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Studienabschluss in der Krise Bloß nicht nervös werden!

28.05.2009 ·  Wer mitten in der Krise das Studium abschließt, hat auf dem Arbeitsmarkt schlechte Karten. Angst ist aber auch jetzt kein guter Ratgeber. Besser sind passgenaue Bewerbungen - und ein bisschen Geduld.

Von Nina Trentmann
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Corinna Müllers Einstieg ins Berufsleben hätte nahtlos über die Bühne gehen können. Schnell und mit guten Noten hatte sie ihr BWL-Studium an der Fachhochschule Osnabrück durchgezogen, daneben auch noch Auslandserfahrung gesammelt. Nach dem Examen brach sie für ein sechsmonatiges Praktikum bei Mercedes-Benz nach Südafrika auf, von einer globalen Wirtschaftskrise sprach damals, vor gut einem Jahr, noch kaum jemand. Seit Februar ist die Fünfundzwanzigjährige wieder zurück in Deutschland. Die Lage hat sich verändert. „Eigentlich wollte ich im April eine Stelle gefunden haben“, sagt Corinna Müller heute. Stattdessen ist sie wieder bei ihren Eltern eingezogen, auf eine Zusage wartet sie immer noch.

Es gibt angenehmere Zeiten als diese, um mit dem Studium fertig zu werden. Die Zahl der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten freien Stellen hat sich in den vergangenen Monaten stark reduziert, auch Online-Stellenbörsen verzeichnen deutliche Rückgänge. „Teilweise werden sogar Auswahltagungen wieder abgesagt, weil die Stellen eingespart werden“, berichtet Corinna Müller. „Das hören wir häufiger“, bestätigt Pascal Tilgner, ein Mitgründer der Jobbörse Absolventa in Berlin, ihren Eindruck. Gleichzeitig nimmt auf den Stellenmärkten die Zahl der Jobsuchenden zu. Die Aktivitätssteigerung sei enorm, sagt Tilgner. „Die Absolventen wissen, dass sie mehr tun müssen als vor der Krise, um einen guten Job zu finden.“ Bei der Online-Jobbörse Monster ist zum Beispiel die Zahl der eingestellten Lebensläufe um 23 Prozent gestiegen.

Nicht in Panik oder Aktionismus verfallen

Die Rezession ist zwar die schwerste seit Jahrzehnten, Personaletats werden zusammengestrichen, Kurzarbeit ist das Wort der Stunde. Personalprofis raten dennoch, nicht in Panik oder Aktionismus zu verfallen. Denn nicht allen Branchen geht es schlecht, qualifizierte Mitarbeiter werden immer noch gesucht. Berufseinsteiger müssen sich allerdings sehr gezielt informieren und vermarkten. „Wir hatten im vergangenen Jahr den Eindruck, dass die Verhandlungsmacht eher bei den Absolventen lag“, beschreibt Wolfgang Achilles, der Geschäftsführer der Stellenbörse Jobware, die Lage. „Das hat sich gedreht.“ Jetzt können sich die Unternehmen Zeit lassen, um sich ihre Bewerber sehr genau anzusehen. Auch deshalb verlängert sich die durchschnittliche Übergangszeit zwischen Hochschulabschluss und Berufseinstieg. „Die Übergangsarbeitslosigkeit wird zunehmen“, sagt Gregor Fabian vom Unternehmen Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover. Dennoch seien die Jobchancen von Akademikern besser als die anderer Bewerbergruppen, und Kurzarbeit sei nicht dasselbe wie ein flächendeckender Einstellungsstopp.

Die Bundesagentur für Arbeit meldet beispielsweise im Gesundheits- und Sozialwesen steigende Bedarfe, auch Ingenieure sind nach wie vor knapp. Und bei Absolventa sind derzeit die Sparten Informationstechnologie, Controlling und Vertrieb besonders gefragt. „Alles, was den Unternehmen hilft, Kosten zu sparen, wird gesucht.“ Auch in den Entwicklungsabteilungen vieler Unternehmen wird weitergearbeitet. „Gerade in der Krise ist die Entwicklung von neuen Produkten wichtig, um für die Zeit danach gut aufgestellt zu sein“, sagt jedenfalls Jochen Kluve vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Unabhängig von der Fachrichtung müssen Absolventen jetzt aber sehr genau darauf achten, wo sie sich bewerben und wie sie sich präsentieren - und mit der Jobsuche nicht erst mit dem Examenszeugnis in der Tasche beginnen. „Die wenigen Chancen, die man danach hat, sollte man wirklich nutzen“, rät Pascal Tilgner. Das heißt, dass man sich nicht nur nach freien Stellen umschauen, sondern sich vor allem über die eigenen Stärken klarwerden sollte.

„Die Krise sollte nicht dazu verleiten, die Vorstellung vom Traumjob zu beerdigen“, sagt Christoph Beck, der an der Fachhochschule in Konstanz „Human Resource Management“ lehrt. Vor der Annahme einer eigentlich ungeliebten Stelle nur der Krise wegen hält er nicht viel. „Das weckt bei potentiellen Arbeitgebern Zweifel an der Zuverlässigkeit eines Bewerbers.“ Corinna Müller hat die Ratschläge bislang beherzigt - schließlich wolle sie sich mit ihrem künftigen Arbeitgeber und seinen Produkten dauerhaft identifizieren können, sagt sie. „Bis zum Sommer gebe ich mir noch Zeit, einen Job in meiner Wunschbranche zu finden.“ 15 Bewerbungen um Stellen im strategischen Controlling hat sie bisher geschrieben. Ob das genug ist? „Man sollte sich nur dort bewerben, wo man wirklich hinpasst“, macht sich die Absolventin Mut. „Der Markt ist gerade eng. Aber ich gehe da optimistisch ran. Irgendwo findet sich auch ein Job für mich.“

Die Zeit sinnvoll überbrücken

Hunderte Initiativbewerbungen zu verschicken, das habe doch keinen Sinn, glaubt Corinna Müller - auch wenn es sie natürlich nervös mache, dass sich große Unternehmen oft mehrere Wochen Zeit ließen, bevor sie auf eine Bewerbung reagierten. Manchmal mache sich Enttäuschung breit, gibt sie zu - wenn sie durch einen Online-Test fällt oder nach wochenlanger Warterei immer noch keine Rückmeldung bekommen hat. „Das ist schon sehr deprimierend. Es ist schwer, dann nicht an sich selbst zu zweifeln.“ Die Gefühlslage kennt Andreas Eimer gut. Er leitet das Career Center der Universität Münster, das den Absolventen auf der Suche nach der richtigen Stelle helfen soll. „Die Studenten fragen sich sehr schnell, ob es an ihnen liegt“, berichtet Eimer aus seinen Beratungsgesprächen. Er gehe dann mit den Absolventen ihre Bewerbungsmappe durch und suche nach Wegen, um ihr Bewerberprofil zu schärfen: Vielen empfehle er auch den Besuch eines Bewerbertrainings. „Es gibt aber den Punkt“, sagt Eimer nüchtern, „an dem man feststellt, dass man die Bewerbung nicht mehr verbessern kann und ein weiteres Bewerbertraining nichts ändern wird.“

Dennoch warnt Eimer vor Hektik. „Es bringt nichts, allen Unternehmen in einer Branche die Bewerbung auf den Tisch zu legen und dann zu fragen: ,Habt ihr was für mich?'“, sagt er. Von sogenannten „Streubewerbungen“ hält auch Christoph Beck nichts, der früher selbst in der Personalabteilung eines Unternehmens gearbeitet hat. „Das sieht man den Bewerbungen sofort an.“ Wer nicht das findet, was er sucht, sollte die Zeit besser sinnvoll überbrücken: mit einem Praktikum in der Wunschbranche, mit einem Werkvertrag oder einer Promotion. „Vom Kellnern würde ich allerdings abraten“, sagt Sylvia Kieselbach vom Career Center in Tübingen. „Die Tätigkeit sollte schon mit dem späteren Beruf verknüpft sein.“

„Leerlaufphasen nach dem Examen sind kein Todesurteil“

Um einen lückenlosen Lebenslauf allein sollte es bei der Suche nach einer Zwischenbeschäftigung jedenfalls nicht gehen. „Leerlaufphasen nach dem Examen sind kein Todesurteil für die berufliche Karriere“, beruhigt zumindest Gregor Fabian vom HIS, der eine Studie über die Lebensläufe des Hochschulabsolventenjahrgangs 1997 angefertigt hat. 80 Prozent aller Ingenieure aus diesem Jahrgang haben demnach innerhalb des ersten Jahres nach ihrer Abschlussprüfung eine Anstellung gefunden. Unter den Geisteswissenschaftlern gelang dies dagegen nur 50 bis 60 Prozent.

Wie der Jahrgang 2009 im Vergleich dazu abschneiden wird, lässt sich noch nicht sagen. Jennifer Schmitz jedenfalls gehört zu denen, die - Krise hin oder her - schnell Erfolg hatten mit ihren Bewerbungen. Die Vierundzwanzigjährige will diesen August ihr Wirtschaftsstudium an der Hochschule Bochum abschließen und hat zwei Stellenangebote sogar schon abgelehnt. Weder in dem großen Versicherungskonzern noch in dem kleinen Internet-Start-up konnte sie sich eine dauerhafte Zukunft vorstellen. „Das bin nicht ich“, stellte sie nach den Vorstellungsgesprächen fest. „Wo man seine erste Stelle annimmt, das ist enorm wichtig“, vermutet sie zudem. Hätte sie gegen ihre Überzeugung zugesagt, da ist sie sich sicher, wäre ihr das später irgendwann negativ ausgelegt worden. Deshalb hat sie an weiteren Auswahltagungen teilgenommen - und eine Stelle in einem Vertriebsleiter-Programm gefunden, die besser zu ihr passt.

So gut verdienen wie die Absolventenjahrgänge 2006 und 2007 werden viele Abgänger nun in ihren ersten Stellen nicht. Aber selbst hier spendet die Statistik Trost. Die Einkommenseinbußen, die Berufseinsteiger in Krisenzeiten im Zweifel hinnehmen müssen, sind nicht von Dauer. Das belegt jedenfalls eine Studie mit dem Titel The Short- and Long-Term Career Effects of Graduating in a Recession, die drei Wissenschaftler unter Berufung auf Vergütungsdaten aus Kanada erarbeitet haben. Nach acht bis zehn Jahren, so lautet der Befund des Columbia-Forschers Till Marco von Wachter und seiner Kollegen, haben sich die Gehaltsunterschiede zwischen den fetten und den mageren Jahrgängen ausgeglichen.

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