21.08.2010 · Mehr Prüfungen, mehr Austauschprogramme, mehr Eigenwerbung - viele Hochschulen und Studenten ächzen unter der Belastung. Mit drei Monaten Sommerruhe ist es jedenfalls fast überall vorbei.
Von Julia WittenhagenÜberfüllt ist der riesige Campus Westend der Goethe-Universität in Frankfurt nicht gerade in diesen Tagen. Ruhig und grün haben sie es, die kleinen Grüppchen auf den großen Wiesen, am Wasserbecken und auf den Außensitzplätzen von Cafeteria und Mensa - aber menschenleer ist der Campus nicht. „Semesterferien gibt's nicht mehr“, unken Jurastudenten, die in den vorlesungsfreien Wochen zwei Hausarbeiten zu bestehen haben. „Ferien? Habe ich nicht“, stellt eine Theaterwissenschaftlerin fest, die jetzt mit ihrer Magisterarbeit beginnt. Auch zwei italienischen Erasmus-Studenten bleibt nicht viel Zeit für Urlaub. Wenn sie nach ihren letzten Prüfungen in Frankfurt in ihre Heimat zurückkehren, beginnt dort wieder der Lehrbetrieb. Nicht einmal ein luftig gekleideter Sonnenanbeter macht sich Hoffnungen auf richtig viel Freizeit. „Ich lerne für meine zweite ärztliche Prüfung im Oktober“, sagt er.
Drei Monate frei, tote Hose auf dem Campus, die Profs den ganzen Sommer nicht sehen - diese Vorstellung von Semesterferien ist geradezu altertümlich. Darüber stöhnen viele Studenten, und die Professoren geben ihnen recht. „Der normale Lehrbetrieb weitet sich zunehmend aus in die vorlesungsfreie Zeit“, sagt etwa Sigmund Stintzing, der Vizepräsident der Ludwig-Maximilian-Universität in München.
Die Anzahl der Prüfungen gerade in den früheren Magisterstudiengängen sei so stark gestiegen, erklärt Stintzing das Phänomen, dass sich die Klausuren bis zu vier Wochen in die vorlesungsfreie Zeit ziehen. „Unsere Hörsäle sind selbst in den Semesterferien so stark frequentiert, dass wir schon überlegen, Turnhallen für die Klausuren anzumieten.“ Auch Wiederholungstermine finden vor Semesterbeginn statt. In den naturwissenschaftlichen Fakultäten sorgen Forschungsprojekte und Pflichtpraktika fast für durchgängigen Betrieb, für die Betreuung der Bachelor- und Masterarbeiten müssen Lehrstühle besetzt bleiben.
Kinder-Unis, Schüler-Unis, Frauen-, Eltern- und Senioren-Unis
In Freiburg erfreuen sich die Lehrveranstaltungen des Zentrums für Schlüsselqualifikationen (ZfS) der Albert-Ludwigs-Universität während der Semesterferien wachsender Beliebtheit. Rund 1000 Studenten werden diesen Sommer Kurse in Fremdsprachen, digitaler Bildbearbeitung, TV-Journalismus oder „Gesprächsführung nach dem Harvard-Modell“ belegen. „Jeder Bachelor muss 20 bis 30 Credit Points in berufsfeldorientierten Schlüsselqualifikationen nachweisen“, erklärt die Geschäftsführerin des ZfS, Verena Saller. „Wir bieten die Kurse fakultätsübergreifend an, und das eben auch in der vorlesungsfreien Zeit, weil viele Studierende im Semester mit ihrem Fachstudium komplett ausgebucht sind.“
Nicht nur der eigenen Klientel machen die Unis im Sommer Offerten: Von modernen Hochschulen wird die Öffnung nach außen verlangt. So locken im August und September Spezialveranstaltungen wie Kinder-Unis, Schüler-Unis, Frauen-, Eltern- und Senioren-Unis. Der September ist für Wissenschaftler außerdem der Tagungsmonat schlechthin. „Das Zeitfenster für weitere Angebote ist klein. Insofern ist eine bessere Auslastung der Unis im Sommer für uns kein Thema“, sagt Yorck Hener, der Geschäftsführer der Beratungstochter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), das sich als Reformwerkstatt für die Hochschulen begreift.
Traditionell gehört auch der internationale Austausch zu den Sommeraktivitäten. Hinzu kommen sogenannte Summer Schools, die einen Fachkurs in englischer Sprache mit Deutschkurs und Kulturprogramm verbinden. „Sie sind ein hervorragendes Marketinginstrument für das Lehrangebot einer Universität“, sagt Kirsten Habbich vom Deutschen Akademischen Austauschdienst. Ein Beispiel dafür ist die internationale Sommer- und Winteruniversität der Freien Universität Berlin, kurz FUBiS. Buchten 1998 erstmals 30 ausländische Studierende ein vier- bis sechswöchiges Paket, sind es dieses Jahr rund 640. Mehr als die Hälfte kommt in den Sommerferien. Der Anspruch ist hoch, denn die Gaststudenten können mit „Architektur in Berlin“ oder „Die Europäische Union im 21. Jahrhundert“ je reguläre 4 ECTS-Punkte erwerben.
Lukrative Einnahmequellen?
Lassen sich solche Aktivitäten zu lukrativen Einnahmequellen ausbauen? Im hessischen Bildungsministerium winken die Fachleute ab. „Um finanziellen Gewinn mit den Programmen zu erzielen, müssten sie entweder Massenveranstaltungen werden oder man müsste einen Qualitätsverlust in Kauf nehmen“, sagt Alexander Mokry von der Abteilung Internationale und EU-Angelegenheiten. Sie hat die Internationale Sommeruniversität (ISU) ins Leben gerufen, die an fünf hessischen Hochschulstandorten stattfindet. Für 1990 Euro inklusive Unterkunft können diesen Sommer rund 250 ausländische Studierende teilnehmen. Das lohnt sich nicht zuletzt wegen eines Verrechnungsabkommens: Für zwei solche Summer-School-Plätze kann ein hessischer Student ein Semester lang gebührenfrei an den Partneruniversitäten im amerikanischen Wisconsin, Massachusetts oder Queensland studieren und bis zu 10.000 Euro sparen.
In klingender Münze zahlte sich dagegen die Düsseldorfer Sommeruniversität aus. Unter dem Titel „Weiterbildung für Studium und Karriere“ bündelte hier das Institut für Internationale Kommunikation (IIK) gemeinsam mit der Universität Sprachkurse, Lehrerfortbildungen, Personalentwicklungsseminare und anspruchsvolle Summer Schools - und zwar kostendeckend. Berufstätige aus der Region sollten genauso fündig werden wie Forscher und Studenten aus aller Welt. 2000 Besucher kamen. „Geld hat die Uni damit auch verdient“, berichtet Antje Krüger vom IIK.
Dass nun der Kooperationsvertrag ausgelaufen ist, hält ihr Kollege Matthias Jung für ein Lehrstück über das Verhältnis der Hochschulen zur Weiterbildung. „Viele sind gerne bereit, eine Veranstaltung abzuhalten, und haben auch gegen Honorare nichts“, berichtet er. „Aber wenn wir überlegen, wie man ein Thema verpackt, um damit dieses Honorar zu erwirtschaften, wird uns unterstellt, wir wären nur am Geld interessiert. Dabei sind wir auch ein gemeinnütziger Verein.“ Die Konsequenz: Diesen Sommer beschränkt sich das IIK auf Sprach- und Kommunikationskurse sowie Lehrerfortbildungen.
Wer sich dagegen den Sommer über an der Frankfurter Universität auf Prüfungen vorbereitet oder an Hausarbeiten sitzt, muss sich auf ganz andere Begegnungen gefasst machen. „Hier auf dem Campus wird in den Sommermonaten geheiratet, gefeiert, es finden Kongresse, Buchpräsentationen, Preisverleihungen und Akademien statt“, zählt Jochen May auf, der Geschäftsführer von Campuservice. 25 große Veranstaltungen hat er bis zum Semesterbeginn Mitte Oktober auf dem Zettel. „Wenn der Regelbetrieb aufhört, dann versuchen wir, mit der Vermietung Einnahmen zu generieren.“ Zum Leerstehen wäre der selbsternannte „schönste Campus Deutschlands“ auch viel zu schade.
Jammern
Mario Reinhold (mario85)
- 21.08.2010, 14:55 Uhr
3 Monate Semesterferien?
Leo Bronstein (juvog)
- 21.08.2010, 17:50 Uhr
Semesterferien waren und sind die größte Zeitverschwendung während des Studiums!
Max Schreck (MaxSchreck)
- 21.08.2010, 18:58 Uhr
SemesterFERIEN?!
Paul HPunkt (PeterHenning)
- 22.08.2010, 14:07 Uhr
SemesterFERIEN?!
Paul HPunkt (PeterHenning)
- 22.08.2010, 14:07 Uhr