15.12.2009 · Studieren kostet viel Geld. Schon lange versprechen Wirtschaft und Staat mehr Förderung für Begabte. Von einer Stipendienkultur wie in Amerika sind wir in Deutschland aber noch weit entfernt.
Von Philip PlickertDas Geld liegt auf der Straße - greift zu! Stipendien warten auf Euch! So oder so ähnlich tönen in Amerika die Internetseiten für Studenten. Es gibt eine ganze Beraterbranche, die Studienanfängern die Freuden des Stipendienwesens vermittelt. Nach Schätzungen werden mehr als 20 Milliarden Dollar im Jahr aus staatlichen Bildungstöpfen an begabte Studenten vergeben. Eine ähnlich große Summe von privaten Stiftungen, Universitäten und Colleges sowie von Unternehmen kommt dazu. Wer aktiv sucht, wird da fündig.
In Deutschland liegt für Studenten vergleichsweise wenig Geld auf der Straße. Sie können sich an die elf vom Bundesbildungsministerium finanzierten Förderwerke wenden. Deren Förderung ist aber bei weitem nicht so üppig wie in Amerika. Für die überparteiliche Studienstiftung des deutschen Volkes, das größte und älteste der Förderwerke, braucht man eine Empfehlung eines Professors oder Dozenten. Eine der knapp 11 000 handverlesenen Stipendiaten der Studienstiftung ist Eva-Maria Goss. Sie erhält die Grundförderung: monatlich 80 Euro Büchergeld. Nicht gerade viel, aber eine schöne Anerkennung. Viel wichtiger sei ohnehin die ideelle Förderung, sagt die junge Frau, die im fünften Semester Sozialwesen an der Hochschule Mannheim studiert. Zudem hat die Studienstiftung ihr mit Zuschüssen ein Praxissemester in Südafrika ermöglicht.
Tim Höger bekommt von der Stiftung deutlich mehr als das Büchergeld. Je nach dem Einkommen der Eltern kann ein Stipendium bis zu 585 Euro im Monat betragen. Höger kam als einer der Besten seines Abiturjahrgangs zur Studienstiftung. „Die Leute sind dort einfach alle sehr interessiert und intellektuell auf derselben Wellenlänge“, schwärmt er. Derzeit verbringt der BWL-Student ein Semester an der Korea University Business School in Seoul. Er hat zwei Geschwister, seine Eltern hätten ihm den Auslandsaufenthalt kaum zahlen können. „Mit dem Geld der Stiftung komme ich aber recht gut über die Runden.“
Nur zwei Prozent aller Studierenden erhalten ein Stipendium
Die beiden sind Ausnahmen unter den gut zwei Millionen Studenten in Deutschland. Nur etwa 40.000, also 2 Prozent aller Studierenden, erhalten ein Stipendium - im Durchschnitt knapp 330 Euro im Monat, wie eine Umfrage des Studentenwerks ergab. Die Förderwerke berichten von einer stark gestiegenen Nachfrage nach Stipendien, seit einige Bundesländer Studiengebühren - in der Regel 500 Euro je Semester - eingeführt haben. Oft kommen nun zehn Bewerber auf ein Stipendium. „Wir brauchen dringend ein breiter ausgebautes Stipendienwesen, um junge Leute zum Studieren zu ermutigen und die absehbare Akademikerlücke zu schließen“, fordert Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).
Immerhin hat sich die neue Regierung im Koalitionsvertrag nun ein großes Ziel gesetzt: Sie will, dass „mittelfristig“ 10 Prozent aller Studenten ein Stipendium erhalten. Die bislang magere Grundförderung, das sogenannte Büchergeld, soll auf 300 Euro erhöht werden - und nicht mehr wie bisher auf das Bafög angerechnet werden. Für die Stipendien-Offensive hat sich besonders Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) eingesetzt. Auf seine Initiative hin sind in seinem Bundesland in diesem Wintersemester 1300 Stipendien vergegeben worden. Dabei hat Pinkwart vorgemacht, wie der Staat private Geldgeber mit ins Boot holen kann: Die 300 Euro finanzieren je zur Hälfte das Land und ein privater Spender. Zwischen Rhein und Ruhr will Pinkwart schon in vier Jahren die Quote von 10 Prozent erreichen.
Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Das Bundesbildungsministerium hat zwar seinen Haushaltsposten für die Begabtenförderung aufgestockt - von 80 Millionen Euro, die es dafür vor fünf Jahren gab, auf zuletzt 113 Millionen Euro. Zudem erhalten gut eine halbe Million Studenten Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög), bis zu 648 Euro monatlich. Die Hälfte davon ist geschenkt, die andere Hälfte gibt es als zinsloses Darlehen. Insgesamt gibt der deutsche Staat in diesem Jahr rund 2,3 Milliarden Euro für Bafög-Leistungen aus.
Bescheiden im Vergleich zu den Ausgaben der Amerikaner
Verglichen mit den Ausgaben der Amerikaner, nehmen sich die deutschen Zahlen dennoch bescheiden aus: Laut der OECD-Bildungsstudie „Education at a glance 2009“ gibt Deutschland 0,22 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Bafög, öffentliche Stipendien und Darlehen an Studenten - in den Vereinigten Staaten sind es demnach 0,44 Prozent des BIP, also doppelt so viel. Allein die sogenannten Pell Grants für bedürftige Studenten summieren sich dort auf 13 Milliarden Dollar im Jahr. Hinzu kommen zigtausend private Stipendien von Stiftungen und aus der Wirtschaft.
Daran hapert es in Deutschland. Zwar gibt es insgesamt Stipendien von mehr als 2000 Stiftungen, aber üppig ausgestattet sind nur die wenigsten von ihnen. Dabei hatte die hiesige Wirtschaft vor der Einführung von Studiengebühren hohe Erwartungen geweckt. Der damalige Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, versprach vor drei Jahren, man werde „Geld in die Hand nehmen“. Einen Fonds für Studentenförderung wolle die Wirtschaft gründen, um dem Fachkräfte- und Akademikermangel zu begegnen. Eine zentrale Initiative des BDI oder anderer Verbände gibt es aber bis heute nicht. „Viele Unternehmen bewegen sich, doch sind die Stipendienprogramme noch bei weitem nicht zufriedenstellend“, kritisiert Margret Wintermantel. Noch schärfer wird das Deutsche Studentenwerk: „Die Wirtschaft hat ihre vollmundigen Ankündigungen nicht eingehalten“, schimpft dessen Präsident Rolf Dobischat. Das sei ein „schändlicher bildungspolitischer Skandal“.
„Es ist schlicht falsch, dass die Wirtschaft nichts tue“
Solch schrille Kritik weist Arend Oetker zurück. „Es ist schlicht falsch, dass die Wirtschaft nichts tue“, sagt der Vizepräsident des BDI, der zugleich Präsident des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft ist. Er verweist auf eine aktuelle Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Demnach sind deutsche Unternehmen viel aktiver in der Hochschulfinanzierung, als die amtliche Statistik es zeigt. Diese weist einen Beitrag von rund 1 Milliarde Euro aus - etwas mehr als ein Viertel der von den Hochschulen eingeworbenen Drittmittel. Nicht erfasst seien darin aber die Sachspenden wie Laborausstattungen, die Mitwirkung in der Lehre oder das Angebot studienbegleitender Praktika.
Allerdings gibt Oetker zu, dass die Wirtschaft noch mehr tun könnte und sollte - aus eigenem Interesse. „Ich werbe für mehr Stipendien, um den akademischen Nachwuchs zu fördern.“ Zwei Drittel der deutschen Großunternehmen engagieren sich nach der IW-Studie in der Begabtenförderung. Wegen des vielbeklagten Ingenieursmangels konzentriert sich die Förderung oft auf naturwissenschaftlich-technische oder mathematische Fächer. Einige Stiftungen aus der Wirtschaft - etwa die von Degussa, Bayer und Telekom und der Boehringer-Ingelheim-Fonds - vergeben hier jedes Jahr jeweils ein Dutzend Stipendien. Besonders engagiert sei der Verband der Chemischen Industrie, lobt das Bildungsministerium.
Auch eine Umfrage des Zentralverbands der Elektroindustrie (ZVEI) im Jahr 2007 brachte recht positive Ergebnisse: Knapp ein Drittel der 180 befragten Unternehmen beteiligt sich demnach an der Förderung von Studenten. Insgesamt finanzierten sie rund 2000 Stipendien in einem Volumen von 12 Millionen Euro. „Die Unternehmen investieren in Leute, die sie kennen und die sie an sich binden wollen“, sagt Volker Meyer-Guckel, der Vize-Generalsekretär des Stifterverbands. „Den Nachwuchs fördern sie daher nicht rein aus mäzenatischen Gründen, sondern weil es ihnen handfeste wirtschaftliche Vorteile bringt.“
Stipendien....
Thomas Lanners (Jonzsen)
- 15.12.2009, 13:22 Uhr