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Studienangebote 8859 Möglichkeiten

06.02.2007 ·  Deutsche Hochschulen bieten eine Fülle von Studienangeboten. Doch welche liegen mir? Eignungsdiagnostiker raten, den eigenen Neigungen und Interessen zu folgen. Ein Online-Test hilft, die Talente zu entdecken. In ganzer Breite.

Von Uta Jungmann
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Was will ich werden, was studiere ich? Lateinlehrer oder doch lieber Arzt? Ein Jahr vor dem Abitur steckt Constantin Förster mitten in der Studien- und Berufswahl."Ich kenne nur die Schulfächer wirklich gut", bedauert der 18 Jahre alte Gymnasiast aus Neustadt an der Weinstraße. "Über andere Fächer weiß ich nicht viel. Und wie soll ich herausfinden, ob sie etwas für mich sind?" Lateinlehrer liegt nahe, weil der Leistungskurs ihn am meisten interessiert. Oder Arzt, weil der Sanitätsdienst an der Schule die Interesse geweckt hat.

Viele Abiturienten kennen das Problem. Sie haben die Qual der Wahl zwischen 8859 Studienangeboten an 338 Hochschulen in Deutschland. Wie sich orientieren? Bei der Fächerwahl irrt sich mancher Uni-Neuling: Rund jeder Vierte wechselt oder kehrt der Hochschule ganz den Rücken. Deshalb warnt Psychologieprofessor und Eignungsdiagnostiker Heinz Schuler von der Universität Hohenheim: "Einige Studenten übersehen, dass ein Fach nicht nur ihren Noten und Fähigkeiten entsprechen muss, sondern auch ihren Neigungen." Gewählt werde oft, was gerade in Mode sei. Zudem fehlen Abiturienten häufig Anregungen und Informationen über andere, weniger bekannte Studiengänge.

40.000 Zugriffe in fünf Monaten

Zur besseren Orientierung bieten nun einige Hochschulen Entscheidungshilfen im Internet an: Online können Abiturienten ihre Stärken und Schwächen wie logisches und räumliches Denken, Konzentration oder Kreativität aufspüren und persönliche Merkmale ausloten. Unter www.was-studiere-ich.de haben die Hohenheimer Psychologen ihren Test ins Netz gestellt - einen kostenlosen Interessenstest, ohne Intelligenzquiz. "Fähigkeiten und Eignungen lassen sich meist schon an den Noten ablesen", erläutert Benedikt Hell, einer der Test-Entwickler. "Unser Test soll die Schulabgänger anregen, ihre persönlichen Neigungen zu prüfen."

Seit fünf Monaten im Netz, zählt der Test bisher rund 40.000 Zugriffe. Seine 136 Fragen zielen zum einen auf Anforderungen, die an der Hochschule auf jeden zukommen, wie Freude am Lernen haben oder sich mit abstrakten Zusammenhängen beschäftigen. Zum anderen fragt der Test nach der Neigung zu konkreten Aufgaben, die später im Beruf die Absolventen verschiedener Fachrichtungen erwarten: etwa Konstruktionspläne entwerfen oder einen Streit schlichten. Die Tester bewerten auf einer Skala, wie sehr sie daran jeweils interessiert sind, ein Punkt für gar nicht, fünf Punkte für sehr. "Ausgehend von der Interessenstheorie John Hollands lässt sich mit der Vorliebe für gewisse Tätigkeiten recht gut ermitteln, welche berufliche Neigungen Jugendliche haben", sagt Schuler. Dem liegen die Tätigkeitsprofile von rund 500 akademischen Berufen zugrunde. Ihre Merkmale werden mittels statistischer Methoden miteinander verknüpft, etwa die Freude am Umgang mit der Sprache: Künftige Bankberater brauchen sie ebenso wie Lehrer und Journalisten. "Wissen die Schulabgänger, womit sie sich eigentlich beschäftigen wollen, zeigen wir, welche Studiengänge dorthin führen und zu ihnen passen", sagt Schuler.

Von Nutztieren und Schachtelsätzen

Das will auch Constantin Förster wissen, als er den Test an seinem Rechner aufruft. Nach ein paar Klicks begreift der hagere Jugendliche im blauen Sweater: "Der Test fragt, was ich will, nicht, was ich kann." Zum Beispiel: einen Unternehmensplan erstellen. "Klingt schon mal komplex", urteilt Constantin. Fünf Punkte dafür. Ebenso reizt ihn, anderen zu helfen, ihre finanziellen Probleme zu bewältigen. "Wie analysiert man da und kommt zu Lösungen?" Sein Drang, Normen für den Verbraucherschutz kennenzulernen, liegt indes deutlich niedriger, zwei magere Punkte vergibt er dafür. "Starre Regeln und Bürokratie" missfallen ihm. Besser weg kommt bei dem Schüler alles, was Freiraum in der Gestaltung zulässt und nicht auf Anhieb zu knacken ist. "Wenn man über Neues nachdenken muss und eigene Methoden anwenden kann, wird es doch erst interessant". Schwierige Texte zu lesen, bereitet ihm daher eher Freude denn Langeweile. Auch, einen Kranken zu behandeln, klingt für ihn mehr nach einem aufregenden Puzzle als nach Arbeit. "Bei Krankheiten spielen so viele Faktoren hinein, da weiß man nie, wie es ausgeht."

So viel Freude am Forschen und Denken wird im Test erkannt: Dem Kandidaten wird ein hohes allgemeines Studieninteresse bescheinigt. Aber: "Neigungen sind nur der Teil", wendet Hell ein, "mit dem sich die spätere Studien-Zufriedenheit vorhersagen lässt." Für Vorhersagen über den Studienerfolg muss die ganze Begabung des Menschen betrachtet werden - in der Summe seiner Fähigkeiten, Interessen und persönlichen Merkmale. Auch bei der Wahl des Studienfachs hilft Constantin Förster sein Forscherdrang nur bedingt weiter. Die DNS von Nutztieren zu entschlüsseln ist für ihn schließlich genauso spannend, wie lateinische Schachtelsätze aufzudröseln. Anderswo fehlt ihm die Erfahrung, ob ihm eine Sache liegt, beim Aufbau von Datenbanken zum Beispiel. "Ich hatte nie Informatik", berichtet der Schüler. "Vielleicht ist das Schema F." Obwohl Mathematik für ihn kein Schreckensfach ist, vergibt er bloß einen Punkt.

Nur eine biographische Momentaufnahme

Eine Schwachstelle im Test: Fehlt die Vorstellung von einer Sache, bleibt die Aussagekraft der Antwort begrenzt. "Der Test kann nicht mehr als eine biographische Momentaufnahme sein", gibt Hell zu. In die Zukunft sehen und mehr über einen Menschen aussagen, als er selbst über sich weiß und an Erfahrungen gebündelt hat, kann das Hohenheimer Verfahren nicht. Ebenso wenig ersetzt der Test die Suche nach den verborgenen Talenten im Ich: Die Uni-Anwärter müssen die verschiedenen Schichten ihrer Interessen nach wie vor selbst ergründen. "Auch die letzte Entscheidung über das Studienfach will und kann der Test nicht abnehmen", sagt Hell. Sie lässt sich besser durch Nachdenken oder im Gespräch mit Eltern, Freunden und Studienberatern treffen.

Der Test ermittelt indes die individuelle Interessensausprägung in sechs Bereichen - technisch, forschend, musisch-sprachlich, sozial, unternehmerisch, ordnend-systematisch. Das Profil wird wiederum mit den Berufen abgeglichen und Studienangeboten zugeordnet: Nach den Hohenheimer Angaben werden sie aus 160 Studiengängen ermittelt, bundesweit und hochschulübergreifend. Am Ende bekommen die Tester jene Angebote aufgelistet, die genau oder in hohem Maße zu ihren Interessen passen. "Je mehr dabei das Studium den Neigungen der Hochschul-Aspiranten entspricht, als desto sinnvoller werden sie dessen Inhalte erachten und um so seltener werden sie es abbrechen", betont Schuler. Zudem durchdringen zufriedene Studenten laut einer Studie die fachlichen Inhalte besser. "Sie lernen verständnisbezogen, weniger auswendig." Ihnen gelinge es eher, zufrieden mit ihrem Beruf zu sein und mehr Einsatz für ihre Arbeit zu zeigen, "weil sie sich mit etwas befassen, das sich mit ihren Interessen deckt".

Was ist eigentlich Gerontologie?

Für Constantin Förster schafft der Test Anreize dafür. "Die Fragen helfen beim Überlegen, wo meine Interessen sind und wie stark sie sind", lobt er nach zwanzig Minuten. Wozu er neigt, zeigt ihm die Auswertung: 19 Studienfächer, darunter die klassische Philologie und auch Neues, etwa Gerontologie. "Was ist das überhaupt?" Der Link auf die Berufsbeschreibung hilft weiter, "das Fach schaue ich mir morgen genauer an". Vorerst freut er sich darüber, dass er nach seinem Profil einen eindeutigen Studien- und Berufswunsch hat: Arzt. Der Allgemeinmediziner wird aufgeführt, auch der Facharzt für Innere Medizin, Chirurgie oder Neurologie. "Medizin kann ich mir schon gut vorstellen." Allerdings brauchen die Bewerber ein sehr gutes Abitur. "Das ist unheimlich schwer", seufzt er. "Vielleicht sagen da Wissenstests doch mehr über mich aus." Er überlegt. "Nein. Wissen kann ich mir aneignen, Neigungen nicht."

Berufsbeschreibungen und kluge Fragen:

Diese Fragen helfen bei der Studienwahl:

- Was will ich mit meiner Ausbildung und vor allem, wohin will ich damit?

- Habe ich genügend Informationen zum Studien- und Berufsangebot? Sonst helfen Praktika, Studienberater der Hochschulen und die Datenbank www.berufenet.de

- Entsprechen meine Fähigkeiten und Interessen wirklich so den Anforderungen in Studium und Beruf, dass ich damit lange Zeit erfolgreich und zufrieden sein kann?

- Treffe ich tatsächlich meine Wahl, oder übernehme ich die Wahl von Freunden und Bekannten?

Folgende Adressen weisen Wege:

Online-Tests für Studieninteressierte:

-www.was-studiere-ich.de

-www.borakel.de

-www.assess.rwth-aachen.de

-www.selfassessment.uni-nordverbund.de

-Alle Studienangebote der Hochschulrektorenkonferenz (HRK): www.hochschulkompass.de

-Berufsbeschreibungen der Bundesagentur für Arbeit: infobub.arbeitsagentur.de/berufe/index.jsp

Quelle: F.A.Z., 03.02.2007, Nr. 29 / Seite C6
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