15.06.2011 · Die Gehaltsvorstellungen der Hochschulabsolventen in Europa sind sehr unterschiedlich. Einig sind sie sich allerdings in der Frage, wer der beste Arbeitgeber ist.
Von Caroline FreisfeldPolnische Studenten der Betriebswirtschaftslehre sind bescheiden. Für ihr erstes Berufsjahr erwarten sie ein Gehalt von höchstens 9385 Euro. Das ergibt einen Stundenlohn von weniger als fünf Euro - und würde die meisten deutschen Hilfsarbeiter zu lauten Klagen veranlassen. Nun wurde für die Arbeitnehmer aus acht osteuropäischen Staaten am 1. Mai der Arbeitsmarkt der Europäischen Union geöffnet, und die deutschen Akademiker müssten sich eigentlich vor der Billiglohnkonkurrenz aus dem Osten fürchten.
Schließlich sind deutsche Absolventen der Betriebswirtschaftslehre für die Arbeitgeber viereinhalb Mal teurer; sie verlangen im Durchschnitt 43.100 Euro als Einstiegsgehalt, wie in der neuesten Europastudie des Berliner Marktforschungsunternehmens Trendence zu lesen ist. Für die Untersuchung wurden 310.000 Studenten aus 24 europäischen Ländern befragt, die kurz vor dem Examen stehen. Befragt wurden Betriebswirte auf der einen Seite und Ingenieure und Informatiker auf der anderen Seite. Themen waren neben den Gehaltserwartungen die beliebtesten Arbeitgeber, die erwarteten Arbeitszeiten und die Sorgen und Hoffnungen der Studenten mit Blick auf ihre berufliche Zukunft.
Freilich sind nicht nur in Polen, sondern auch in den anderen osteuropäischen Ländern die Gehaltserwartungen der Studenten niedrig. Sie rechnen im Schnitt mit einem Einstiegsgehalt von rund 10.000 Euro; das ist nicht einmal die Hälfte des europäischen Durchschnitts von 22.606 Euro. In Osteuropa hat Trendence Studenten aus Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei (dort gilt seit dem 1. Mai die Arbeitnehmerfreizügigkeit) und Studenten aus Rumänien und Ungarn (dort wird die volle Freizügigkeit spätestens 2014 eingeführt) befragt.
Viele Nestflüchter findet man in Frankreich
Doch müssen die deutschen Akademiker nun wirklich einen „Migrationsschock“ befürchten? Die polnische Arbeitsministerin Jolanta Fedak hat dem schon entgegengesetzt: „Wer gehen wollte, ist meist schon gegangen.“ Und auch die Ergebnisse der Trendence-Studie legen eine Entwarnung nahe. Denn bei der Frage, wie mobil die Studenten sind, fallen die Polen als besonders heimatverbunden auf: Jeder fünfte polnische BWL-Student gibt an, dass er überhaupt nicht umziehen möchte, nicht einmal innerhalb Polens. 50 Prozent von ihnen würden für ein attraktives Stellenangebot das Land verlassen.
Auch der Personalberater Stefan Kasperek, dessen Unternehmen East Personalberatung auf Osteuropa spezialisiert ist, erlebt junge Osteuropäer als sehr familienorientiert. „Wenn, dann gehen die Uniabsolventen für die ersten zwei Berufsjahre ins Ausland - vor allem deshalb, weil den Unternehmen in Osteuropa häufig noch die Kapazitäten fehlen, Berufsanfänger einzuarbeiten.“ Zurück in der Heimat seien die jungen Berufstätigen auf dem Arbeitsmarkt dann Gold wert.
Deutsche Betriebswirte sind wesentlich mobiler als osteuropäische, liegen aber knapp unter dem europäischen Durchschnitt. 62 Prozent würden aus Deutschland wegziehen, 44 Prozent würden auch Europa verlassen, und nur jeder Zehnte möchte gar nicht umziehen. Viele Nestflüchter findet man in Frankreich. Das verwundert, gelten die Franzosen doch als besonders heimatverbunden. 85 Prozent der Betriebswirte sagt dort „oui“ zum Ausland.
Die meisten wollen zu Google
Einig sind sich die europäischen Studenten mit Blick auf ihre Lieblingsarbeitgeber: Die meisten wollen zu Google. Der Internetkonzern ist für Ingenieure und Informatiker schon seit Jahren die Nummer eins. Erstmals hat es Google in diesem Jahr auch geschafft, die meisten Betriebswirte für sich zu begeistern. Daneben haben sie zwei weitere IT-Unternehmen unter die ersten zehn der beliebtesten Arbeitgeber gewählt: Apple und Microsoft. „Bei vielen IT-Unternehmen ist für die Arbeitgebermarke die Attraktivität der Unternehmensmarke ausschlaggebend. Erfolg ist einfach immer anziehend“, erklärt Felizitas Janzen, Presseverantwortliche des Trendence-Instituts. Für die Betriebswirte scheint es keine große Rolle zu spielen, welche Tätigkeit sie dort ausüben. Was sie in den Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen erwartet, wissen sie hingegen.
Die vier größten Unternehmen der Branche, PricewaterhouseCoopers (ehemals Platz 1), Ernst & Young, Deloitte und KPMG, wählen die Wirtschaftsstudenten seit Jahren unter die zehn beliebtesten Arbeitgeber. Traditionelle Arbeitgeber für Betriebswirte wie Industrieunternehmen und Banken liegen nicht auf den Spitzenpositionen. Doch Trendence-Mitarbeiterin Janzen betont: „Gerade Banken und Finanzdienstleister liegen im Aufwärtstrend.“
Ähnliches gilt für angehende Ingenieure und Informatiker mit Blick auf die Automobilbranche. Die meisten Autobauer sind als potentielle Arbeitgeber wieder beliebter geworden, und deutsche Unternehmen wie BMW, Volkswagen, Daimler-Benz und Porsche liegen auf den vordersten Rängen. An die Spitze der Top-Arbeitgeber wählten die rund 129.000 künftigen Ingenieure und Informatiker wie in denn Vorjahren Google, Apple, Microsoft und IBM. Mit dem Computerchiphersteller Intel, der auf Platz 9 rangiert, sind damit fünf IT-Unternehmen unter den ersten Zehn.
Große Sorgen machen sich die Griechen
Immer größerer Beliebtheit unter den Studenten erfreut sich die Pharmabranche. Die Konzerne beschäftigen jeweils rund 100.000 Mitarbeiter und suchen für ihr internationales Geschäft dringend nach Ingenieuren. Der Branchenprimus Glaxo Smith Kline hat auf der Liste der beliebtesten Unternehmen einen besonders großen Sprung nach vorne gemacht, von Platz 32 auf Platz 12.
Ein Blick auf die osteuropäischen Studenten zeigt, dass dort die Betriebswirte eine Vorliebe für Banken haben - und heimische Unternehmen bevorzugen. Die Nardowsky Bank Polski, die Banca Transilvania, die polnische PKO und die Raiffeisenbank aus dem Landwirtschaftssektor gehören zu den zwanzig Lieblingsarbeitgebern. Auch ausländische Banken sind beliebt: Die Erste Bank, die Société Générale und ING gehören zu den begehrtesten zehn.
Die Studie offenbart außerdem, dass sich die Deutschen besonders kritisch einschätzen. Nur rund 30 Prozent der Absolventen fühlen sich durch die Universität gut auf das Arbeitsleben vorbereitet. Dennoch fordern sie hohe Gehälter und blicken vergleichsweise gelassen in die Zukunft. Mehr als die Hälfte der angehenden deutschen Ingenieure und Informatiker machen sich keine Sorgen über ihre Karriere. Große Sorgen machen sich die Griechen: Fast 99 Prozent der Studenten des Landes zweifeln daran, gute Berufsaussichten zu haben.
Die osteuropäischen Studenten sind dagegen zufrieden mit ihrer Hochschulausbildung: 55 bis 60 Prozent fühlen sich gut vorbereitet auf das Berufsleben. Besonders zuversichtlich sind die norwegischen Betriebswirte: 80 Prozent der Studenten fühlen sich gut vorbereitet, und nur 22 Prozent machen sich Sorgen über ihre Karriere.
In der Gesamtschau geben aber die Franzosen ein besonders positives Bild ab: Rund 75 Prozent loben ihre Hochschulen, sie sorgen sich nicht übermäßig um ihre Zukunft, für ihren Beruf würden die Franzosen fast überall hingehen, und sie wollen dafür nicht einmal besonders viel Geld.
Vergleich Äpfel - Birnen
Frank König (Plasmabruzzler)
- 15.06.2011, 09:08 Uhr
Kritik am deutschen Bildungssystem
Karsten Krug (kkrug)
- 15.06.2011, 10:57 Uhr
@Karsten Krug - Berufsvorbereitendes Studium
Michael Mitzsch (Mutzsch)
- 15.06.2011, 11:39 Uhr
Zusammenfassung
Christian Oppenländer (Contraton)
- 15.06.2011, 11:47 Uhr
ein Stundenlohn von weniger als fünf Euro - ...
Steffen Rupp (steffenrupp)
- 15.06.2011, 13:51 Uhr