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Veröffentlicht: 05.10.2016, 14:39 Uhr

Studentisches Wohnen WG? Wollen wir nicht mehr!

Putzplan und laute Mitbewohner? Nein, danke! Die WG hat ausgedient: Die Studenten von heute wohnen am liebsten alleine. Koste es, was es wolle. Wie konnte das nur passieren?

von Victor Gojdka
© Philip Lisowski Nein, mein Zimmer teile ich nicht! Vielen Studenten ist das eigene Reich ganz wichtig.

Fast schon langweilig sind diese Bilder geworden: Wenn pünktlich Anfang Oktober die Schlangen vor den Wohnungsbesichtigungen länger und länger werden. Wenn Studenten mit Reisezelten in öffentlichen Parks campieren. Wenn Universitäten Matratzenlager in ausrangierten Gebäudekomplexen eröffnen. Wir kennen diese Bilder des Wohnungsnotstands, sie sind zum Grundrauschen des Semesterstarts geworden. Allerdings: Sie trügen.

Sicher, die studentischen Mieten steigen. Und ja, gerade in den deutschen Metropolen kommen auf eine Wohnung oft mehr als hundert Bewerber. Es sind Geschichten des Mietwahnsinns aus den Metropolen, von denen die einprägsamen Bilder aus dem Fernsehen künden. Doch gleichzeitig überdecken sie eine andere Entwicklung. Man kann sie sehen, wenn man nicht nur auf die grellen Bilder, auf die großen Städte schaut. Sondern auf ganz Deutschland: dass Studenten immer häufiger alleine wohnen, in eigenen Apartments.

 
Nein, meine Wohnung teile ich nicht! Warum viele Studenten keine WGs mehr wollen.

Es sind Immobilienentwickler, Beratungsgesellschaften und Studentenwerke, die diesen Trend zum sogenannten „Mikrowohnen“ konstatieren, die Flucht in Einzelzimmer und Apartments. Genauso wie Immobilienprofessoren, Soziologen und Ethnologen. Sie alle sagen: Seit kurzem häufen sich jene Mosaiksteine, die zusammengesetzt ein klares Bild ergeben: Eine Studentengeneration igelt sich ein. Der Schwung zum sogenannten Mikrowohnen wird makroskopisch sichtbar.

Stille statt Trubel

Wer verstehen will, was hinter diesem Trend steckt, sollte mit Marlene Müller sprechen. Die 23-jährige Studentin, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, studiert Grundschullehramt in Erfurt, ist vor kurzem aus ihrer Wohngemeinschaft in ein Einzelapartment gezogen. Hat das trubelige Zusammenleben gegen die Stille eines Apartments getauscht.

Nach dem Abitur hatte sie mit einer Freundin ihre eigene Wohngemeinschaft gegründet, doch ihre Bekannte hält den Putzplan nie ein. „Im Gebälk unserer WG hat es immer häufiger gekracht“, sagt Marlene. Ihre Freundschaft geht in die Brüche - und mit ihr die WG.

42717009 © Philip Lisowski Vergrößern Ruhe und Ordnung: Allein ist das leichter zu haben als in einer WG.

Die angehende Grundschullehrerin sucht sich eine neue Bleibe. Ein Einzelzimmer, klar. Für diesen Luxus zahlt Müller nun einen dreifachen Preis: Die Miete ist teurer als zuvor, die Küche für die Wohnung musste sie selbst anschaffen. Und die neue Wohnung liegt in der Plattenbausiedlung Herrenberg, fünf Kilometer von der Universität entfernt. Für Erfurter Verhältnisse ist das eine kleine Weltreise. „Dafür habe ich in der Wohnung jetzt meine Ruhe, wenn ich abends völlig fertig bin.“

Selbst Studentenwerke schrecken vor dem Bau von WGs zurück

Was einzelne Studenten wie Marlene aus Erfurt tun, baut sich über ganz Deutschland zu einer Welle auf. „Der Trend im studentischen Wohnen geht klar zum Wohnen alleine“, sagt Tobias Just, Professor für Immobilienwirtschaft an der Uni Regensburg. Nun beginnt sich diese Entwicklung in ersten Zahlen niederzuschlagen. Die Zahl der Einzelapartments in den Studentenwohnanlagen privater Immobilienentwickler hat sich seit 2010 verfünffacht. Dies zeigen Daten, die der Immobiliendienstleister Savills für die F.A.S. ausgewertet hat.

Fragt man Immobilienprofessor Just, dann spiegelt sich in diesem Trend zum Alleine-Wohnen das Spiel zwischen Angebot und Nachfrage. Auf der einen Seite suchen Fonds, Versicherungen und Pensionskassen in Zeiten von Null- und Negativzinsen nach Spezialimmobilien, die noch ordentliche Renditen bringen. Auf der anderen Seite wächst bei Immobilienentwicklern die Expertise in diesem Nischensegment des Immobilienmarktes, so dass es inzwischen sogar einen eigenen Namen hat: „Student Living“.

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