Eigentlich wollte Simon Peuker Musiker werden: „Aber an den Musikhochschulen habe ich die Aufnahmeprüfungen nicht bestanden“, erzählt der 21-Jährige, der sich kurzerhand umorientiert hat und nun an der Universität Osnabrück einen Bachelor-Studiengang in Umweltsystemtechnik und Biologie beginnt. Viel lieber noch hätte Peuker Biologie mit Sport kombiniert. „Aber dafür war der NC zu hoch.“ In seinem ersten Semester will sich der Studienanfänger die gewählte Fächerkombination erst einmal in Ruhe anschauen. „Wenn mir Umweltsystemtechnik nicht gefällt, dann wechsele ich zu Biologie und Gesundheitswesen auf Lehramt.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass er seine erste Fächerwahl bis zum Ende durchzieht, schätzt der frischgebackene Student auf 50 Prozent. „Ich finde diese Umorientierungsphase völlig normal. Das brauchen junge Menschen einfach.“
Sollte Simon Peuker das Studienfach wechseln, wird er als einer von vielen tausend Studienabbrechern in die Statistik eingehen, die Hochschulen und Politikern seit einigen Jahren die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Mit der Bologna-Reform hatte man den hohen Abbrecherquoten eigentlich den Kampf angesagt. Die Zahlen belegen jedoch, dass dieses Ziel nicht erreicht worden ist: So liegt die Abbrecherquote in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern der Universitäten derzeit bei 48 Prozent. „Wir haben seit dem Wechsel auf das Bachelor/Master-System insbesondere in den Naturwissenschaften, der Mathematik und den Ingenieurwissenschaften einen Anstieg der Abbruchquoten feststellen können“, sagt Ulrich Heublein vom Hochschul-Informations-System (HIS). „In den übrigen Fächern sind die Zahlen in etwa auf dem gleichen Niveau geblieben.“ Auch das Statistische Bundesamt legt ernüchternde Zahlen vor: In den Diplom-Studiengängen gaben zuletzt 34 Prozent der männlichen und 45 Prozent der weiblichen Mathematik-Studierenden im ersten Semester auf. Bologna hin oder her - für viele stellt der Übergang in eine Hochschulwelt mit mehr als 12.000 Studiengängen offenbar eine kaum zu bewältigende Herausforderung dar.
Immer mehr Hochschulen steuern gegen
Um den Exodus, der vor allem im verflixten ersten Semester stattfindet, zu stoppen, steuern immer mehr Hochschulen gegen: Mit zusätzlichen Beratungsangeboten versuchen sie, Studienanfänger rechtzeitig bei der Wahl der passenden Fächerkombination zu unterstützen. Das geht so weit, dass einzelne Bundesländer für ihre Hochschulen die Wiedereinführung des im Zeitalter der Spezialisierung vielgeschmähten Studium generale erwägen. So würde Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) „eine Verlängerung der Gesamtstudienzeit um ein Semester in Kauf nehmen“, um die hohe Abbrecherquote zu bekämpfen. „Wir müssen mehr gegen die hohe Schwundquote an vielen Hochschulen unternehmen“, sagt Heubisch. Dazu gehöre ein Orientierungssemester zu Beginn des Studiums. Mittlerweile haben nicht nur Hochschulen das Problem erkannt - auch potentielle Arbeitgeber greifen ein: So hat der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) eine Qualitätsprüfung eingeführt, die „besonderes pädagogisches Geschick“ an den Hochschulen zur Verhinderung von frühzeitigen Studienabbrüchen identifiziert und fördert.
Der Deutsche Hochschulverband (DHV) sieht in der Überlastung der Hochschulen das eigentliche Problem der hohen Abbrecherquoten. „Einerseits verlangt der politische Wille, dass immer mehr junge Menschen an die Hochschulen kommen. Andererseits werden die Mittel für mehr Tutorien und Orientierungsangebote nicht entsprechend aufgestockt“, sagt DHV-Sprecher Matthias Jaroch. „Die Betreuungsquote für Studienanfänger bessert sich nicht, sie liegt nach wie vor bei eins zu sechzig.“
HIS-Experte Ulrich Heublein sieht die Ursachen vor allem im veränderten Studienreglement der Bologna-Reform. „Mit Beginn des ersten Semesters stehen die Studienanfänger unter sehr hohen Leistungsanforderungen und müssen gleichzeitig eine generelle Studienorientierung leisten“, erklärt Heublein. „Wenn man dafür nur vier Monate Zeit hat, bevor schon die erste Prüfung kommt, die sich auch gleich auf die Bachelor-Endnote auswirkt, sind viele überfordert.“ Für Erik Marquardt, Vorstand des Freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften (FZS), steckt dahinter auch Methode: „Die Hochschulen müssen häufig mehr Studierende aufnehmen, als ihnen lieb ist. In den ersten Semestern möchten sie mit besonders schweren Prüfungen abschrecken.“ Wer nicht ins Raster passe, werde ausgesiebt. Studienanfängern rät Erik Marquardt deshalb, die Einführungstage und Brückenkurse ausgiebig dazu zu nutzen, sich in Gruppen zu vernetzen und die Atmosphäre an der Hochschule zu prüfen. Wer schon im ersten Semester an Prüfungsangst leide, solle psychologische Beratung in Anspruch nehmen. „Das ist längst kein Tabuthema mehr“, sagt Marquardt.
“Information ist alles“, lautet das Motto, unter dem Ulrich Heublein vom HIS neue Maßnahmen zur Senkung der Abbrecherquoten angehen würde. „Ich halte zum Beispiel einen verbindlichen Test, der online durchgeführt werden kann, für alle potentiellen Studienanfänger für sinnvoll. So kann man herausfinden, ob der anvisierte Studiengang überhaupt zu einem passt.“
Vielleicht ist das Problem gar kein Problem
Dass das Problem der hohen Abbrecherquoten vielleicht gar kein Problem ist, gibt Hannah Leichsenring vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE Consult) zu bedenken. „An vielen Hochschulen erscheint schon ein Wechsel des Fachschwerpunktes statistisch als Studienabbruch, und auch bei einem Hochschulwechsel kann man eigentlich nicht von Abbruch reden“, erklärt sie. „Aber nur ein geringer Teil der Studienanfänger lässt sich so weit abschrecken, dass er sich etwas ganz anderes überlegt.“ Das Orientierungsangebot der Hochschulen sei mannigfaltig - nur nicht effektiv, betont Leichsenring. „Das hat auch damit zu tun, dass die komplexe Studienentscheidung in einer sehr anspruchsvollen Schulphase getroffen werden muss.“ Das führe bei manchen dazu, dass sie einfach ein einigermaßen interessantes Fach wählten, das aber nicht unbedingt für ihr Endziel hielten. Dieses „Suchsemester“ sei offenbar unumgänglich, sagt Leichsenring.
Simon Peuker stemmt sich an der Universität Osnabrück ganz bewusst dem Druck nach einem schnellen Studienerfolg entgegen. „Es wird heute erwartet, dass man möglichst schnell in den Beruf einsteigt, aber ich will mir keinen Stress machen“, sagt er. „Ich behalte mir vor, meine Meinung zu ändern, mein Studium abzubrechen oder etwas Neues anzufangen - natürlich nur, solange ich mir das leisten kann.“ Der frischgebackene „Ersti“ hat jetzt schon einen Kredit aufgenommen, um die Studiengebühren zahlen zu können. Seinen ursprünglichen Berufswunsch hat Peuker dabei nicht aufgegeben: „Vielleicht schaffe ich es ja irgendwann, den Studienkredit aus Einnahmen zurückzubezahlen, die ich mit meiner Musik verdient habe.“
Kleiner Fehler
Ole Bert (Torki)
- 19.10.2012, 23:48 Uhr
Problematisierungen
Henk Hulst (HenkHulst)
- 19.10.2012, 10:20 Uhr
Mangelnde Kommunikation.
Maximilian Hamburger (Hamburgeraner)
- 19.10.2012, 10:10 Uhr
Abbrecherquoten in ingenieur- / naturwissenschaftlichen Fächern
Andrea Müller (ADrea)
- 19.10.2012, 09:39 Uhr
Das Problem sind nicht die Universitäten
Walpurga Müller-Schmidt (MuellerSchmidt)
- 19.10.2012, 08:43 Uhr
