26.10.2009 · Dass Erstsemester in Notquartieren unterkommen, hat in vielen Studentenstädten schon Tradition. Vor allem im Westen ist der Wohnraum knapp - im Osten dagegen steht viel leer.
Von Pia VolkMaurice Schulze sitzt auf dem Sofa in seinem Zimmer, knapp 16 Quadratmeter ist der Raum groß, aus dem Fenster blickt man auf den Innenhof, wo ein einsamer Grill zwischen wild wucherndem Gestrüpp steht. Maurice wohnt mitten in der Altstadt Heidelbergs, eine Wohnlage de Luxe. Doch er will umziehen. „Ich brauche mehr Ruhe, um meine Magisterarbeit zu schreiben“, sagt der Sechsundzwanzigjährige. Doch ein Zimmer zu finden, das ist in Heidelberg reine Glückssache.
Rund 5200 Studenten haben sich für das vergangene Wintersemester angemeldet, in diesem Jahr dürften es noch mehr gewesen sein, schätzt Rainer Weyand, der Leiter des Facility Managements des Studentenwerks Heidelberg. „Die Studentenzahlen steigen, wir spüren die ersten Erfolge der Exzellenzinitiative.“ Von den 5200 neu Immatrikulierten bleiben rund 1500 in ihrem Elternhaus wohnen, 800 können in Wohnheimen unterkommen. Der Rest ist wie Maurice Schulze auf private Angebote angewiesen.
Auch Jan Lammel kennt das Problem. Als der heute Neunundzwanzigjährige nach Heidelberg zog, ist er zunächst bei einer Burschenschaft untergekommen. Das Haus lag mitten in der Altstadt, von seinem Bett aus konnte er auf das Schloss blicken. Es gab einen Billardtisch, eine große Bibliothek, das Zimmer kostete nur 120 Euro im Monat, so günstig wohnt man sonst nirgends in der Stadt am Neckar „Ich hatte keine Verpflichtungen der Burschenschaft gegenüber“, berichtet er. „Ich galt als interessierter Hausgast.“ Doch einen Haken hatte das Ganze: Mädchenbesuch war verboten. Deshalb hat auch Jan sich auf den privaten Wohnungsmarkt gestürzt. Seit sieben Jahren wohnt er nun in der Weststadt, in einem kleinen Zimmer, in dem es im Sommer brütend heiß ist; im Winter pfeift der Wind durch die Ritzen. Er hat schon öfter über einen Umzug nachgedacht. „Aber wo gibt es denn in dieser Stadt schöne Zimmer, die man bezahlen kann?“
Notunterkünfte in vielen Studentenstädten
Rainer Weyand kennt die Sorgen der Studenten. Jedes Jahr im Herbst, zum Beginn des Wintersemesters, errichtet er Schlafhallen als Notquartiere in den Kellern der Wohnheime. „Die Studienplätze werden immer später vergeben, so dass viele Studenten erst im Oktober ankommen und dann keine Bleibe haben.“ Die Notlager bleiben so lange offen, wie es Bedarf dafür gibt. Notunterkünfte richten Jahr für Jahr auch andere Studentenstädte im Westen Deutschlands ein, Freiburg und Tübingen, Mainz und Marburg zum Beispiel.
Maurice Schulze sucht nun seit vier Wochen nach einem Zimmer, erfolglos. Mit Wehmut erinnert er sich an die Zeit, als er noch in Leipzig studierte - wo der Wohnungsmarkt völlig anders aussieht als in Heidelberg. Dort gibt es so viele leerstehende Wohnungen, dass das Studentenwerk in den Sommersemestern Probleme hat, die Wohnheime zu füllen. „Knapp 10 Prozent unserer Plätze sind dann frei, die wir zum Beispiel versuchen, an Gäste zu vermieten“, sagt Kai Hörig, der Abteilungsleiter des Gebäudemanagements des Leipziger Studentenwerks. Allerdings hat er auch ein Drittel mehr Zimmer als Heidelberg zu vermieten: Knapp 5200 sind es insgesamt, davon werden 1600 jedes Wintersemester neu vergeben. In Heidelberg gibt es insgesamt nur 3700 Wohnheimplätze. Dabei sind die Studentenzahlen in beiden Städten ungefähr gleich hoch: In Heidelberg 34.000 mit steigender, in Leipzig 36.500 mit sinkender Tendenz.
Vor sieben Jahren, als Maurice Schulze von Leipzig nach Heidelberg wechselte, kam er zunächst auch in einem Wohnheim unter, in einem Plattenbau in der Nähe des Zoos und fern der Altstadt. „Das Zimmer war winzig, gerade mal neun Quadratmeter, ich kam mir vor wie in einer Zelle“, sagt er. Diese Erfahrung möchte er nicht wiederholen, deshalb bewirbt er sich weiter fleißig um Zimmer - mittlerweile sogar mit Foto und Lebenslauf.
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Tobias Steiner (reinforcer)
- 26.10.2009, 19:26 Uhr