12.08.2009 · Der Bologna-Prozess hat dem Studium neue Regeln gegeben. Das Bildungsideal von Humboldt bleibt auf der Strecke, sagen seine Kritiker. Wie wurde früher studiert, wie ist es heute? Wir haben die gefragt, die es erlebt haben.
Der Bologna-Prozess hat dem Studium neue Regeln gegeben. Das Bildungsideal von Humboldt bleibt auf der Strecke, sagen seine Kritiker. Wie wurde früher studiert, wie ist es heute? Wir haben die gefragt, die es erlebt haben. Von der Studentin von heute bis zurück in die Anfänge der Bundesrepublik.
Veronika Czech, Jahrgang 1986
Übervolle Stundenpläne
Selbstbestimmtes Lernen und die Freiheit, seinen eigenen Interessen nachgehen zu können - diese Idealvorstellungen assoziierte ich als frischgebackene Abiturientin mit einem Universitätsstudium. Schnell fiel meine Wahl auf ein Studium der Politikwissenschaft und Kulturanthropologie, und ich entschied mich dabei bewusst für einen Bachelor-Studiengang. Die Aussicht, leichter im Ausland studieren zu können und nach drei Jahren einen Abschluss in der Tasche zu haben, überzeugte mich damals. Jedenfalls in der Theorie.
In der Praxis stellte ich nach dem ersten Monat fest, dass ich mit völlig falschen Erwartungen an die Universität gekommen war. Heute, nach vier Semestern, kann ich nur den Kopf darüber schütteln, wie schlecht der Bachelor umgesetzt wurde. Die Stundenpläne sind so übervoll, dass einem für viele andere Interessen keine Zeit mehr bleibt. Eigentlich wollte ich neben meinem Studium eine neue Sprache lernen, wollte mich weiterhin ehrenamtlich engagieren und regelmäßig fachfremde Vorlesungen besuchen. Doch daraus wurde nichts.
Meinen Kommilitonen aus anderen Fächern geht es dabei ähnlich. Ständig Referate, Klausuren, Hausarbeiten oder andere Leistungen, eine Fünfzig- bis Sechzigstundenwoche ist dabei die Regel. Viele Themen werden aufgrund der Stofffülle nur oberflächlich angerissen, und oft lernt man den Stoff nur für Prüfungen schnell auswendig.
Damit ich den Bachelor mit Auslandssemester in den vorgesehenen sechs Semestern überhaupt schaffe, muss ich seit einem Jahr doppelt so viele Kurse belegen. Dabei zählt jede Note in meine Abschlussnote mit hinein. Sie ist wiederum dafür entscheidend, ob ich einen Master-Studienplatz bekomme, da es derzeit nicht genügend Plätze für alle Bachelor-Absolventen gibt. Ich frage mich oft, wie es Kommilitonen schaffen, die sich selbst finanzieren müssen oder Kinder haben. Die Anforderungen der Bachelor-Studiengänge orientieren sich an einem von der Wirtschaft geprägten Ideal, das oftmals an der sozialen Situation vieler Studenten vorbeigeht. Es fehlen Freiräume für individuelle Interessen und Kreativität, wichtig ist nur, möglichst schnell und effizient zu studieren. Wenn ich höre, wie früher an Universitäten studiert wurde, werde ich manchmal richtig neidisch.
Hätte ich noch einmal die Wahl, würde ich mich sofort wieder für meine Fächer entscheiden. Ich liebe sie. Aber ich würde mich nicht für den Bachelor-Studiengang entscheiden.
Veronika Czech studiert Politikwissenschaft und Kulturanthropologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt.
Studieren macht Spass
Gerhard Schloendorffer (schloendorffer)
- 12.08.2009, 05:49 Uhr
Hab keine Erfahrungen mit Bachelor-Studiengang
Closed via SSO (victor-d)
- 12.08.2009, 09:21 Uhr
Wo kann ich unterschreiben?
F Schmidt (Bronson)
- 12.08.2009, 10:25 Uhr
doppelt so viele?
Marian Risse (m_riss03)
- 12.08.2009, 11:43 Uhr
Unsere Zukunft
Ralf Mester (r_mester)
- 12.08.2009, 12:11 Uhr