14.02.2010 · Studentenjobs sind schlecht bezahlt und ziehen das Studium in die Länge - so heißt es oft. Aber sie geben Einblick in die Praxis. Und manchmal kann man sogar 100 Euro in der Stunde verdienen.
Von Insa Schiffmann und Sebastian BalzterJohanna Becker schaut ratlos auf ihren Kontoauszug. Das dicke rote Minus gefällt der Kölner Medizinökonomie-Studentin gar nicht. Kurz vor den Semesterferien ist klar: Abhilfe muss her, oder genauer: Aushilfe. Denn Aushilfsjobs gibt es doch wie Sand am Meer, denkt sie. Aber welcher ist der richtige für mich? Und war da nicht etwas mit 400-Euro-Grenze?
Zwei Drittel der knapp zwei Millionen Studenten in Deutschland arbeiten neben dem Studium. Mehr als die Hälfte von ihnen tun dies der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zufolge, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. 70 Prozent wollen sich demnach etwas Taschengeld dazuverdienen, 57 Prozent geben an, sie seien auf den Nebenjob angewiesen. „Aber auch das Sammeln von Praxiserfahrung ist den Studenten wichtig“, ergänzt Achim Meyer auf der Heyde, der Generalsekretär des Studentenwerks. Egal aus welchem Motiv Studenten arbeiten, ihr Durchschnittsgehalt liegt bei neun bis zehn Euro die Stunde. Meyer auf der Heide weist allerdings auf Ausreißer nach oben und unten hin: BWL-Studenten könnten in Unternehmensberatungen bis zu 100 Euro verdienen, eine Bedienung im Schnellrestaurant womöglich nur fünf Euro die Stunde.
Kellner, Taxi-Fahrer, Verkäufer oder Bürohilfen
Am weitesten verbreitet sind aber noch immer die Klassiker unter den Studentenjobs. 41 Prozent der Befragten sind laut Sozialerhebung als Kellner, Taxi-Fahrer, Verkäufer oder Bürohilfen angestellt. 21 Prozent arbeiten als studentische Hilfskraft, 12 Prozent sind Freiberufler, etwa genauso viele geben Nachhilfe. Auf einen dieser klassischen Jobs vertraut Victoria Wienstroth aus Göttingen. Schon als Schülerin hat sie angefangen zu kellnern. „Wenn man sich nicht ganz dumm anstellt und freundlich ist, sind die meisten Gäste großzügig“, sagt sie. „An guten Tagen kommen gerne mal 20 Euro Trinkgeld zusammen!“ Die Einundzwanzigjährige rät zu etwas edleren Bars und Restaurants. „In Kneipen, in die hauptsächlich Schüler und Studenten gehen, bekommt man einfach nicht so viel Trinkgeld.“ Bewerben sollte man sich ihrer Erfahrung nach zu Beginn oder Ende des Semesters. „Dann gehen viele Aushilfen, weil sie umziehen oder fertig mit dem Studium sind.“
Für einen Nebenjob, der näher an seinem Studienfach ist, hat sich Simon Gaedicke entschieden, der in Freiburg Medizin studiert. Er arbeitet jetzt als Nachtwache im Krankenhaus, für zehn Euro in der Stunde. „Außerdem sammele ich Erfahrung im Umgang mit Patienten - und kann zwischen den Rundgängen sogar noch lernen.“ Aushilfen würden im Krankenhaus immer gesucht, berichtet Gaedicke, der das 60-tägige Pflegepraktikum, das eine Voraussetzung für seinen Job war, schon während seines Freiwilligen Sozialen Jahres abgeleistet hat.
„Es ist riskant, den Berufseinstieg mit Schulden zu beginnen“
Beim Deutschen Studentenwerk registriert man die große Zahl der Nebenerwerbler mit gemischten Gefühlen. Aus Studien gehe hervor, dass ein Student für eine Stunde Arbeit je 30 Minuten Freizeit und 30 Minuten Studienzeit opfere, sagt Achim Meyer auf der Heyde. Ein Studienkredit, der nach dem Abschluss zurückgezahlt werden muss, taugt nach seiner Einschätzung jedoch nur bedingt als Alternative. „Es ist riskant, den Berufseinstieg mit Schulden zu beginnen.“
In der vorlesungsfreien Zeit nehmen sich diesen Ratschlag besonders viele Studenten zu Herzen. Auch wenn Prüfungen und Hausarbeiten seit der Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge deutlich weniger Zeit für Ferienjobs lassen, steigt die Quote der studentischen Nebenerwerbler in den Ferien auf 77 Prozent. Die große Mehrheit von ihnen hat dann fünf oder mehr bezahlte Arbeitsstunden in der Woche; der Anteil derjenigen, die sogar 20 Stunden und mehr in der Woche arbeiten, nimmt gegenüber den Vorlesungsmonaten von 8 auf 32 Prozent zu. Diese Werte hat das Beratungsunternehmen Univativ aus Darmstadt in einer Unicensus genannten Umfrage ermittelt. Mehr als die Hälfte der Befragten gab demnach an, Studium und Job seien schwierig zu vereinbaren - aber zwei Drittel würden nach eigener Auskunft um eines schnelleren Abschlusses wegen nicht auf das eigene Einkommen verzichten wollen. „Unsere Erfahrung ist, dass Studenten, die erfolgreich Projekte in Unternehmen stemmen, auch ihr Studium zügig zum Abschluss bringen“, interpretiert Olaf Kempin, einer der drei Geschäftsführer des Unternehmens die Zahlen. Mit zunehmender Studiendauer wachse die Bereitschaft oder Notwendigkeit zum Nebenerwerb. „Dann werden Studenten dank ihres Know hows auch als Arbeitskräfte für die Unternehmen interessanter“, sagt Kempin.
Ein Werksstudenten-Vertrag kann sich lohnen
Rein rechtlich dürfen Studenten im Semester nicht mehr als 20 Stunden in der Woche arbeiten, sonst verlieren sie Vorteile bei Steuern und Versicherungen. Wer mehr als 8004 Euro im Jahr verdient, erhält außerdem weniger oder gar kein Kindergeld mehr. Für Bafög-Bezieher liegt die Obergrenze bei einem monatlichen Zuverdienst von 401,50 Euro. „Da klingt Schwarzarbeit für viele verlockend“, räumt Meyer auf der Heyde ein. Fliegt die Schummelei auf, müssen aber sowohl Arbeitgeber als auch Beschäftigter nachzahlen.
Wer dagegen auf 400-Euro-Basis jobbt, muss selbst weder Steuern noch Sozialabgaben entrichten und auch keine Lohnsteuerkarte abgeben. Der Arbeitgeber ist jedoch verpflichtet, bestimmte Pauschalen zu zahlen. Für beide kann es sich deshalb lohnen, einen sogenannten Werksstudenten-Vertrag abzuschließen, mit einem Gehalt zwischen 401 und 800 Euro. Zwischen diesen beiden Summen müssen 19,9 Prozent des Bruttogehalts an die Rentenversicherung gezahlt werden, die sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen - 10 Prozent bleiben also beim Werksstudenten selbst hängen. Zugleich erhält dieser aber auch den Anspruch auf Leistungen aus der Versicherung. Die 400-Euro-Grenze sei deshalb ein Mythos, sagt die Lohn- und Gehaltssachbearbeiterin Barbara Seefeld aus Göttingen. „Die Abgaben, die ein Student mit einem Verdienst ab 401 Euro zahlen muss, sind gar nicht so hoch.“
Viele Angebote auf Online-Stellenbörsen
Beschränkt sich die Erwerbstätigkeit auf die Semesterferien, ändern sich Details dieser Regelungen. Aber wo findet man jetzt, kurz vor dem Beginn der Ferien, noch eine einträgliche Stelle? „Es ist noch nicht zu spät“, beruhigt Vivian Winkelmann, die stellvertretende Geschäftsführerin des Hamburger Uni-Marketings. Sie ist für die Online-Stellenbörse Stellenwerk zuständig und berichtet, dass auch jetzt noch täglich 50 neue Angebote von Unternehmen, Privatpersonen oder wissenschaftlichen Einrichtungen freigeschaltet werden. Die Wirtschaftskrise habe sich kaum auf Angebot und Nachfrage ausgewirkt.
Ähnlich wie das Stellenwerk funktioniert die Internet-Plattform Jobmensa. Auf ihr hat sich Johanna Becker aus Köln mit ihrem Profil angemeldet. „Danach wurde mir auch schon die Einladung zum Casting für eine Fernsehshow zugeschickt“, berichtet sie. „Und als sogenannte Reisebegleitung hätte ich 25 Euro die Stunde verdienen können, aber das war mir dann doch zu dubios!“ Stattdessen hat sie sich auf den Aushang in ihrem Lieblingsrestaurant beworben, das Aushilfen suchte. „Kellnern ist, glaube ich, immer noch die beste Wahl“, sagt sie. „Die Arbeitszeiten sind flexibel und wegen des Trinkgeldes ist der Stundenlohn super!“