Als im vergangenen Spätherbst die ersten 18 Absolventen des Studiengangs „Pädagogik der frühen Kindheit“ in Koblenz ihre Zeugnisse bekamen, waren auch zwei Politikerinnen zugegen. Neben den 17 Absolventinnen und einem Absolventen saßen die rheinland-pfälzische Familienministerin Irene Alt (Grüne) und die zuständige Bildungsstaatssekretärin Vera Reiß (SPD) im Festsaal. Die Abschlüsse seien „Teil einer neuen Sozialpolitik, in der Bildung als zentrale Ressource gesellschaftlicher Entwicklung gewürdigt wird“, sagte der Hochschuldekan.
In Kitas ist es bekannterweise wichtig, dass die Erzieher zu den Krippenkindern lieb sind, sensibel für deren Bedürfnisse und dass sie die Ein- bis Dreijährigen zuverlässig wickeln, füttern und ins Bettchen bringen. All dies sind wertvolle Aufgaben, jedoch: Praxis par excellence. Trotzdem erfasst die Akademisierung auch den Beruf der Kleinkinderzieher. In nicht einmal 10 Jahren entstanden mehr als 80 Studiengänge, vor allem an Fachhochschulen. Wieso?
„Erziehungspartnerschaft“ statt einfach nur Spielen
Karola Schmidt, die tatsächlich anders heißt, ist freundlich, aber wirkt, als müsse sie ihre Genervtheit über solch eine naive Frage verbergen: „Ja, das hat man eben früher gesagt: Ich spiele gern mit Kindern und werde Erzieherin, aber das können Sie heute vergessen, da gehört viel mehr dazu.“ Sie war eine der ersten Absolventinnen, als sie 2008 ihre Urkunde als Bachelor im Fach „Bildungs- und Sozialmanagement“ der Hochschule Koblenz in der Hand hielt. Dort kann man nun auch zwei weitere ähnliche Fächer mit leicht verschiedenen Schwerpunkten studieren. In Studiengängen wie diesen lernen die Erzieher Statistik, um neueste wissenschaftliche Studien lesen zu können, Bindungs- und Entwicklungstheorien wie die von Piaget, oder auch Grundlagen des Sozialmanagements. „Heute muss man die Abläufe in einer Kita professionell planen, sonst gibt es Chaos“, sagt Schmidt.
Der Beruf hat sich in den vergangenen Jahren enorm verändert: Die Kinder sind heute in der Regel bis 17 Uhr in der Einrichtung, die Eltern bringen sie manchmal schon im Alter von wenigen Wochen. Inklusion und professionelle Sprachförderung werden heute von Erziehern verlangt, von „Erziehungspartnerschaft“ mit den Eltern ist die Rede, „individueller Entwicklungsbegleitung“. Kita-Erzieher müssten Konzepte entwerfen und Dienstpläne unter Berücksichtigung des Forschungsstandes entwerfen. „Dass die Beziehung der Erzieher zu den Kleinkindern intakt ist, darauf kommt es an“, sagt Schmidt.
10 bis 15 Prozent sollen bald einen akademischen Abschluss haben
Von Magdeburg bis München gibt es nun Studiengänge, die „Angewandte Kindheitswissenschaften“ heißen, oder „Bildung und Erziehung im Kindesalter“. 10 bis 15 Prozent der Erzieher sollen bald über einen akademischen Abschluss verfügen, heißt es. Angestrebt ist eine Teilakademisierung. Nicht jede Erzieherin soll studieren.
Die Entwicklung hat zwei Ursachen. Vor fast 10 Jahren schreckte eine Studie der OECD die deutsche Politik auf, es ging um die Wissenslücken deutscher Grundschüler. Die Erklärung war, man habe, anders als skandinavische Länder, „frühkindliche Bildung“ vernachlässigt. Fortan sollte im Kindergarten nicht mehr nur gespielt werden. Dazu kam später die Krippen-Offensive unter Ursula von der Leyen (CDU), die in einem bundesweiten Rechtsanspruch ab diesem Sommer Verwirklichung finden soll. 2011 erkannte die Familienministerkonferenz Bachelorabschlüsse der Kinderbetreuung an.
Mehr als 2200 Kindheitspädagogen verlassen die Hochschulen derzeit im Jahr mit einem Abschluss. Laut Internetseite der staatlich geförderten Weiterbildungsinitiative Wiff (weiterbildungsinitiative.de), auf der es auch einen Überblick über alle entsprechenden Studiengänge gibt, sind die Mehrzahl der Programme berufsbegleitende Bachelorstudiengänge an Fach- und pädagogischen Hochschulen. Es gibt aber auch duale Ausbildungen für (Fach-)Abiturienten.
Ralf Haderlein, Professor für Sozialmanagement an der Hochschule Koblenz, wirbt für den weiteren Ausbau der akademischen Lehre. Basis der Erziehung sei der Beziehungsaufbau zum Kind, dann folge sichere Bindung, dann Bildung. „Wickeln ist etwa eine hohe kommunikative Form des Beziehungsaufbaues“, sagt er. Die theoretischen Grundlagen der nonverbalen Kommunikation oder Bindungstheorie sind daher Lehrinhalte. An einer Hochschule lernten Kindheitspädagogen, ihr Tun unter Bezug auf die Theorie zu reflektieren. Das sei wichtig, damit auch in großen Kindergruppen kein Kind „zu kurz kommt“, sagt Rald Haderlein - gerade auch in belastenden Situationen, wie sie in Gruppen mit 20 und mehr Kindern pro Fachkraft vorkommen. Eltern hingegen können sich auf wenige Kinder konzentrieren, „kennen diese“ - und machen auch ohne Examen „eine supergute Arbeit“, sagt er.
Gutes Arbeitsplatzangebot
Eine erste Studie der Weiterbildungsinitiative vom vergangenen Jahr untersuchte, wohin die Absolventen nach dem Examen wechseln. Kindheitspädagogen der Hochschulen Freiburg, Esslingen, Emden/Leer, Koblenz, München und der ASH Berlin wurden dazu befragt. Sie waren beim Bachelorabschluss im Durchschnitt fast 28 Jahre alt, fast 95 Prozent Frauen. Drei Viertel hatten eine Erzieherausbildung vor Studienbeginn gemacht. Fast 90 Prozent der Absolventen fand nach spätestens drei Monaten eine Arbeitsstelle.
Arbeitsplätze entstehen auch an den Hochschulen selbst oder in den Ministerien - so haben etwa 16 Bundesländer 16 Landes-Kindergartengesetze und je eigene Regelungen, etwa bezüglich der Betreuungsschlüssel. Davon profitierte etwa eine Koblenzer Absolventin, die ihr Studium nach 20 Berufsjahren berufsbegleitend gemacht hatte - und jetzt gar nicht mehr mit Kindern arbeitet. Sie führte der Bachelortitel kurioserweise heraus aus der Kita: Die Frau arbeitet nun als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachhochschule. Andere Absolventen fanden Stellen als Kita-Leiterin, etwa Nicole Würth, die neun Kitas leitet: „Ohne das Studium hätte ich mir diese Aufgabe nicht zugetraut.“
Für mehr gesellschaftliche Anerkennung
Nicht nur das Wohl der Kinder wurde als Ziel der Akademisierung genannt. Sie soll auch dazu führen, dass der Beruf des Erziehers gesellschaftlich mehr anerkannt wird. Allerdings: Die Bezahlung mag nicht steigen. Absolventen verdienen kaum mehr als ausgebildete Erzieher. Auch die Studie der Wiff ergab, dass der Großteil der „Bachelors“ brutto nur 1000 bis 2500 Euro verdienten, die wenigsten kamen auf mehr als 2500 Euro.
Am liebsten wäre es ihnen, Kita-Erzieher würden wie Grundschullehrer bezahlt. Das sei aber „einfach unrealistisch“, sagt Bernhard Eibeck, Referent für Jugendhilfe bei der Gewerkschaft GEW. Aber die Bezahlung solle auf das Niveau von Sozialpädagogen steigen, etwa 400 Euro mehr als derzeit. Dafür will die GEW nun tarifpolitisch streiten. Schließlich, sagt Eibeck, sei es ein Motiv für die Aufnahme eines Studiums, ein höheres Gehalt zu bekommen: „Niemand hat Lust, von 2000 Euro brutto zu leben.“
Das Fach Pädagogik...
Janosh Gnisleh (jangnisleh)
- 24.01.2013, 08:09 Uhr
Verkehrte Welt!
Erich Jansen (Nonosus)
- 21.01.2013, 22:23 Uhr
Ach was !?!
Clara West (clarawest1)
- 21.01.2013, 19:38 Uhr
Studium demnächst auch für Fliesenleger?
Boris Hollas (borish_faz)
- 20.01.2013, 20:14 Uhr
Skandinavien
Andreas Noreikat (derherold)
- 20.01.2013, 12:29 Uhr
