25.09.2006 · Fair soll er sein und seine Studenten für Wurzelrechnungen oder trockene Linguistikübungen begeistern können. Er tritt ohne Dünkel auf, strahlt Souveränität aus. Aber gibt es den idealen Professor überhaupt? Ja. In Gelsenkirchen.
Von Anna LollDer ideale Professor: Fair soll er sein und seine Studenten auch für komplizierte Wurzelrechnungen oder trockene Linguistikübungen begeistern können. Er tritt ohne Dünkel auf, strahlt Souveränität aus. Schließlich ist er ein Experte seines Fachs. Seine Bürotür steht immer offen, keine abweisende Sekretärin davor. Alle seine Veranstaltungen sind mit dem besten Material ausgestattet, die Forschungsergebnisse stets aktuell.
Mit diesen Eigenschaften ausgestattet, kann jeder Professor beim akademischen Nachwuchs punkten. Doch der Uni-Alltag setzt selbst den willigen Professoren oft Grenzen: überfüllte Seminare, viele Fragen, wenig Zeit. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach Evaluation der Lehre. Von staatlicher Seite mit der Einführung flexibler Besoldungsmodelle je nach Leistung, von Seiten der Studenten mit einer Reihe selbst erstellter und veröffentlichter Rankings - so wie auf der Plattform www.meinprof.de.
167.000 Bewertungen auf meinprof.de
Anders als in den Vereinigten Staaten erfreuen sich die Listen der Besten und Schlechtesten hierzulande erst seit kurzem steigender Beliebtheit. Zwar wurden in Deutschland Ideen wie die von www.ratemyprofessors.com bereits vor etwa fünf Jahren kopiert, jedoch verschwanden Seiten wie www.doyou.de wieder erfolglos auf dem elektronischen Friedhof. Nach weiteren wenig populären Versuchen beschlossen Studierende der Technischen Universität Berlin, ein eigenes Portal zu bauen. Sie entschieden sich für ein anderes Konzept als ihre Vorgänger.
Eine einfache Bedienung sollte möglich sein, keine komplizierte Registrierung mit E-Mail-Adresse und Paßwort. Ein Erfolgsrezept: Seit vergangenem November steht die Seite www.meinprof.de im Netz. Rund 167 000 Bewertungen sind registriert, Studenten können knapp 25 800 Dozenten durch wenige Maus-Klicks zum Top oder Flop in der Lehre machen.
Eine einfache Rangliste wie die von Mein Prof.de trifft in der so überregulierten Wissenschaftslandschaft der Bundesrepublik genau auf eine Marktlücke: wenige Regeln, klare Ergebnisse - das überschaubare Gegenteil zu den selten veröffentlichten Ergebnissen der universitätseigenen Ranglisten. "Häufig gibt es da weder für gute noch für schlechte Lehre Auswirkungen. Die Ergebnisse können über zehn Jahre schlecht sein, aber es passiert doch nichts, weil die Kontrolle der Öffentlichkeit fehlt", kritisiert Thomas Kaschwig, Informatikstudent an der TU Berlin und als Teamleiter der studentischen Unternehmensberatung Juniter für das Ranking verantwortlich.
Horst Toonen ist der ideale Professor
Horst Toonen, Professor im Studiengang Mechatronik an der Fachhochschule Gelsenkirchen, hat es ganz an die Spitze des bundesweiten Vergleichs geschafft. Mit 75 Bewertungen und einer 1,0 als Gesamtnote empfehlen seine Hörer den Achtundvierzigjährigen mit den braunen krausen Haaren und dem Segeltrainerschein zu 100 Prozent weiter.
Wie kommt Toonen auf einen Zuspruch von 100 Prozent? Er selbst hält sich mit Erklärungen zurück. Der Fachbereich mit seinen 300 Hörern sei klein. Da wäre es möglich, sich für die Studierenden Zeit zu nehmen, ganz anders als an den Massenunis. Doch allein die institutionellen Möglichkeiten begründen seine herausragende Bewertung nicht. Es gibt schließlich auch noch dreizehn andere Professoren am Fachbereich.
Mit Studenten segeln gehen
Jedenfalls ist die Arbeitsbelastung des ausgebildeten Elektrotechnikers hoch. In der Regel hält er 25 Semesterwochenstunden Lehrveranstaltungen, 18 sind Pflicht an der Fachhochschule. Bei Universitätsprofessoren sind es acht. Außerdem hat Toonen ein Unternehmen aus der Hochschule ausgegründet. Durch den Gewinn wird inzwischen die Arbeit von acht zusätzlichen Mitarbeitern finanziert. Und selbst in der Freizeit nimmt er sich Zeit für seine Studierenden, geht mit ihnen segeln oder fährt im Sommer zum Zeltlager. Dazu sagt er auch noch Sätze wie aus dem Bilderbuch: "Ich gebe mir Mühe, den Studenten etwas mitzugeben, damit sie etwas lernen, was schließlich auch in der Arbeitswelt honoriert wird." Über die Bewertung bei Mein Prof.de war er natürlich erfreut. Doch auch bei der internen Beurteilung in seiner Hochschule hat er eine Bestnote von 1,3 erhalten. Ihr mißt er größeren Wert bei als dem Spitzenplatz im Internet. Nicht ohne Grund.
Mein Prof.de ist wohl die bekannteste, aber auch umstrittenste Seite zum Thema Professorenbewertung. Viele Dozenten fühlen sich an den Pranger gestellt und wehren sich gegen die öffentliche Benotung. Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen drohte den studentischen Betreibern der Seite mit Rechtsverfahren. "Da kann jeder die Dozenten bewerten, auch wenn er noch nie eine Vorlesung bei dem Betreffenden besucht hat", kritisiert Burkhard Rauhut, Rektor in Aachen. Außerdem seien die Datenmengen zu klein, um Aussagekraft zu haben, manipulierbar sowieso. "Evaluationen sind zweifelsohne wichtig, aber Angelegenheiten der Dekane, nicht der Öffentlichkeit", sagt er.
Ergebnisse nicht wissenschaftlich fundiert
Ähnlich sah das auch die FH München und entwarf Protestbriefe für ihre Professoren mit der Aufforderung, sie umgehend aus den Internetlisten zu nehmen. "Diese Briefe haben aber nur 30 von 430 Dozenten in Anspruch genommen", sagt Thomas Kaschwig von Juniter. Die Mehrheit der 11 000 E-Mails, die die Betreiber der Internetseite in den letzten elf Monaten bekommen haben, seien positiv gewesen. Die Studierenden wie auch die meisten Professoren scheinen die Transparenz trotz der Schwachstellen bei Mein Prof.de zu schätzen. Und die kenne man bei Juniter sehr wohl: "Unser Schwachpunkt ist, daß die Ergebnisse nicht wissenschaftlich fundiert sind", sagt der 28 Jahre alte Student Kaschwig. Rachebewertungen mit lauter Fünfen würden zwar aus den Listen genommen. Wer wen bewertet, ist nach wie vor nur schwer kontrollierbar. Wer seinen Professor nur diffamieren will, muß wenige Hürden nehmen. Um Mißbrauch zu verhindern, will das Team von Mein Prof.de künftig Paßwörter an die Professoren vergeben, die diese dann an die eigenen Studierenden weitergeben können. So könnten die Bewertungen genau nachvollzogen werden, und nicht jeder kann nach Lust und Laune Noten verteilen.
Ranking oder Rufmord?
Alexander Dix, Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit im Land Berlin, gehen die Bemühungen bis jetzt allerdings nicht weit genug. "Selbst der verärgerte Nachbar oder der mißgünstige Konkurrent kann da den Professoren schlechtmachen", sagt er. Das ginge nicht. "Wer eine solche Seite konzipiert, muß sich auch an bestimmte Regeln halten." Es müsse sichergestellt werden, daß nicht jedermann Zugang zu den Daten habe. Eine Registrierung sei notwendig.
Vor allem aber müßten die Betreiber die Professoren benachrichtigen, die zur Bewertung freigegeben werden. So habe eine Dozentin aus Baden-Württemberg über Dritte von sexuell anzüglichen Kommentaren gegen ihre Person auf der Seite erfahren. "Das darf einfach nicht sein", sagt Dix mit Nachdruck. Ende des Monats ist wegen dieser Streitfragen ein Treffen zwischen dem Team von Mein Prof.de und dem Datenschutzbeauftragten geplant. Thomas Kaschwig hofft auf eine einvernehmliche Lösung. Einige Änderungen würde man gerne umsetzen, andere seien sehr aufwendig. "Es ist ein steiniger Weg", sagt er.
Belohnung für Professoren
Daß allgemein eine transparente Bewertung von studentischer Seite erwünscht ist, bestreitet trotz solcher Interessenkonflikte niemand. Leistungsabhängige Besoldungsmodelle sind spätestens seit dem Bologna-Prozeß, der Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen und jetzt im breiten Rahmen mit den sogenannten aufstockbaren "W-Professuren" im Kommen. Einzelne Beispiele gibt es viele: Die Universität Konstanz führte bereits 1993 eine Belohnung für Dozenten ein, die besonders erfolgreich Drittmittel anwarben. Seit Anfang 2005 verteilt die Technische Universität Darmstadt rund die Hälfte ihrer Mittel nach Leistung. An der Humboldt-Universität zu Berlin gibt es an der landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät einen Preis für die beste Lehre - ein enormer Motivationsschub für die Lehrenden. "Da will keiner der Letzte sein", sagt Andreas Schulze, Vizepräsident des Bereichs Forschungsevaluation an der Berliner Universität. "Bindende Regelungen gibt es allerdings nicht", sagt Schulze. Die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät überprüft systematisch jedes Semester mit standardisierten Fragebögen die Zufriedenheit der Studenten in allen Lehrveranstaltungen, andere Fakultäten bisweilen nur exemplarisch je einen Veranstaltungstyp alle zwei Semester.
Kaum einheitlicher ist die Evaluation der Lehre auf Bundesebene geregelt. Im Hochschulrahmengesetz von 1999 ist sie zwar festgeschrieben. Jedoch müssen diese Richtlinien erst noch von den Ländern übernommen und konkretisiert werden. Bayern nimmt eine Vorreiterrolle ein und verlangt seit 1998 Lehrberichte in den einzelnen Fakultäten, bei denen die Studenten einzubeziehen sind. Auch in den anderen Bundesländern gehören solche Befragungen der Nachwuchsakademiker inzwischen zum guten Ton. Welche Fakultät aber was wie macht, darüber läßt sich nur schwer ein Überblick verschaffen.