällt der Abiturientin leichter – diejenige gegen hohe Gebühren und für einen der rund 800 Berater der BA.
Mit dem Flipchart zur Entscheidungsfindung
Zwei Wochen später sitzt die 19 Jahre alte Göttingerin zusammen mit einer Freundin in einem kleinen Büro der Behörde, das von oben bis unten mit Büchern voll gestopft ist. Der Berater macht auf sie einen netten, wenn auch etwas überheblichen Eindruck. Er redet schnell und viel, scheint aber Ahnung zu haben. Sie sprechen über Svenjas Interessen, ihre Stärken, ihre Schwächen und Berufswünsche. Hin und wieder setzt der Berater zu einem längeren Monolog an und kritzelt dabei eine Skizze nach der anderen auf ein Flipchart.
Nach vier Stunden verlassen die beiden jungen Frauen mit unterschiedlichen Gefühlen das Backsteinhaus. Svenja Bartmus hatte sich eine Hilfe bei der Entscheidung erhofft, doch nun ist sie verwirrter als zuvor. Ihre gleichaltrige Freundin dagegen, die sich schon für ein Medizinstudium entschieden hatte und nur noch organisatorische Fragen hatte, ist vollends zufrieden. „Wer schon weiß, was er machen möchte, ist hier richtig“, sagt sie. „Mit den verschiedenen Studiengängen und Bewerbungsverfahren kannte sich der Berater hervorragend aus; er konnte mir aber nicht dabei helfen, herauszufinden, welcher Werdegang besser zu mir passen würde.“ Dazu wäre mehr Zeit nötig gewesen, glaubt sie. „Für mich war das Gespräch einfach zu kurz.“
Ein Flipchart steht auch im Souterrain der Wiesbadener Stadtvilla, wo Thomas Nisslmüller, einer der Bildungsberater von „Töchter und Söhne“ sein Büro hat. Aber damit hören die Ähnlichkeiten auch schon auf: Der Raum ist groß und luftig, die Prospekte in der Regalwand sauber aufgereiht, die Möbel schlicht und edel, zum Gespräch nimmt man auf Korbstühlen Platz. Und zu kurz werden die Beratungsrunden hier auch kaum ausfallen – sonst würden die Kunden auf die Barrikaden gehen, bei einem Preis von stolzen 950 Euro für das Basis-Programm. „Impulse zur Entscheidungsfindung“ und eine „nachhaltig wirksame Studien-Strategie“ verspricht das Unternehmen dafür.
Bologna lässt die Kassen klingeln
Für Detlef Kulessa, den Gründer von „Töchter und Söhne“, ist die Studienberatung ein ganz neues Geschäftsfeld; angefangen hat er vor achteinhalb Jahren damit, Eltern bei der Wahl einer geeigneten Schule für ihren Nachwuchs zu helfen. Die Diskussion um Rankings, Studiengebühren, Bildungsrenditen hat seither stetig zugenommen. „Der Druck wird größer“, sagt Kulessa, der selbst ohne Scheu von seiner verhältnismäßig unbeschwerten und vor allem ausgedehnten Studienzeit berichtet. „Wer dagegen heute mit 23 Jahren noch nicht weiß, wohin er sein Ei legt, fürchtet fast schon um seine Existenz.“
Dann kam die Bologna-Reform dazu, deren Begleiterscheinung eine inflationäre Zahl von Studienprogrammen und eine allgegenwärtige Unsicherheit an den Hochschulen ist. „Bologna war eine Promotion-Veranstaltung für uns“, sagt Kulessa dazu. Deshalb hat er Thomas Nisslmüller eingestellt, einen promovierten Theologen und Wirtschaftswissenschaftler, und sein Geschäftsmodell auf die Hochschulbildung ausgedehnt. In gut 1000 Stunden Recherche hat er sich durch Vorlesungsverzeichnisse und Bewerbungsstatuten gekämpft, Universitäten in ganz Europa besucht, Kontakte geknüpft. Das richtige Studienfach und den richtigen Studienort will er für die angehenden Akademiker finden – und damit ist es noch nicht getan. Auf Wunsch und gegen Aufpreis kümmert er sich auch um das Bewerbungsverfahren und darum, eine passende Wohnung zu finden.
Elternsache? Schon lange nicht mehr
Nicht Ranglisten stünden dabei im Vordergrund, sagt er, sondern das „Match-making“, dass beide Seiten zueinander passten. Früher versuchten sich an dieser Aufgabe meistens die Eltern, heute fühlen sich offenbar gerade viele gutbetuchte Väter und Mütter dazu nicht mehr in der Lage – hin und wieder durchaus zu Recht, findet Nisslmüller. „Manchmal muss man die Mama wegschicken“, diese Lehre hat er aus den bisher gelaufenen Gesprächen über Stärken, Schwächen, Wünsche und Träume schon gezogen.
Im März fand das erste davon statt. Die ersten 20 Hochschul-Kunden hatte „Töchter und Söhne“ im Handumdrehen, jeden Monat kommen 10 hinzu. „Wir wissen gar nicht, wie wir sie alle unterkriegen sollen“, sagt Detlef Kulessa. Auch den Konkurrenten auf dem jungen Markt des privaten „Educational Consulting“ geht es allem Anschein nach ähnlich, innerhalb weniger Monate haben sich drei Dutzend Berater, Psychologen und Berater mit dieser Spezialisierung in Deutschland etabliert.
Jemand, der sich in einer sehr kurzen Zeit intensiv mit sich und seinen Berufszielen beschäftigen muss, könne von der Beratung eines dieser privaten Anbieters durchaus profitieren, räumt Brigitte Gering vom Hochschulteam der Bundesagentur für Arbeit in Frankfurt ein. Von der Qualität des Angebots der BA ist sie dennoch überzeugt. „Wir haben meistens nur eine Stunde Zeit“, sagt sie. „Die Privaten befassen sich unter Umständen drei Tage am Stück mit einer Person.“ Eine dermaßen komprimierte Behandlung hält die Diplom-Soziologin grundsätzlich jedoch nicht für besonders sinnvoll. „Berufsberatung hat einen prozesshaften Charakter“, sagt sie. Dem komme die Berufsagentur entgegen: Die Länge der einzelnen Sitzung sei zwar begrenzt, nicht aber deren Anzahl. „Wenn ein Ratsuchender 15-mal zu uns kommen möchte, dann ist das möglich.“
Noch sechs Tage, und mittendrin ein Wochenende. Da passen 15 Gänge zur BA nicht rein. Und ein Besuch bei „Töchter und Söhne“? „Na, dann aber schnell“, sagt Detlef Kulessa. „Da ist wirklich nicht mehr viel Zeit. Aber wir versuchen alles möglich zu machen.“