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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Studentenorganisationen Engagement statt Lebenslaufkosmetik

 ·  Unternehmen schätzen es, wenn Bewerber in einer Studentenorganisation mitgearbeitet haben. Die melden sich dort auch eifrig an. Doch einige polieren nur ihren Lebenslauf auf.

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© Scott Indermaur Bei der Sife-Weltmeisterschaft präsentieren Studenten-Teams aus der ganzen Welt Top-Managern internationaler Unternehmen ihre ehrenamtlichen Projekte.

Smog, verstopfte Straßen und stundenlange Verspätungen – das Leben und Arbeiten in der indonesischen Hauptstadt Jakarta war für die gebürtige Rheinländerin Thu Huynh Anh höchst gewöhnungsbedürftig. „Normalerweise bin ich eher zu früh als zu spät dran, typisch deutsch eben“, sagt die Studentin der Betriebswirtschaftslehre. „In meinem Praktikum musste ich lernen, mich einer ganz fremden Kultur anzupassen. Das war die größte Bereicherung.“

Auch für ihr späteres Berufsleben nahm die 25 Jahre alte Kölnerin in den viereinhalb Monaten, in denen sie in der Novartis-Tochtergesellschaft Sandoz gearbeitet hat, viel mit. Sie durfte in der Personalabteilung ein Online-Bewerbungsportal mitentwickeln. „Eine tolle Chance“, findet Huynh Anh. „In Deutschland dürfen Praktikanten selten so selbständig handeln.“

Das Praktikum ließ sich Huynh Anh von Aiesec vermitteln. Der Verein mit rund 60 000 Mitgliedern ist nach eigenen Angaben die größte studentische Organisation auf der Welt. Im Sinne der Völkerverständigung, gleichwohl gegen 350 Euro Gebühr, vermittelt Aiesec Auslandspraktika für Studierende aller Fachrichtungen. Engagement ist erwünscht: Huynh Anh hat vor ihrer Indonesien-Reise mehrere Semester im Kölner Lokalkomitee von Aiesec mitgearbeitet und anderen geholfen, eine Stelle im Ausland zu finden.

Vielen Pseudo-Engagierten geht es gar nicht um die Organisation

Längst nicht alle Studenten meinen es so ernst wie Huynh Anh, wenn sie sich in Studenten-Organisationen anmelden. Nicht wenige möchten vor allem ihren Lebenslauf aufpolieren, um bei künftigen Arbeitgebern zu punkten. Das Pseudo-Engagement wird für die Initiativen zum Problem.

„Lebenslaufkosmetik steht leider manchmal im Vordergrund“, sagt Felix Grasser, Präsident von Elsa Deutschland. Die European Law Students’ Association wuchs in den vergangenen zehn Jahren allein in Deutschland um 6500 Mitglieder. Grasser müsste das eigentlich freuen. Doch der Mannheimer Jurastudent empfängt nicht mehr jeden Kommilitonen mit offenen Armen: Parallel zum zeitintensiven Bachelor- und Masterstudium schafften es heute nur wenige, sich intensiv einzusetzen, sagt er.

Die Organisationen wachsen dennoch unaufhaltsam. Zu den größten gehören neben Elsa und Aiesec der Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen (BDSU) und die Initiative „Students in Free Enterprise“ (Sife). Seit 2003 sind mehr als dreißig Sife-Ableger an deutschen Hochschulen gesprossen.

Die Mitglieder der Organisationen üben sich in nützlicher Projektarbeit: Sie organisieren Kongresse, Veranstaltungen und Praktika im Ausland. Um Hochschulpolitik geht es hingegen kaum. Vielmehr möchten die Studenten die an der Hochschule gelernte Theorie in der Praxis anwenden lernen.

Bayer, Porsche, Lufthansa und viele andere Unternehmen fördern die Organisationen. Sie sponsern Projekte, beraten und bieten Praktikumsstellen. Im Gegenzug hoffen die Personaler in den Betrieben möglichst früh eine Bindung zu „High Potentials“ aufzubauen. „Das ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, um uns als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren“, sagt Alexandra Kutschenreuter, Sprecherin des Chemiekonzerns BASF. Sie lobt den engen Austausch mit den organisierten Studenten: „Chancen auf Stellen und Praktika entstehen so allemal.“

Engagement zeugt von guter Organisationsfähigkeit

Lob ertönt auch von anderer Stelle: „Wer im dicht getakteten Bachelor- oder Masterstudium zusätzlich arbeitet, den zeichnet hohe Organisationsfähigkeit aus“, sagt Marcus Reif. Er leitet für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young die Markenbildung und Personalbeschaffung im deutschsprachigen Raum und ist überzeugt von der Qualität der engagierten Studenten. Reif schätzt, dass jeder fünfte akademische Einsteiger bei Ernst & Young zuvor in einer Initiative wie Aiesec mitgearbeitet hat.

So etwas spricht sich herum – und schafft Anreize zum Trittbrettfahren. Elsa-Präsident Grasser glaubt, dass die Spreu vom Weizen getrennt werden könnte. Er plädiert für eine offizielle Anerkennung des Engagements, zum Beispiel durch ein Zeugnis oder in Form von ECTS-Punkten. Das sind Leistungspunkte, die Studenten während ihres Studiums sammeln müssen.

Würden sich die Universitäten mit den Leitern der Initiativen über Kriterien absprechen, bekämen nur solche Studenten eine offizielle Würdigung, die sie auch verdient hätten, erklärt Grasser, der ohnehin Nachholbedarf sieht: „Elsa hat zum Beispiel eine Konferenz auf die Beine gestellt, an der Ärzte und Studenten teilgenommen haben. Die Mediziner haben dafür Fortbildungspunkte erhalten – die Studenten gar nichts. Das kann nicht sein.“

Hochschulen sollen Engagement als Studienleistung anerkennen

Im dezentralen Bildungssystem muss an jeder einzelnen Universität um Anerkennung gekämpft werden. Um ihre Anliegen dennoch gemeinsam zu vertreten, zum Beispiel vor der Hochschulrektorenkonferenz, haben sich sieben große Studentenorganisationen zur Kölner Runde zusammengeschlossen – darunter auch Elsa und Aiesec. Doch es geht kaum voran.

Nur wenige Hochschulen gehen auf die Forderungen der Kölner Runde ein. Die Universität Münster vergibt beispielsweise im Rahmen ihres Studium Integrale für manche Engagements ECTS-Punkte. Timo Bechthold von der Universität Mannheim sagt aber: „Die Forderungen sind nicht so leicht umzusetzen.“ Der akademische Mitarbeiter ist zuständig für studentische Initiativen.

Ein ECTS-Punkt als Äquivalent für 30 Stunden akademische Arbeit sei schwer zu vergeben für Tätigkeiten in Studentenorganisationen, sagt Bechthold. „Dann müssten wir die Arbeit in den Initiativen vergleichbar machen. Und dadurch würden wir die Studenten in ihrer Kreativität einschränken.“ Dennoch kommt die Mannheimer Hochschule den Studenten entgegen: Initiativen können sich akkreditieren lassen, dann bekommen die Studenten ein Zeugnis mit offizieller Anerkennung für ihr Engagement, unterzeichnet vom Prorektor.

„Ich wude in allen Interviews positiv darauf angesprochen“

Für Unternehmen scheint der offizielle Stempel nicht das Entscheidende zu sein. Ernst & Young genügen Zertifikate, die die Initiativen selbst ausgestellt haben. „In Bewerbungsgesprächen ist leicht nachzuvollziehen, wie sich die Studierenden genau engagieren und in welchem Umfang“, sagt Reif. Kürzlich hat der Konzern ein Projekt mit der studentischen Unternehmensberatung Consult.IN der Fachhochschule Ingolstadt abgeschlossen. Die jungen Leute sollten analysieren, wie attraktiv Ernst & Young als Arbeitgeber ist. Der Vorteil: „Sie sind gleichzeitig unsere Zielgruppe“, sagt Reif.

Thu Huynh Anh konnte vom Wechselspiel unmittelbar profitieren. Als die 25-Jährige aus Jakarta wiederkam, ging sie auf Suche nach einer anspruchsvollen Nebenbeschäftigung. Einige Bewerbungsgespräche später hatte sie einige Möglichkeiten. „Der Aufenthalt in Jakarta und die Aiesec-Mitarbeit wirken“, sagt Huynh Anh. „Ich wurde in allen Interviews positiv darauf angesprochen, damit hebe ich mich von anderen ab.“

Aisec, Elsa, Sife

Zu den größten Organisationen der Welt gehört Aiesec (Association Internationale des Étudiants en Sciences Économiques et Commerciales): Sie hat zum Ziel, Studenten Praktikumsstellen im Ausland zu vermitteln. Aiesec-Mitglieder helfen einander auch bei der Wohnungssuche und dem Eingewöhnen.

Elsa (European Law Students’ Association) fördert den Austausch zwischen angehenden Juristen und Praktikern. Dafür ruft die Initiative Essay-Wettbewerbe ins Leben und stellt Gruppen mit Studenten und Wissenschaftlern zusammen, die ein Thema erarbeiten.

Sife steht für „Students in free enterprise“ und wurde 1975 in Amerika gegründet. Sife hilft, Kontakte zu Entscheidungsträgern in Unternehmen aufzubauen. Um Hochschulpolitik geht es kaum. Vielmehr möchten die Studenten die an der Hochschule gelernte Theorie in der Praxis anwenden.

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