Home
http://www.faz.net/-gyq-14lb4
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Studienstiftung des deutschen Volkes Wo sollen die Begabten herkommen?

18.12.2009 ·  Schulleiter schlagen ihre besten Abiturienten vor, Professoren die Studenten, von denen sie sich am meisten versprechen - so war es bislang bei der Studienstiftung des deutschen Volkes. Jetzt kommt die Kehrtwende: Die Stiftung führt die Selbstbewerbung ein.

Von Patrick Bahners
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (11)

Die Studienstiftung des deutschen Volkes ist das größte der Begabtenförderungswerke, aber organisiert wie ein Club. Man muss vorgeschlagen werden. Schulleiter schlagen ihre besten Abiturienten vor, Professoren die Studenten, von denen sie sich am meisten versprechen. Schon die Einleitung des Aufnahmeverfahrens bringt das Selbstverständnis der Studienstiftung zum Ausdruck, dass ein Individuum gefördert werden soll, das als Person zu besonderen Hoffnungen Anlass gibt. Personen können nur von Personen entdeckt werden.

In der Praxis hat sich das Verfahren längst der Realität der Massenuniversität und eines Schulwesens angepasst, in dem Chancen ohne Ansehen der Person verwaltet werden. Die Prüfungsämter werden aufgefordert, die Studenten zu nennen, die in den Zwischenprüfungen am besten abschneiden, aber möglicherweise noch keinem Professor auffallen konnten. Die allermeisten Gymnasialdirektoren schlagen den nach Notendurchschnitt besten Abiturienten vor, obwohl sie gehalten sind, denjenigen auszuwählen, den sie für den begabtesten halten. Der Grund für die Auswahl nach Schema ist die Furcht vor einer Klage des übergangenen Bestbenoteten beziehungsweise von dessen Eltern.

Dem Gedanken, dass es einen Rechtsanspruch auf Teilnahme an der Auswahl der Studienstiftung gibt, hat sich der Bundesrechnungshof angeschlossen. Die gerechte Vergabe öffentlicher Mittel verlangt nach Auffassung der Behörde, dass jeder mögliche Begünstigte im Zweifelsfall selbst seinen Anspruch geltend machen kann. Deshalb führt die Studienstiftung jetzt die Selbstbewerbung ein. Der Präsident der Studienstiftung, der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth, und ihr Generalsekretär Gerhard Teufel erläuterten vergangene Woche in Bonn das neue Verfahren, das den Vorschlagsweg zunächst nur ergänzt, aber noch nicht ersetzt. Jeder Student im ersten oder zweiten Semester kann an einem Test teilnehmen, den das der Studienstiftung eng verbundene Unternehmen von Günter Trost entwickelt hat. Die Testbesten werden in das übliche Auswahlverfahren einbezogen, müssen sich also einem Auswahlseminar stellen, in dem sie zwei Gespräche mit Prüfern aus Universität und sonstiger Arbeitswelt führen sowie Gruppendiskussionen absolvieren.

Selbstbewerbung offenbar politisch gewollt

Ob den Bedenken des Rechnungshofs nicht auch durch eine weitere Automatisierung des Vorschlagswesens hätte Rechnung getragen werden können, durch eine Vorschlagspflicht für Schulleiter und Zugriff auf die Abiturientenlisten, mag dahinstehen. Offensichtlich ist die Umstellung auf Selbstbewerbung politisch gewollt, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Dass ein Viertel der 4000 das Abiturzeugnis verleihenden Schulen keine Vorschläge einreicht, ist in der Tat eine eklatante Ausfallquote. Mit der Schließung dieser Lücke wäre den formalen Fairnesserwägungen des Rechnungshofes Genüge getan. Allerdings hat die Studienstiftung außerdem eine ganz andere Lücke im Auge, die sogenannte Gerechtigkeitslücke, die man klaffen sehen kann, wenn man die Stipendiaten nach der sozialen Herkunft aufschlüsselt.

Roth sprach in Bonn von der „berühmt-berüchtigten sozialen Schieflage“ der Vorschläge. Eine von der Studienstiftung bei dem Volkswirt Axel Börsch-Supan von der Universität Mannheim in Auftrag gegebene Sozialerhebung hat ergeben, dass nur 21 Prozent der Stipendiaten aus einem nichtakademischen Elternhaus stammen. Der Vergleichswert für alle Studenten sind 49 Prozent. Berüchtigt ist diese Schieflage vor allem deshalb, weil die Studienstiftung bis vor kurzem und auch nach der Veröffentlichung von Börsch-Supans Daten noch bestritten hat, dass hier für sie ein Problem vorliegt. Man meinte, wie Generalsekretär Teufel im Rückblick zugibt, man sei aus dem Schneider, weil der Anteil der Aspiranten mit nichtakademischem Hintergrund zwischen Vorschlag und Aufnahme jedenfalls nicht sinke.

Es verblüfft, dass man glaubte, mit dieser Statistik den Vorwurf entkräften zu können, die Studienstiftung sei wie das Gymnasium Teil eines Bildungssystems, das Prämien für Selektionsvorteile ausschütte. Teufel wies noch in Bonn den Begriff der Selbstreproduktion als polemisch zurück, ohne zu bestreiten, dass er die Innenseite des Auswahlsystems beschreibt: In den Kommissionen sitzen mehrheitlich ehemalige Studienstiftler; dass Begabung sich im angeregten Gespräch materialisieren soll, begünstigt den „Spiegeleffekt“, wenn die Prüfer ihre jüngeren Ebenbilder rühmen. Hat man sich nicht gefragt, ob ein Aussortieren der Blender mit achtzehn Jahren häuslichen Konversationstrainings nicht zu einem leichten Abbau des Akademikerkinderüberhangs zwischen Vorschlag und Aufnahme führen sollte?

Verkauft als soziale Offensive

Roth begnügte sich im Vorwort zum Jahresbericht für 2008, in dem er sozusagen die stiftungsoffizielle Interpretation der Sozialerhebung vornahm, nicht mit dem Verweis auf die vermeintlich den Vorwurf der (unsachgemäßen) Selektion entkräftende Statistik. Vielmehr legte der Präsident mit der Autorität des Hirnforschers eine deterministische Theorie der Begabung vor. Demnach ist Intelligenz „dasjenige Persönlichkeitsmerkmal, das am deutlichsten vererbt wird“. Damit ist nicht gemeint, dass gebildete Eltern ihre Kinder anregen, ihre Verstandeskräfte zur Entfaltung zu bringen. Motivation und Fleiß als vom Elternhaus begünstigte Faktoren der Begabung treten nach Roth zur ererbten Intelligenz noch hinzu. Kinder von dummen, armen und faulen Eltern haben also dreifach schlechte Karten - aber das Aufsprengen dieses Teufelskreises ist, so Roth in dem im April dieses Jahres verschickten Jahresbericht, eine Aufgabe für „die Gesellschaft“, nicht für die Studienstiftung.

Dem Vernehmen nach löste Roths Vorwort Proteste unter den Empfängern des Jahresberichts aus, insbesondere bei ehemaligen Stipendiaten. Es war aber wohl vor allem die öffentliche Debatte über die zur gleichen Zeit wie der Jahresbericht veröffentlichte, vom BMBF geförderte Studie der Hochschulinformationssystem GmbH (HIS) über „Das soziale Profil in der Begabtenförderung“, die zur Kehrtwende in Bonn führte. Die in den Gremien schon länger vorbereitete Einführung der Selbstbewerbung wird nun verkauft als soziale Offensive. Obwohl nach Roths Logik die Tatsache, dass im Vergleich der Begabtenförderungswerke die Studienstiftung den mit Abstand höchsten Anteil von Akademikerkindern aufweist, ein Ausdruck des Umstands sein muss, sie fördere ohne ideologische Rücksichten die Besten, wird der Presse mitgeteilt, die Studienstiftung öffne sich „verstärkt Studierenden aus bildungsfernem Elternhaus“. Teufel bat die Journalisten darum, für den Test zu werben. Er wünscht sich, dass alle Großmütter ihren Enkeln die 50 Euro Testgebühr („Bildungsferne“ erhalten 25 Euro Rabatt) zu Weihnachten schenken, als wäre Motivation bloß eine Sache des Willens.

Schon vor fünfundzwanzig Jahren haben Referenten der Studienstiftung die Einführung der Selbstbewerbung vorgeschlagen, um Begabungsreserven jenseits bildungsbürgerlicher Planerfüllung zu erschließen. Damals wurde kritisch gefragt, ob das verkannte Genie oder der Tüftler wirklich der Typ ist, der sich selbst für hochbegabt hält und erklärt. Erst recht gilt das nun bei jungen Leuten, denen die Eltern nicht eingetrichtert haben, es gebe nichts Höheres als einen akademischen Titel. In der Mitgliederversammlung des die Studienstiftung tragenden Vereins und im Kuratorium sieht man die Reform skeptisch.

Zahl der Stipendiaten wird steigen

Das Kuratorium hat eine Erprobung der Selbstbewerbung beschlossen. Den Probecharakter stellten Roth und Teufel in Bonn nicht heraus; Roth beschwor eine „kleine Revolution“, einen „bemerkenswerten Tag“, einen „tiefen Einschnitt“. Angesichts der Erwartungen der Bildungspolitik ist auch schwer vorstellbar, dass das neue Instrument nach der Probephase verworfen wird. Man wird die Schlagzeile vermeiden wollen, die Studienstiftung lasse die Bildungsfernen wissen, sie sollten doch lieber früher büffeln.

Dass man sich für die Studienstiftung nicht selbst vorschlagen kann, galt einmal als etwas Besonderes. Wenn das Verschwinden dieses Merkmals im Kuratorium bedauert wird, äußert sich darin nicht einfach der Idealismus eines überholten Einzelpersönlichkeitskultes. Der Wachstumskurs von Roth und Teufel, die die Zahl der Stipendiaten innerhalb von fünf Jahren von 6000 auf 10.000 gesteigert haben, löst Unbehagen aus, zumal die Stiftung mit der Senkung der Aufnahmeschwelle einen dringenden Wunsch des Ministeriums erfüllt hat. Was bleibt bei solchen Zahlen von der individuellen Förderung des einzelnen Stipendiaten etwa durch den für seine Hochschule zuständigen Referenten? Auch wenn durch Test und Selbstbewerbung der Anteil der Akademikerkinder nicht abnehmen sollte, wird die Zahl der Stipendiaten weiter steigen.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel