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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Studienfach-Wahl Was wir nicht mehr studieren würden

 ·  Das Studium, unsere schönste Zeit. Wären nur die Vorlesungen und Klausuren nicht gewesen. Oder wäre alles ein bisschen anders gelaufen. Ein kleiner Anti-Ratgeber. Mit Leseraktion.

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Volkskunde

Wenn sogenannte Orchideenfächer mit Weltfremdheit, mangelndem gesellschaftlichen Nutzen und fehlenden Berufsperspektiven assoziiert werden, ist die Volkskunde das Mauerblümchen unter den Orchideen. Das spürte der Volkskunde-Student nicht nur daran, dass er sich ständig mit seinen (wenigen) Kommilitonen vor der Hauptverwaltung der Uni Bonn einzufinden hatte - um für den Fortbestand des Faches zu protestieren. Das Volkskundliche Seminar verströmte derweil so viel Muff und war so vollgestellt mit Zettelkatalogkästen, dass etwaiger Elan beim Betreten im Nu verflogen war. “Was studierste?“, ist wohl die häufigste Frage, die dem Studenten gestellt wird. Ich ertappte mich dabei, wie ich bald „Politik und Neuere Geschichte“ antwortete. Und das zweite Nebenfach verschwieg: Volkskunde. Für mich klingt das immer noch wie ein Schulfach aus Zeiten der Gebrüder Grimm. Ich wollte spöttischen Nachfragen entgehen und hatte keine Lust, die „Ich erklär jetzt mal Volkskunde“-Rede abzuspulen. Die ging ungefähr so: „Die Volkskunde wird andernorts klugerweise Europäische Ethnologie, Kulturwissenschaften oder Kulturanthropologie genannt, weil es besser klingt. Die Volkskunde beschäftigt sich mit Phänomenen der Alltagskultur, die Volkskunde kann alles sein, alles machen.“ Fürs Alleskönnen rühmte man sich also in der Volkskunde. Tatsächlich aber beschäftigte man sich in den Seminaren der Alles-Wissenschaft Volkskunde dann Stunde um Stunde mit der eigenen Fachgeschichte im Dritten Reich - man setzte somit den Studierenden die engstmöglichen Grenzen. Sobald die Sprache darauf kam, dass die Volkskunde sich im Dritten Reich widerstandslos vereinnahmen ließ, senkten Studierende und Dozenten (besser gesagt: der eine Dozent) die Blicke und schauten betreten drein. Dankbar hingegen bin ich der Volkskunde, das sie mir, ohne mich groß zu behelligen, den Magisterabschluss ermöglichte. Und dass sie schließlich ihrem Alleskönner-Anspruch doch noch gerecht wurde: Mein (einziges) Thema im Hauptstudium: „Die Fangesänge des MSV Duisburg“. (Alex Westhoff)

Betriebswirtschaftslehre

„Mit BWL kann man alles machen.“ Dieser Satz ist wie ein Monument, durch stete Wiederholung in den Rang einer Tatsache erhoben. Auch ich hielt dieses Studienfach in den ersten Semestern für eine gute Wahl. Da ging es noch um das große Ganze. Einführung in die Betriebswirtschaftslehre, ins Öffentliche Recht, die Volkswirtschaftslehre, dazu Vorlesungen aus dem Studium generale, alles höchst interessant. Doch je weiter das BWL-Studium in Mainz voranschritt, desto mehr bekam es den Charakter einer betrieblichen Ausbildung. Klein-klein statt groß. Es galt, sonderlichste Geschäftsvorgänge auf T-Kontenblättern ordnungsgemäß zu verbuchen, Barwerte von Finanzgeschäften zu berechnen, die steuerrechtliche Behandlung einer GmbH & Co. KG von der einer KGaA zu unterscheiden. Nach den Vorlesungen wurde nicht mehr hitzig diskutiert, wie realistisch die Annahme eines Homo oeconomicus ist. Stattdessen: Auswendiglernen. Die Reihen lichteten sich, Kommilitonen verabschiedeten sich zu den Geisteswissenschaften, andere ganz. Um mich herum saßen fast nur noch angehende Unternehmensberater und Wirtschaftsprüfer, die ihre Berufung schon mal im Aktenkoffer vor sich her trugen. Im Nachhinein war der größte Vorteil dieses Studiums, dass es nach acht Semestern vorbei war. Mag sein, dass man mit BWL alles machen kann. Aber um alles machen zu können, muss man nicht BWL studieren. (Julia Löhr)

Germanistik

Achtung, mit Vorsicht zu studieren! Kann zu zwei linken Händen, fehlender Bodenhaftung und vollkommener Entfremdung von den Notwendigkeiten des praktischen Lebens führen. Diesen Warnhinweis müssten Germanistik-Professoren ihren Erstsemesterstudenten in die Hand drücken. Aber selbst das hätte mich nicht abgehalten, mich in Tübingen der Literaturwissenschaft zu verschreiben. Zweckfrei wie die Poesie, so sollte unser Leben sein - auf alles Praktische blickte man naserümpfend herab. Wer ohne Unfälle ein Ikea-Regal aufbauen konnte, galt als verdächtig. Es war schön, das Nibelungenlied im Original zu lesen, mittags im Bett über das Schneekapitel in Thomas Manns Zauberberg zu sinnieren oder einander über Fragen postmoderner Literaturtheorie in geistige Höhen zu schrauben. Doch der harte Aufprall folgt: Trotz Praktika und Auslandsaufenthalten verliert man schnell aus dem Blick, dass es ein Leben danach gibt. Ermutigt von Professoren, die meist auch nichts anderes als die Universität von innen gesehen haben, schlittern viele aus Verlegenheit in eine Promotion und wissen nachher auch nicht weiter. Wer nicht früh den Absprung schafft, gilt als universitär verformt und findet schwer einen Job. Nicht jeden erwartet der Traumjob als Lektor oder die Juniorprofessur. Und auf einmal drängen doch profane Fragen in den Vordergrund: Wo kommt das Geld für die Miete und die Krankenversicherung her? Wie mache ich eine Steuererklärung? Und wie komme ich damit klar, dass ich für die meisten Jobs überqualifiziert bin, aber nichts Konkretes kann? (Anne-Christin Sievers)

Management

Archäozoologie, Austronesistik. Eisenbahnwesen, klinische Linguistik, Tanzwissenschaften - das Wissen der Menschheit wächst. Daraus folgt, dass es keine überflüssigen Studiengänge gibt. Sehr wohl aber falsche Gründe, sich für sie zu entscheiden. Ich wählte den Studiengang Master (MPhil!) in Management in Cambridge. Berechtigte Frage: Was soll denn das sein? Management wovon, wessen? Ein geisteswissenschaftlicher Abschluss in Betriebsführung? Was lernt man da?

Auch ich als Master in Management kann diese Fragen nicht beantworten. Aber ich darf darauf hinweisen, dass alle Kommilitonen nachher eine Stelle gefunden haben, wie auch ich. Daraus folgt: der Studiengang ist nicht überflüssig für den, der ihn studiert, um danach eine Arbeit zu finden. In diesem Sinne lag ich mit meiner Wahl richtig: Ich hatte den Studiengang deshalb gewählt, um nicht mit meinem zuvor erworbenen Magister in Philosophie und Geschichte eine Stelle suchen zu müssen. Ab dem Moment, in dem man eine Stelle hat, wird der Studienabschluss überflüssig. Er war ausschließlich zum Finden einer Arbeit nützlich. Jetzt, wo ich in Anstellung bin, kann ich niemandem mehr dazu raten, dieses Fach zu studieren. Für mich ist der Abschluss heute sinnlos. (Alard von Kittlitz)

Medizin

Voller Idealismus lauschten wir der ersten Anatomievorlesung. Dass ein intensives Studium vor uns lag, hatten wir gehört. Aber den weißen Kittel vor Augen, schreckte das nicht ab. Die ersten Jahre des Medizinstudiums sind eine Qual, das weiß man schon vor der Immatrikulation. Statt Patienten und Diagnostik: Chemie, Latein, Physik. Bei Dozenten, die glauben, dass man, ohne das Drehmoment berechnen zu können oder den Genitiv lateinischer Substantive zu beherrschen, nie ein guter Arzt würde. Testate, Prüfungen und nächtelanges Lernen wurden Routine, der Idealismus weniger. Für Biologie- oder Physikprofessoren waren wir wohl lästig, statt Interesse an ihrem Fach zu vermitteln, nahmen sie uns die Taschenrechner ab und spotteten: „Mediziner müssen das im Kopf können.“ Wir lernten in Mainz früh, vieles hinzunehmen für den Traumjob. Später unterrichteten uns Ärzte, die eigentlich keine Zeit dafür hatten. Mit der Semesterzahl stieg die Resignation. Stumpfes Ankreuzen von Multiple-Choice-Fragen, Unterordnen in hierarchische Strukturen, einsames Pauken - wir waren aufs Durchhalten geeicht. Medizin ist ein interessantes und bereicherndes Fach. Wenn die Lehre nicht mehr dem Klinik- und Forschungsalltag untergeordnet und die (Vor-)Freude auf den Arztberuf als Lehrinhalt gesehen würde, würde ich es wieder studieren. (Lucia Schmidt)

Jura

Jura war in den ersten Jahren so langweilig! Und demotivierend, denn die Professoren sprachen ständig von der Juristenschwemme und davon, dass ein Großteil von uns das Studium ohnehin nicht beenden würde. Am schlimmsten aber war die Langeweile. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Heute klingeln mir die Ohren, wenn ich an Staatsrechtsvorlesung im zweiten Semester denke - gehalten von einem Bundesverfassungsrichter. Ich gehe heute freiwillig zu seinen Vorträgen und mache mir Notizen. Aber damals im Rheinland, mit 19, sprang der Funke nicht über, es blieb alles leer und abstrakt. Fragen stellten nur seltsame Profis, die auch in Pausen Lehrbücher lasen. Die Durststrecke dauerte ein ganzes Studium. Erst nach dem Ersten Staatsexamen entwickelte ich Spaß an Jura, denn jetzt war ich in der Lage, viele lose Enden, die ich in der Hand hielt, zu einem Ganzen zu verknüpfen. In Deutschland scheint die Auffassung vorzuherrschen, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sein sollen. Ich glaube, das ist nicht gut. Mein Untermieter Tom aus Cambridge schüttelt über diese „German Selbstkasteiung“ den Kopf. Er hat sich mit Anfang 20 mit griechischen Mythen befasst. Seine Kommilitonen auch. Sechs Jahre später arbeiten manche von ihnen in Londons renommiertesten Anwaltskanzleien. Und das Beste: Sie können sich auch über etwas anderes unterhalten als über Jura. (Caroline Freisfeld)

Volkswirtschaftslehre

Volkswirtschaftslehre ist relevant. Sie vermittelt den analytischen Blick auf ökonomische Fragen, dessen es dem einen oder anderen ermangelt. Wie hängen Lohn, Beschäftigung, Zins, Geldpolitik zusammen? An der Uni München kreiste man aber auch gern um sich selbst. Man wurde gerade „Elite-Uni“. Die Dekanin begrüßte uns: Das werde eine harte Zeit, wir seien nicht zum Spaß hier, wir seien „IN MÜNCHEN“. München! Wir sagten das mit Stolz. Welch Freud’ war es zu sehen, wie viele im Grundstudium scheiterten, während wir selbst marschierten! Der Noten-Darwinismus inspirierte uns sehr. Mal sprach ein Alumni: Nur die besten kämen später „zu SIEMENS“. Professoren galten mehr, je krasser ihre Rechenaufgaben; Klausuren waren so überfrachtet, dass man nur ein Drittel schaffen konnte. Spott für alle Disziplinen, die ohne Mathe auskamen. Exzellenz-Selbstlobpreis bis zum Schluss. Welch Scheuklappenwelt! Hatte das mit unserem Fach zu tun? (Jan Grossarth)

Gar nicht studieren

Eigentlich hätte ich Geschichte studieren wollen. Am Ende habe ich gar nicht studiert - und würde es jederzeit wieder nicht tun. Nach dem Abitur arbeitete ich ein Jahr als freier Journalist, danach wollte ich mein Studium beginnen. Dann erfuhr ich, dass das Auswärtige Amt junge Journalisten dafür bezahle, Zeitungen von Russlanddeutschen in der ehemaligen Sowjetunion zu redigieren. Ich bewarb mich und wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Da waren die vermeintlich attraktivsten Posten (etwa bei der „Moskauer Deutschen Zeitung“) schon vergeben. Aber es war noch ein Posten frei, den niemand wollte: Redakteur bei der „Zeitung der Deutschen Kyrgyzstans“ in Bischkek. Das klang abenteuerlich, nach Dschungel. Ich war 21, es war das, was ich wollte. Ich erhielt einen Probevertrag für ein halbes Jahr. Die Konditionen waren bescheiden (1800 Mark Monatsgehalt), aber das waren die Lebenshaltungskosten auch. Und die Arbeit war phantastisch: Ich reiste durch Zentralasien und schrieb Reportagen aus Tadschikistan, Pakistan, Afghanistan, vom Aralsee. So kam ich auch zu meinem ersten Text in der F.A.Z., einer Reportage aus einem Dorf deutschsprachiger Mennoniten am Rande des Tien-Shan-Gebirges, mit denen ich eine Weile gelebt hatte. Bald wurde mir klar, dass ich tief im Osten mehr über Geschichte würde lernen können als durch ein Studium der Geschichte in Tübingen oder Göttingen. Also tourte ich stattdessen, finanziert vom deutschen Steuerzahler, fast sechs Jahre durch die ehemalige Sowjetunion, lebte in Kasachstan, der Ukraine und St. Petersburg. Dabei lernte ich auch Russisch, was mir später half. So verpasste ich ein Studium. Auf lehrreichere Art habe ich nie wieder etwas verpasst. (Michael Martens)

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