19.07.2009 · Um nicht als Versager dazustehen, zögern viele Studenten einen Fachwechsel unnötig lange hinaus. Dabei ist der zweite Anlauf oft der bessere.
Von Sabine Hildebrandt-WoeckelGanz sicher ist sich Andreas Wegner zunächst nicht, ob er wirklich über seine Hochschulkarriere sprechen soll. „Ein Interview mit echtem Namen? Also ich weiß nicht ...“ Schon zweimal hat der Freiburger, heute 30 Jahre alt und noch immer Student, eine falsche Fächerwahl getroffen - und vor dem Examen aufgegeben. Zunächst 2004 nach sechs Semestern Geschichte und Deutsch an der Uni, dann noch einmal 2008. Nachdem er mit der universitären Lehrerausbildung nicht glücklich wurde, war er an die Pädagogische Hochschule gewechselt. Mit dem gleichen Ziel, Lehrer zu werden - und mit dem gleichen Misserfolg.
Stolz ist Wegner auf seinen Werdegang nicht. Ganz so unglücklich, wie man vielleicht meinen könnte, ist er allerdings auch nicht. Es habe lange gedauert, bis die Orientierung gestimmt habe, gibt er zu. "Aber offenbar habe ich die Zeit gebraucht." Glaubt man den Experten, muss Wegner sich auch nicht grämen. Denn er befindet sich in guter Gesellschaft: Jeder fünfte Student schließt sein Erststudium nicht ab und wechselt stattdessen das Studienfach. Jeder vierte beendet sein Studium am Ende überhaupt nicht. Und für nicht wenige, betont Ulrich Heublein von der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS), ist das Ausweichmanöver Studienfachwechsel der erste Schritt zum kompletten Abschied von der akademischen Laufbahn.
Das hört sich dramatisch an, ist es aber vielleicht gar nicht. Denn mehrere Untersuchungen bescheinigen Abbrechern gute Berufschancen. Und Karriere- und Personalexperten wissen, dass es oft gerade die fachliche Umorientierung ist, die Schwung ins Studium und damit für die Karriere bringt. „Wenn jemand umsattelt“, sagt etwa Michael Heidelberger von der Stuttgarter Personalberatung hrpartners, „heißt das zumeist, dass er seinen eigenen Werdegang schon einmal kritisch hinterfragt hat. Und das kann in keinem Fall schlecht sein.“ Von wenigen Berufsfeldern wie der Unternehmensberatung abgesehen, wo ein schnelles Studium und Bestnoten nahezu unabdingbar sind, werden Fachwechsler durchaus akzeptiert. „Wenngleich frühe Umorientierungen lieber gesehen werden als späte.“
Bringen Sie Ihren Traum mit der Realität in Einklang!
Nach ein bis zwei Jahren sollten Betroffene erkannt haben, dass sie in die falsche Richtung laufen, fordert Heidelberger. Diese Einschätzung teilt auch Madeleine Leitner, die als Psychologin und Coach in München arbeitet. Allerdings könnten auch spätere Umstiege noch Sinn machen, betonen beide. Auch Unternehmensvertreter stimmen ihnen zu. „Es nützt nichts, wenn jemand irgendwann erkennt, dass er Schauspieler werden möchte, dann aber sein BWL-Studium durchzieht“, findet Oliver Maassen, Direktor für „Human Resources“ der Bank Unicredit. Deshalb rät er Studenten: „Definieren Sie Ihren Traum, und bringen Sie ihn in Balance mit der Realität.“ Wenn es sein muss, auch mit drastischen Schritten. Viele Studieneinsteiger kennen ihren Traum aber überhaupt nicht - oder setzen sich nicht intensiv genug mit ihm auseinander. Sehr oft, berichtet etwa Madeleine Leitner aus ihrer Beratungspraxis, seien sich Abiturienten der Tragweite ihrer Fachwahl nicht bewusst. Statt sich zu fragen, was sie später machen wollten, orientierten sie sich an den Schulfächern, in denen sie gut gewesen seien - oder an ihren aktuellen Interessen.
Christian Müller zum Beispiel. Die Börse fand der junge Mann aus Dinslaken im Ruhrgebiet am Ende seiner Schulzeit spannend - und studierte, aus seiner Sicht folgerichtig, Wirtschaftswissenschaften. Knapp vier Semester ging das gut. Erst in seinem zweiten Studium, dieses Mal an der Fachhochschule und im Fach Medientechnik, erkannte er, dass es doch eher sein ebenfalls schon zur Schulzeit vorhandenes Interesse an Technik ist, das auch ein ganzes Berufsleben tragen könnte. Inzwischen arbeitet er als selbständiger IT-Berater.
Stolperstein Statistik-Prüfung
Noch weniger ratsam als eine solche Interessenwahl, sagt Madeleine Leitner, sei jedoch die ebenfalls sehr verbreitete Negativauswahl getreu dem Motto: Sprachen liegen mir nicht, also studiere ich Maschinenbau. Thomas Berg aus Köln etwa mochte Technik nicht, da wurde es eben Jura. Ob er aber tatsächlich alle für ein erfolgreiches Studium notwendigen Voraussetzungen erfüllte, hinterfragte er nicht. So blauäugig gingen viele Studienanfänger an die Sache heran, stellt HIS-Forscher Heublein fest. Auch den späteren Studienfachwechsel begründe nicht immer die bewusste Umorientierung. Oft gebe schlicht eine nicht bestandene Prüfung in Mathe oder Statistik den Ausschlag.
Dabei hätte Thomas Berg zum Beispiel, der sich zunächst für Jura einschrieb, durchaus Anhaltspunkte dafür finden können, welche Richtung die bessere für ihn gewesen wäre, hatte er doch schon im Zivildienst Kontakt zu dem Beruf, der sich später als richtig herausstellte. Damals arbeitete er als Pfleger und bekam sogar eine Lehrstelle angeboten. Die nahm er aber nicht an, schließlich hatte er in der Schule gute Noten. Einerseits verständlich, findet Madeleine Leitner. Sie kritisiert jedoch, dass er sich auch nicht die Zeit nahm, nach einem Fach zu suchen, das Können und Wollen besser vereint hätte. Überhaupt investierten Abiturienten zu wenig Zeit in Gespräche mit Berufstätigen und nähmen auch deren Einschätzung zu selten ernst. Statt dem Gefühl seiner Zivi-Kollegen zu trauen, kämpfte sich Berg also sieben Jahre durch Gesetzestexte - um es dann am Ende haarscharf nicht zu schaffen. Erst danach ließ er sich auf die Lehre ein - um nach deren Ende ein Studium draufzusatteln. Diesmal das richtige: Pflegemanagement.
Im Schnitt, hat HIS ermittelt, vergehen sieben Semester, bis Studenten die Reißleine ziehen. Durchhaltevermögen zeigen, die Eltern nicht enttäuschen - die Gründe für das lange Zögern vor dem Wechsel ähneln sich. Doch je näher der Absprung der Ex-amensprüfung kommt, umso eher kann der Verdacht entstehen, dass vielleicht kein bewusster Aufbruch zu neuen Ufern dahintersteht, sondern schlicht Prüfungsangst.
Der rote Faden ist die halbe Miete
Doch wie reagiert man richtig, wenn man merkt, dass der eingeschlagene Weg ins Off führt? Auf keinen Fall sollte man wie Andreas Wegner, der verhinderte Lehrer, den gleichen Fehler noch einmal machen und vorschnell handeln, warnt Michael Heidelberger. Stattdessen empfiehlt er den sanften Weg: Probevorlesungen besuchen, ein Parallelstudium beginnen, Praktika, Nebenjobs oder bewusste Auszeiten einstreuen. Entscheidend sei später nicht, ob jemand im Lauf seiner Ausbildung einmal gescheitert sei oder nicht. „Entscheidend ist, dass er die richtigen Schlüsse daraus zieht.“ Und wenn sich noch ein roter Faden daraus stricken lasse, sei das schon die halbe Miete.
Seinen zweiten Wechsel bereitete auch Andreas Wegner richtig vor. Nachdem er schon im Zivildienst und in Nebenjobs immer wieder Spaß an beratenden Tätigkeiten gefunden hatte, entschloss er sich zu einem einjährigen Praktikum bei einer gemeinnützigen Bildungsberatung - und begriff dort schnell, was er eigentlich schon vor Studienbeginn hätte wissen können: „Der Umgang mit Menschen, Lebensberatung und Unterstützung in schwierigen Situationen - das liegt mir einfach.“ Inzwischen hat er sein Ziel klar vor Augen: Im Herbst will er eine duale Ausbildung an der Berufsakademie anfangen. „Soziale Arbeit“ heißt sein neues Fach, und diesmal ist sich Andreas Wegner sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.