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Veröffentlicht: 17.10.2012, 05:59 Uhr

Studentischer Wohnungsmarkt Matratzenlager für die Erstsemester

Sie hausen im Fitnessstudio oder bei Freunden auf dem Sofa: Studienanfänger, die zu Semesterbeginn kein Zimmer gefunden haben. Doppelte Abiturjahrgänge, Wegfall der Wehrpflicht und steigende Mieten machen die Lage angespannt wie selten.

© dpa Semesterstart auf Feldbetten: Viele Studenten haben für das laufende Wintersemester noch keine dauerhafte Bleibe gefunden.

Ausgesetzte Wehrpflicht, doppelte Abiturjahrgänge und steigende Mietpreise vor allem in den Großstädten sorgen dafür, dass die Wohnungsnot unter Studenten besorgniserregende Ausmaße annimmt. Nach Angaben des Deutschen Studentenwerks gibt es mittlerweile in zehnStudentenstädten Notunterkünfte, etwa in Gemeinschaftsräumen der Wohnheime, in Turnhallen oder Fitnessstudios, wo Erstsemester in Feldbetten oder Matratzenlagern hausen.

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Zwar ist es mancherorts schon seit einigen Jahren Gang und Gäbe solcherlei Notunterkünfte zu Semesterbeginn vorzuhalten. Doch verzeichnen viele dieser Einrichtungen in diesem Wintersemester einen besonderen Ansturm.

Etagenbetten im Fitnessstudio

„Die Situation ist total angespannt“, sagt etwa Burkhard Lutz, Abteilungsleiter Wohnen des Studentenwerks Siegen. Dort schlafen derzeit 30 Studienanfänger in einem Fitnessstudio. „Wir haben die Trainingsgeräte zur Seite geschoben und Etagenbetten aufgestellt“, erzählt Lutz. Spinde seien vorhanden, zum Kochen und Waschen nutzten die Studenten die Gemeinschaftseinrichtungen eines normalen Studentenwohnheims. Siegen macht wohnungssuchenden Studienanfängern schon seit mehreren Jahren dieses Angebot, allerdings: „Noch nie haben sich so viele gemeldet, wie in diesem Wintersemester“, berichtet Lutz. Und die Tendenz sei steigend. „Der private Wohnungsmarkt ist längst ausgeschöpft und öffentliches Geld für neue Wohnheimplätze ist nicht in Sicht.“

Dazu kommt, dass die Mietpreise in deutschen Städten generell steigen; im Durchschnitt seien sie 2011 um 2,9 Prozent nach oben gegangen, berichtet die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf den neuesten Wohnungs- und Immobilienbericht von Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU), über den das Bundeskabinett an diesem Mittwoch berät. Vor allem Großstädte sind demnach von eklatanten Preissteigerungen betroffen, aber auch mittlere und kleine Städte – sofern sie eine Universität oder Fachhochschule haben.

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Zudem steigen vielerorts die Studienanfängerzahlen und somit die Nachfrage nach günstigem Wohnraum. Das Studentenwerk Heidelberg etwa verzeichnete schon im vergangenen Wintersemester einen Anstieg der Anfragen nach Wohnheimplätzen um 30 Prozent – obwohl im Bundesland Baden-Württemberg erst jetzt die doppelten Abiturjahrgänge an die Hochschulen strömen.

In diesem Wintersemester sei die Lage ähnlich angespannt, berichtet eine Heidelberger Studentenwerks-Sprecherin. In verschiedenen Räumen der Wohnheime habe man Feldbetten aufgestellt, wo wohnungssuchende Studierende vorübergehend unterkommen können: acht Euro kostet ein Feldbett für die erste Nacht, vier Euro für jede weitere. Auch in Darmstadt, Freiburg, Gießen, Hamburg, Marburg, Heidelberg, Tübingen, Karlsruhe und Kassel halten die Studentenwerke Notunterkünfte für Erstsemester vor.

Übernachten im Schaufenster

Gleichzeitig zeigen sich viele Studentenstädte kreativ, wenn es darum geht, um privaten Wohnraum für Erstsemester zu werben. In Freiburg etwa druckte eine Bäckerei Aufrufe zur Vermittlung von Privatzimmern auf 100.000 Brötchentüten. Vor der Humboldt Universität in Berlin errichteten protestierende Studierendenvertreter an diesem Dienstag ein Zelt, um auf die studentische Wohnungsnot aufmerksam zu machen. Im Zuge einer Protestaktion in Karlsruhe übernachteten 12 Studenten mehrere Tage lang abwechselnd im Schaufenster eines Schreibwarengeschäfts mitten in der Fußgängerzone. „Wir haben außerdem gemeinsam mit dem Stadtmarketing Plakate aufgehängt und ein Speeddating zwischen Studierenden und Vermietern organisiert“, berichtet ein Karlsruher Studentenwerks-Sprecher. „Das hatte Erfolg.“ Zwar fehlen nach seiner Aussage trotz allem noch 600 bis 800 Wohnheimplätze in Karlsruhe. „Aber das ist nicht mehr als in den Jahren zuvor. Die große Welle, die uns wegen der doppelten Abiturjahrgänge zu überrollen drohte, konnten wir abfedern.“ Es habe zwar viel mehr Anfragen nach Zimmern gegeben, aber auch viel mehr Angebote von bezahlbaren Privatzimmern oder in „Wohnen für Hilfe“-Projekten, in denen Studierende in Familien oder bei Senioren zu sehr geringen Mieten unterkommen und im Gegenzug Hausarbeiten oder andere Hilfsdienste verrichten.

Studentenvertreter sehen die Politik in der Pflicht, etwas gegen die schwierige Lage auf dem studentischen Wohnungsmarkt zu unternehmen: „Es ist politisch gewollt, dass sich immer mehr junge Menschen für ein Studium einschreiben, dann muss auch ein angemessenes Umfeld für ein Studium geschaffen werden“, sagte Josephine Dietzsch, Vorsitzende des Bundesverbands Liberaler Hochschulgruppen. „Es ist unzumutbar, wenn Studienanfänger in den ersten Wochen oder Monaten auf Sofas von Bekannten, in Notunterkünften oder Matratzenlagern der Asten nächtigen müssen.“ Den Studentenwerken müssten daher mehr Mittel für den Bau und Ausbau von Wohnheimen zur Verfügung gestellt werden.

Quelle: FAZ.NET

 

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