31.03.2011 · Fünf Hamburger Hochschulen wollen in einem Speed-Dating Schüler der zehnten Klasse für Naturwissenschaften und Technik begeistern. Denn wer diese Fächer in der Oberstufe abwählt, findet oft auch nach dem Abitur keinen Zugang dazu.
Von Deike UhtenwoldtSchon dreimal hat Thomas Görne einer Gruppe von Schülern sich und sein Themengebiet vorgestellt. Nun geht es in die letzte Speed-Dating-Runde; abermals will der Ingenieur seinen Zuhörern das Sounddesign näher bringen. „Ich bin ein großer Fan von meinem Fach“, sagt der Professor der Hochschule für Angewandte Wissenschaften HAW Hamburg und schreibt Beschäftigungsfelder an die Tafel: Produkt-Sounddesign, Musik- und Hörspielproduktion, Spiele und Filme. „Ich betreibe Kunst mit technischen Mitteln, die so kompliziert sind, das dafür ein Ingenieurstudium notwendig ist“, erklärt er.
Die Schüler, die ihm zuhören und Fragen stellen, sind aber noch weit weg von einem Berufseinstieg. Sie sind Zehntklässler, meistens 16 Jahre jung und kurz davor, in der Oberstufe mit einer Fächerkombination eine Vorentscheidung für das zu treffen, was nach dem Abitur kommt. Dass sie sich für eine naturwissenschaftliche Kombination entscheiden, hoffen die Veranstalter dieses wissenschaftlichen Speed-Datings, das an diesem Vormittag an der HAW stattfindet. Die Schüler lernen vier Fachrichtungen kennen; drei werden ihnen zugeteilt, die letzte können sie sich aussuchen.
Konkurrenzdenken beiseite geschoben
Die Stadt Hamburg, Görnes Arbeitgeber, hat vor zwei Jahren eine Profiloberstufe eingeführt: Neben den Kernfächern Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache wählen die Schüler nach ihren Neigungen ein Profil, zum Beispiel ein gesellschaftswissenschaftliches, ein sportliches, ein künstlerisches oder eben ein naturwissenschaftliches Profil. Das sei eine Wahl fürs Leben, glauben die 22 Wissenschaftler aus fünf verschiedenen Hamburger Hochschulen, die für das Speed-Dating in der vorlesungsfreien Zeit an der HAW zusammengekommen sind. „Wer die Naturwissenschaften in der Oberstufe abwählt, findet in der Regel auch nach dem Abitur nicht mehr den Zugang dazu“, sagt Sabine Fernau, Geschäftsführerin der Initiative Naturwissenschaft und Technik. Die Initiative koordiniert die Zusammenarbeit der fünf Hochschulen. Dass diese ihr Konkurrenzdenken zugunsten einer gemeinsamen Nachwuchssicherung beiseite geschoben haben, hat der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gemeinsam mit der Heinz-Nixdorf-Stiftung in einem bundesweiten Hochschulwettbewerb mit einer Auszeichnung gewürdigt.
Petra sitzt in der ersten Reihe im Hörsaal von Professor Görne. Drei Dates hat die Schülerin schon hinter sich, mit Themen, die sie sich nie ausgesucht hätte: von der Stadttechnik über die Geophysik bis zur Informations- und Elektrotechnik. „Da ging es um versteckte Computersysteme heute und in Zukunft. Das war eigentlich ganz interessant“, sagt sie. Viel mehr interessiert sie aber das Thema Sounddesign, das sie in der letzten Runde nun selbst gewählt hat. „Ich bin Musikerin und interessiert an Technik. Zu Hause bastele ich mir mit Computerprogrammen eigene Töne zusammen“, sagt sie.
Etwas mit Sprachen machen
Thomas Görne weiß um die Bedeutung dieser letzten Runde: Gut 20 Teilnehmer haben sein Thema auch zu ihrem Lieblingsthema gemacht. Jetzt hat er eine halbe Stunde Zeit, ihr Interesse noch zu steigern. Der Professor zeigt einen Filmausschnitt aus dem Film „Last Samurai“ und belegt mit einem eigenen Schwert, dass nichts von dem, was im Film zu hören ist, am Set aufgenommen wurde. „Das ist alles von Sounddesignern im Studio hergestellt“, erklärt er. Dann lässt er die Schüler selbst Filmszenen mit Tönen untermalen. Rasch geht die halbe Stunde vorbei. „Das war sehr gut dargestellt“, lobt Petra. „Von mir aus hätte er noch stundenlang so weiter reden können.“
Hat die Veranstaltung Petra in der Wahl ihres Oberstufenprofils beeinflusst? „Ich überlege, etwas mit Sprachen zu machen“, sagt die 16-Jährige. Das naturwissenschaftliche Profil an ihrer Schule bestehe vor allem aus Chemie und Physik. „Das ist vom Sounddesign zu weit entfernt.“