23.12.2009 · Kluge Köpfe sind die entscheidende Ressource der deutschen Wirtschaft. Es darf nicht sein, dass sich begabte junge Leute ein akademisches Studium versagen, weil ihnen das Geld dazu fehlt. Der Stipendienplan der Koalition ist ehrgeizig, er könnte die Förderung der Begabten revolutionieren.
Von Philip PlickertViele Studenten fühlen sich in einer zweifachen Klemme: zum einen der Druck des straff organisierten Bachelor-Studiums, zum anderen die Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu finanzieren. Das trifft vor allem jene aus weniger begüterten Elternhäusern. Fast zwei Drittel aller Studenten haben Nebenjobs, oft als schlecht bezahlte Aushilfen. Manche kellnern spät am Abend, andere arbeiten an den Wochenenden oder in den Semesterferien, wenn sie eigentlich Haus- und Seminararbeiten schreiben sollten. Die doppelte Belastung durchzuhalten erfordert Zähigkeit. Zwar lassen die Studentenproteste nun wieder nach, seit die Kultusminister Korrekturen an der Bologna-Reform versprochen haben. Die finanziellen Nöte vieler Studenten aber bleiben.
Es darf nicht sein, dass sich in einem reichen Land begabte junge Leute ein akademisches Studium versagen, weil ihnen das Geld dazu fehlt. Kluge Köpfe sind die entscheidende Ressource der deutschen Wirtschaft. Dieses Potential nicht voll auszubilden wäre eine volkswirtschaftliche Verschwendung. Darüber hinaus ist Bildung, wie der Koalitionsvertrag in einer seiner literarisch besseren Passagen betont, „Bedingung für die innere und äußere Freiheit des Menschen“.
Förderangebote für Studenten sollten breiter ausgebaut werden
Die von mancher Seite geäußerte Sorge, nach Einführung von Studiengebühren würden massenhaft junge Leute vom Hochschulstudium abgeschreckt, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil, noch nie drängten so viele an die deutschen Hochschulen wie in diesem Jahr. Es ist richtig, die angehenden Akademiker an den Kosten ihrer Ausbildung zu beteiligen, zumal sie später deutlich höhere Einkommen als andere Gruppen haben. Zumindest einen Teil der sie begünstigenden Bildungsinvestition sollten sie mitfinanzieren. Und verglichen mit dem, was in angelsächsischen Ländern oder an Privatunis zu zahlen ist, erscheinen 500 Euro für ein Studiensemester maßvoll. Gleichwohl besteht die Gefahr, dass Talente vom Studium abgehalten werden.
Es ist daher geboten, die Förderangebote für Studenten breiter auszubauen. Gut eine halbe Million Studenten hat im vergangenen Jahr Bafög-Leistungen erhalten, die für sozial Bedürftige gedacht sind. Die Koalition will diese Leistungen ausweiten. Darüber hinaus aber legt sie einen Schwerpunkt auf die Förderung von Begabten. Bislang erhalten nur zwei Prozent der zwei Millionen Studenten ein Stipendium. Das ist viel zu wenig. In den Vereinigten Staaten etwa gibt es ein unvergleichlich reicheres Angebot.
Auch die Wirtschaft sollte sich engagieren
Nicht bloß der Staat ist gefordert, der bislang etwa 20.000 Stipendiaten in den elf Begabtenförderwerken finanziert. Auch die Wirtschaft sollte sich endlich mehr engagieren. Vor drei Jahren hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hohe Erwartungen geweckt: Man werde – als Abfederung der Studiengebühren – einen Fonds gründen, um begabte Studenten zu fördern, versprach der damalige BDI-Präsident Jürgen Thumann. Fragt man nach, was seitdem geschehen ist, so hört man vom lobenswerten Engagement einzelner Unternehmen, doch eine zentrale Initiative gibt es bis heute nicht. Statt ständig über Fachkräfte- und Akademikermangel zu jammern, hätte der BDI längst handeln können.
Den Anstoß zu einer großen Stipendienoffensive gibt nun die Koalition. Sie hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, „mittelfristig“ zehn Prozent der Studenten ein Stipendium zu bieten – das wäre eine Verfünffachung. Zudem soll das bisherige „Büchergeld“ der Grundförderung, das magere 80 Euro beträgt, auf 300 Euro erhöht werden. Treibende Kraft hinter dem Stipendienplan ist der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). Er hat in seinem Bundesland vorgemacht, wie eine fruchtbare Kooperation zwischen Staat, Universitäten, Stiftungen und Wirtschaft aussehen kann.
Keine Subvention mit der Gießkanne
Auch die Koalitionsvereinbarung im Bund sieht nun vor, die Stipendien nur zur Hälfte öffentlich zu finanzieren, die andere Hälfte sollen private Geber aufbringen. Zwischen Rhein und Ruhr haben die Hochschulen gezeigt, dass dies trotz Wirtschaftskrise möglich ist. Nicht nur Großunternehmen, die vielfach schon eigene Förderprogramme haben, sondern auch Mittelständler und Privatleute haben für Stipendiaten vor Ort gespendet. Das hat den Charme, dass sie direkt verfolgen können, wie die Förderung ankommt, statt Geld in einen großen anonymen Topf zu werfen. Es soll keine Subvention mit der Gießkanne sein. Die Studenten, die sich um ein Stipendium bewerben, sollten besondere Leistungen vorweisen.
Die Koalition hat sich ein hohes Ziel gesteckt. Es kommt einer Revolution der Begabtenförderung nahe. Viel zu lange wurde diese vernachlässigt. Die Regierung darf sich nicht hinter der vagen Zeitvorgabe („mittelfristig“) verstecken. Nordrhein-Westfalen will die Quote von zehn Prozent in vier Jahren erreichen, auch die Bundesregierung muss bis dahin gemeinsam mit den Ländern Ergebnisse vorweisen. Die Kosten bleiben überschaubar, wenn Wirtschaft und private Mäzene mithelfen. Der Nutzen dieser Bildungsinvestition wird gewaltig sein. Statt zu viel Zeit und Kraft mit Nebenjobs zu vertun, sollen sich Studenten auf ihr Studium konzentrieren können.
Gleichwohl besteht die Gefahr, dass Talente vom Studium abgehalten werden
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 23.12.2009, 08:26 Uhr
Anregung
Günter Blümel (guenterbluemel)
- 23.12.2009, 09:09 Uhr
Studieren muß attraktiv sein
Werner Grunewald (perplexo)
- 23.12.2009, 12:18 Uhr
Noch eine Anregung
Fil Dentaire (fildent)
- 23.12.2009, 12:52 Uhr
structure follows strategy...
Raimund Schreiber (Daidalos2009)
- 23.12.2009, 16:26 Uhr