Home
http://www.faz.net/-gyq-6kzdq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Studienabbrecher-Quote Himmel und Hölle für Ingenieure

26.10.2010 ·  Die hohe Abbrecherquote von angehenden Ingenieuren ist ein volkswirtschaftliches Problem. Zwei Hochschulen zeigen, wie sie sich senken lässt.

Von Sebastian Balzter
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Manfred Hampe ist unter den deutschen Professoren ein Exot. Landauf, landab klagen die Wissenschaftler über die Hochschulreform: Die neuen Studiengänge seien zu verschult, die neuen Abschlussbezeichnungen Bachelor und Master nicht aussagekräftig, der immense bürokratische Aufwand für die Bologna-Reform halte sie vom Forschen und Lehren ab. „Wir sind hier im Bologna-Himmel“, hält Manfred Hampe unverdrossen dagegen.

Dabei geht es am Stadtrand von Darmstadt - auf dem Campus Lichtwiese der Technischen Universität, an der Hampe Maschinenbau unterrichtet - ganz handfest zu. Sogar während der Semesterferien wurden in der Halle schräg hinter dem Fakultätsgebäude Pneumatikzylinder zusammengesetzt. Vor drei Jahren nahm die Darmstädter Prozesslernfabrik hier den Betrieb auf, ausgestattet mit moderner Fräs- und Drehmaschine, mit einer Montagestation und einem Stand für die Qualitätskontrolle, 500 Quadratmeter Fläche insgesamt. So ähnlich, um bei Hampes Bild zu bleiben, müssen sich Maschinenbauer aus Südhessen den Himmel vorstellen.

Früher entsprach die Abbrecherquote in Darmstadt dem Durchschnittswert

Dabei ist es noch nicht lange her, da kamen auch hier nur sieben von zehn angehenden Ingenieuren bis zum Examen. Der Rest brach vorher ab, scheiterte an Prüfungen, gab frustriert auf und wechselte das Fach - oder fand schon vor dem Examen eine Stelle, so genau lässt sich das nicht feststellen. Die Abbrecherquote in Darmstadt jedenfalls entsprach ziemlich genau dem Durchschnittswert für die Fächer Maschinenbau und Elektrotechnik in Deutschland. Es sind die Fächer, deren Absolventen die Industrie seit Jahren händeringend sucht. Als Ingenieurlücke bezeichnet der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) das Phänomen, dass in den kommenden Jahren nach aller Voraussicht deutlich mehr Ingenieure in den Ruhestand gehen werden, als die Hochschulen ausbilden. 39.000 mangels Bewerbern nicht zu besetzende Stellen meldete der VDI schon in diesem Sommer. Die Ingenieurersatzrate, noch so eine Vokabel aus dem Wörterbuch von Verbandsfunktionären und Personalfachleuten, liegt bei kümmerlichen 0,9 - auf hundert altersbedingt ausscheidende Ingenieure kommen nur neunzig Absolventen, dabei steigt der Bedarf an Maschinenbauern und Elektrotechnikern. Dass ein Drittel der Studenten, die sich für derart gefragte Fächer eingeschrieben haben, auf der Strecke bleiben, ist deshalb ein Problem für die gesamte Volkswirtschaft.

„Unser Präsident hat für alle Fachbereiche das Ziel ausgegeben, das mindestens 80 Prozent jedes Jahrgangs ihren Studiengang erfolgreich beenden sollen“, sagt Hampe. „Heute liegt unsere Erfolgsquote sogar bei 90 Prozent.“ Die Prozesslernfabrik, zu deren Finanzierung ein Dutzend Partnerunternehmen beitragen, ist einer der Bausteine für diese erstaunliche Entwicklung. Schon im ersten Semester des Bachelor-Studiengangs lernen alle Studenten sie kennen, eine Führung durch die Halle ist obligatorisch. „Viele haben bis dahin nur Handwerksbetriebe gesehen“, berichtet Felix Brungs über die Wirkung dieses Ausflugs in den Himmel der Ingenieure. Brungs ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Darmstädter Institut für Produktionsmanagement, zu dem die Fabrik gehört. „Hier bekommen die Studenten ein Gefühl dafür, worum es in ihrem Beruf vermutlich gehen wird“, sagt er. In den späteren Semestern bestehen Wahlmöglichkeiten, im sechsten stehen wieder verpflichtende Besuche in der Fabrik an: Die Vorlesung „Management industrieller Produktion“ findet je zur Hälfte im Hörsaal und zwischen den Maschinen statt.

Praxis ist Bestandteil des Rezepts

Die Praxis ist ein Bestandteil des Darmstädter Rezepts. Außerdem müssen alle Studienbewerber, sofern ihre Abiturnote nicht besser als 2,0 ist, in einem Auswahlgespräch überzeugend ihre Motivation darlegen. Gelingt ihnen das, folgt im ersten Semester ein einwöchiger Projektkurs, von Hampe als „Initiationsritus“ beschrieben - in kleinen Gruppen arbeiten die Studenten interdisziplinär an einer komplexen Fragestellung, analysieren etwa den Einsatz von Flugdrohnen zur Bekämpfung des Drogenanbaus in Afghanistan unter technischen, biologischen und politischen Aspekten.

Nach dem zweiten Semester müssen zudem alle Darmstädter Maschinenbaustudenten einem Professor ausführlich über ihren Studienverlauf Auskunft geben - so soll der häufig vermisste direkte Kontakt zu den Professoren zu einer Selbstverständlichkeit werden. Für die Sorgen und Nöte im Alltag des Bachelor- und Master-Studiums hat aber auch das Team von drei Pädagoginnen und einem Psychologen im „Mech-Center“ genannten Beratungsbüro der Fakultät offene Ohren. „Wir haben seltsamerweise die Probleme nicht, die andere Hochschulen mit Bologna haben“, fasst Manfred Hampe die Wirkung all dieser Maßnahmen zusammen.

Gute Ideen sind freilich nicht das Privileg namhafter Hochschulen, die wie die TU Darmstadt in der Exzellenzinitiative ausgezeichnet wurden. Ganz ohne solches Renommee hat die Fachhochschule Südwestfalen an ihren vier Standorten einen bemerkenswerten Anlauf genommen, um die hohe Abbrecherquote unter ihren ingenieurwissenschaftlichen Studenten - sie machen rund die Hälfte der 8300 Immatrikulierten in Soest, Meschede, Hagen und Iserlohn aus - in den Griff zu bekommen.

Kern des Problems: Mangelnde Organisation

Daniel Wagner beispielsweise hätte sonst vermutlich im Sommer sein Studium abbrechen müssen. Gleich in zwei Klausuren stand der Student des Wirtschaftsingenieurwesens im Juli nach zwei Fehlschlägen vor dem entscheidenden dritten Versuch - die Vorhölle nach sieben Semestern. „Zum Glück habe ich in der Beratung noch rechtzeitig erkannt, dass ich bis dahin falsch gelernt hatte“, berichtet er im Rückblick. „Ich hatte versucht, Aufgaben und Lösungen auswendig zu lernen, und dabei die Theorie, den Zusammenhang aus dem Blick verloren.“ Die Einsicht kam im Gespräch mit Torsten Pätzold, der in Meschede für die Studienberatung zuständig ist und seit einem Jahr eigens zur Vorbereitung auf den dritten Versuch ein Prüfungscoaching anbietet. „Viele wollen im selben Semester noch drei oder vier weitere Scheine machen“, skizziert Pätzold eine typische Konstellation. „Dann geht es darum, Zeit für das wirklich Wichtige freizuschaufeln. Wenn es deshalb ein Semester länger bis zum Examen dauert, ist das doch nicht schlimm.“ Die Erfolgsquote liege bislang bei 100 Prozent.

Ein Notfalltraining allein ist in Südwestfalen aber nicht die ganze Strategie. Weil viele Studienanfänger zwar das Abitur haben, Mathematikinhalte aus der Mittelstufe wie Bruchrechnung und binomische Formeln aber nur unzureichend beherrschen, bietet die Fachhochschule einen vier Wochen dauernden Brückenkurs vor dem ersten Semester an. Außerdem hat sie ein Frühwarnsystem eingerichtet: Wer weniger Leistungspunkte als vorgesehen verbucht, wird per E-Mail automatisch dazu aufgefordert, mit Torsten Pätzold oder seinen Kollegen an den anderen Standorten zu sprechen.

Nicht mangelnde Intelligenz, sondern mangelnde Organisation und selbstgemachter Druck seien meistens der Kern des Problems. „Ich bin ein klassischer Ausbremser“, sagt Pätzold über seine Rolle. Im nächsten Semester dürfe das Rechenzentrum ihnen ruhig wieder eine E-Mail schicken, impfe er den Studenten ein - Hauptsache, sie finden ihr eigenes Lerntempo. Hilfreich seien dafür auch ungewöhnliche Methoden. Seit kurzem bietet Pätzold etwa autogenes Training an. „Für angehende Ingenieure war die Schwelle am Anfang ziemlich hoch“, resümiert er. „Aber inzwischen nehmen sogar mehr Männer als Frauen daran teil.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge