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Sonntag, 12. Februar 2012
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Studienorte Der Ruf des Ostens

30.07.2008 ·  Wer im Westen sein Abitur macht, für den kommt ein Studium in den „neuen“ Ländern kaum in Frage. Dabei machen viele Hochschulen kräftig Werbung - im Kino, auf Litfaßsäulen und im Internet. Sogar eine kostenlose Bahncard ist drin.

Von Sebastian Balzter
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Rabea Marahrens weiß, dass sie eine Ausnahme ist. Aber sie wundert sich darüber, dass dies der Fall ist, 18 Jahre nach der Wiedervereinigung. Seit neun Monaten studiert sie Sprachwissenschaft in Halle an der Saale. Aufgewachsen ist sie 360 Kilometer nordwestlich der größten Stadt Sachsen-Anhalts, in einem Dorf bei Osterholz-Scharmbeck in der Nähe von Bremen - auf der anderen Seite einer unsichtbaren Mauer. "In meinem Studiengang haben 30 Erstsemester angefangen", berichtet die Zweiundzwanzigjährige. Sie lacht gerne und oft, aber jetzt ist sie ernst. "Aus dem Westen bin ich die Einzige. Und umgekehrt bin ich aus meiner Klasse die Einzige, die in den Osten gezogen ist."

Damit haben sich die einstigen Mitschüler der jungen Frau mit den langen blonden Haaren an die Regel gehalten, von der sie selbst die Ausnahme ist. Nicht einmal 4 Prozent aller Abiturienten aus den alten Ländern ziehen zum Studium in die fünf neuen; den umgekehrten Weg schlagen fast 22 Prozent der Abiturienten aus Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ein.

Eine Exotin

Mit ihrer exotischen Rolle kann Rabea Marahrens selbst gut leben, sie macht nicht viel Aufhebens um den Länderwechsel. Den Ausschlag dafür habe das Studienangebot gegeben, das anderswo so nicht zu finden gewesen sei. "Ich bin doch einfach nur in eine andere Stadt gezogen", sagt sie. In Halle habe sie dann aber schnell einheimische Freunde gefunden, außerdem seien die Studienbedingungen hervorragend, und in den Saalewiesen könne man im Sommer herrlich entspannen. "Das gefällt mir besonders gut", sagt sie, jetzt lacht sie wieder. "Denn ich bin und bleibe eben ein Landei."

Gerhard Wünscher lässt sich nicht so schnell mit der Situation versöhnen. Er ist im Kultusministerium in Magdeburg zuständig für die strategische Planung von Wissenschaftsangelegenheiten. Und deshalb weiß er, dass es hinter den Wanderbewegungen der Studenten, die für sich genommen allenfalls Anlass zum Räsonieren über die innerdeutschen Zustände geben würden, um viel Geld geht. Der Hochschulpakt 2020, den Bund und Länder geschlossen haben, bringt allein bis 2010 den Universitäten und Fachhochschulen in den neuen Ländern 85 Millionen Euro. Dafür müssen sie jedoch ihre Studentenzahlen zumindest auf dem Stand von 2005 halten und vermehrt Studienbewerber aus den alten Ländern aufnehmen. Denn während im Westen, wo viele Hochschulen überlaufen sind, die Zahl der Abiturienten den Prognosen zufolge in den nächsten Jahren zunehmen wird, sinkt sie im Osten, wo Seminarräume, Labore und Auditorien verwaisen - eine für beide Seiten unangenehme Entwicklung. "Es ist eine nationale Aufgabe, die Vorurteile gegen die Hochschulstandorte in den neuen Ländern zu brechen", sagt Wünscher deshalb. "Der Osten hat dabei einmal die Chance, dem Westen zu helfen. Das sieht man sonst eher andersrum."

Ost-Hochschulen haben ihr „Soll“ erfüllt

Bislang haben sich die rund 60 Hochschulen in den fünf neuen Ländern wacker geschlagen. Die Hochschulrektorenkonferenz jedenfalls hat ihnen noch im Winter bestätigt, ihr Soll erfüllt zu haben. Die demographische Entwicklung lässt die Verwaltungen dennoch nicht ruhig schlafen. Vielerorts haben sie sich Werbekampagnen ausgedacht, die mit dem Verweis auf niedrige Lebenshaltungskosten, gute Betreuungsrelationen, fehlende Studiengebühren, positive Plazierungen in den einschlägigen Rankings und innovative Studiengänge die Vorteile des Studierens im Osten hervorheben. Postkarten mit einer offenen Heringsdose und dem Slogan "Lieber ohne Platzangst studieren" preisen zum Beispiel die Vorzüge Brandenburgs an, wo die Uni Potsdam Erstsemestern aus anderen Bundesländern außerdem auch noch eine Bahncard 50 schenkt. Der Rektor der Universität Rostock kündigt seinerseits mit den Worten "Wir müssen besser werden, um besser werben zu können" eine Qualitätsoffensive an. An der altehrwürdigen Martin-Luther-Universität in Halle ist man schon weiter, die Broschüren und der Internet-Auftritt haben einen frischen grünen Anstrich bekommen, ein Kinospot wurde gedreht, mehr als 3000 Gymnasien in Deutschland wurden mit Postern versorgt, an Litfaßsäulen in elf großen Städten hängen Plakate mit der Aufforderung "Sei klug, studier in Halle".

Wie tief die deutsch-deutschen Vorurteile in der aktuellen Erstsemester-Generation sitzen, die diese Anstrengungen überwinden helfen sollen, hat vor kurzem eine vom sächsischen Wissenschaftsministerium in Auftrag gegebene Studie gezeigt. Nur über "rudimentäre Kenntnisse" der neuen Länder hätten viele der befragten 17 bis 23 Jahre alten Westdeutschen verfügt, heißt es darin. Welche Probleme selbst Städteperlen wie Dresden, Chemnitz und Görlitz haben, zeigt ein Beispiel von vielen: Ein junger Mann aus Berlin etwa wurde befragt, ob er sich auch ein Studium in Sachsen hätte vorstellen können. "Nur Plattenbauten, das ging echt nur als Allerletztes", war seine Antwort. Vielleicht liegt die Technische Universität in Cottbus angesichts solcher Hürden mit ihrer Strategie richtig, ganz bewusst um Studenten aus Mittel- und Osteuropa zu werben, das ja nur 30 Kilometer weiter an der polnischen Grenze beginnt. Denn dort hat Deutschlands Osten einen guten Ruf.

Gar nicht so schlimm hier

"Dass es hier gar nicht so schlimm ist, stellen die meisten aus dem Westen dagegen erst fest, wenn sie da sind", beschreibt Gerhard Wünscher die Lage. Damit sich künftig mehr Studenten die Gelegenheit zu dieser Einsicht gönnen, haben sich die neuen Länder nun zusätzlich zu den Aktivitäten der einzelnen Hochschulen und Ministerien auf eine gemeinsame Dachkampagne geeinigt. Wünschers Ministerium koordiniert die Zusammenarbeit, deshalb kam Anfang dieser Woche die Meldung über die Vergabe des für fünf Jahre mit je zwei Millionen Euro ausgeschriebenen Auftrags aus Magdeburg: Durchgesetzt hat sich das Konzept

der renommierten Berliner Agentur Scholz & Friends, die unter anderem schon mit ihren Kampagnen für Baden-Württemberg, Daimler und das "Land der Ideen" Preise gewonnen hat.

Was die Werbeprofis den Hochschulen im Osten raten? "Vergessen Sie Werbung", zitiert Stefan Wegner, der bei Scholz & Friends für das Projekt verantwortlich ist, den ersten Satz aus dem Exposé. Teure Plakate, Anzeigen, Kinospots, all das führt seiner Meinung nach nicht effektiv zum Ziel, also zur Zielgruppe - den Oberstufenschülern in den alten Ländern. Die Entscheidung für oder gegen einen Studienort und einen Studiengang, vermutet Wegner, wird vor allem vom persönlichen Kontakt mit neuen oder alten Bekannten beeinflusst. Es gelte also, in den sozialen Netzwerken präsent zu sein, und da Deutschlands Gymnasiasten sich voraussichtlich schon bald zu 90 Prozent auf der Internet-Plattform Schüler-VZ tummeln werden, soll die Kampagne vor allem dort stattfinden.

Nur einen Mausklick entfernt

"Im Herbst beginnt die Mobilisierung der Hochschulen", erläutert Wegner den Zeitplan. Jede einzelne soll sich überlegen, was sie besonders attraktiv macht; die Ergebnisse sollen danach in einem gemeinsamen Online-Auftritt gebündelt werden. "Im Frühjahr können wir dann hoffentlich das Matchmaking-Tool freischalten." Mit einem Klick sollen die Studi-VZ-ler dann zu einer Art Eignungstest gelangen können. Ob sie lieber surfen oder bergwandern, ihnen Partys oder Naturerlebnisse wichtiger sind, sie sich eher für technisch oder schöngeistig interessiert halten - solche Fragen wird es dort zu beantworten geben, und als Resultat spuckt die Maschine Vorschläge aus, welche Hochschulen in den neuen Ländern am besten dazu passen dürften. Deren gesammelte Vorzüge sind dann wieder nur einen Mausklick entfernt, außerdem stehen dort schon Immatrikulierte zur schnellen elektronischen Kontaktaufnahme bereit. "Damit das funktioniert, werden wir auch spielerische Einstiege wie etwa Psychotests vorsehen", fügt Wegner hinzu.

Ob es für die Teilnahme am "Matchmaking" auch kleine Belohnungen - zum Beispiel ein vergünstigtes Bahnticket für die Fahrt in eine der ausgewählten Unistädte - geben wird, ist noch nicht entschieden. So oder so, Rabea Marahrens glaubt nicht, dass sich im Internet mehr Abiturienten aus Osterholz-Scharmbeck nach Sachsen-Anhalt locken lassen werden. "Das funktioniert eher in der realen als in der virtuellen Welt", vermutet sie. Ein- oder zweimal im Monat bekommt sie selbst Besuch von zu Hause, manche der Gäste wissen vorher nicht, wo Halle liegt. Sie zeigt ihnen die Pracht der historischen Universitätsbauten, die Saalewiesen, die Kneipen in der Kleinen Ulrichstraße, und die meisten sind überrascht, wie hübsch das anzuschauen ist. Deshalb hofft die Niedersächsin auf die nächste Generation. "Wir werden unseren Kindern keine Schauermärchen über den Osten mehr erzählen können", sagt sie. "Vielleicht halten sich die Vorurteile gegenüber Bayern ja sogar länger."

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