21.04.2007 · Bummler, Wechsler und Abbrecher will keine Hochschule. Seit die Mittelverteilung von der Zahl der erfolgreichen Absolventen abhängt, testen immer mehr öffentliche Hochschulen ihre Bewerber. Die Privaten tun es längst.
Von Ursula KalsPsychologie ist ein begehrtes Studienfach, die Plätze sind knapp, das Interesse ist bundesweit unverdrossen groß. An der Freien Universität Berlin werden zum neuen Wintersemester im Bachelorstudiengang rund 100 Plätze frei. Die FU rechnet mit 2000 Bewerbern, ist aber gut auf den Ansturm vorbereitet und tut das, was in künstlerischen und sportlichen Fächern - wo Begabung eine große Rolle spielt - ohnehin verlangt wird: Sie führt erstmals einen Eignungstest ein, um Studenten auf ihre allgemeine Leistungsfähigkeit an einer Hochschule zu testen.
Zwei bis drei Stunden werden die Kandidaten dann an der FU am Computer Testfragen beantworten. Das scheint in Anbetracht einer Studienabbrecherquote von rund 22 Prozent in Deutschland eine gute Idee zu sein. „Zumal das Thema Berufswahl in den Schulen viel zu kurz kommt. Ein häufiger Grund, ein Studium abzubrechen, liegt darin, dass die Leute völlig falsche Vorstellungen von beruflichen Perspektiven haben“, sagt Hans-Werner Rückert. Der Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der FU erlebt häufig Studenten, die mit ihrer Fächerwahl scheitern.
Das ist auch ein Problem für die Hochschulen, die inzwischen Prämien dafür bekommen, dass ihre Studenten nach der Regelstudienzeit mit einem Abschluss in der Tasche die Uni verlassen. „Fachwechsler, Abbrecher und Uniwechsler sind also ein Kostenfaktor und schlagen sich in den Budgets der Fachbereiche nieder“, sagt Rückert. Also suchen die Hochschulen auch aus finanziellem Interesse die intellektuell Besten, die Motiviertesten, die Geeignetsten für ihre Studiengänge. Der Berliner Test soll diese Bewerber herausfiltern.
Auch das Abi spielt eine Rolle
Entwickelt hat ihn die Deutsche Gesellschaft für Psychologie, so dass er auch bundesweit einsetzbar ist. Es gibt vier Module: Analytisches Denken, Mathematik und Biologie auf Leistungskursniveau, fachspezifisches Verständnis aus dem Themengebiet Psychologie und Englisch werden geprüft. Die Teilnahmegebühr beträgt 25 Euro. Aus den Testergebnissen wird eine Rangreihe gebildet, bei der auch die Abinote eine Rolle spielt. Was deutlich ist: Es geht ausdrücklich um kognitive Kompetenzen und keinesfalls um einen Persönlichkeitstest, weder soziale Kompetenz noch Kommunikationsfähigkeit stehen im Fokus.
Das Klischee - viele Psychologiestudenten wollten sich eigentlich selbst therapieren - habe sich, so sagt der Psychoanalytiker Rückert, längst als unzutreffend erwiesen: „Die sind stabiler als viele andere. Aber natürlich kennt jeder einen durchgeknallten Psychologen, das ist aber eher eine Abwehrhaltung Außenstehender.“
Test hin oder her. Fakt ist: Die Abiturnote ist nach wie vor der zuverlässigste Prädiktor für den Studienerfolg, „einen besseren haben wir nicht“, sagt Ulrich Heublein vom Hochschul-Informations-System HIS. Aber Ausnahmen bestätigen diese Regel, und durch Tests haben auch Kandidaten mit mittelmäßigen Abschlussnoten eine Chance, genommen zu werden. Das ist ein Argument, das Gert Bruche von der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin nennt, um für den Studierfähigkeitstest seiner Hochschule zu werben und auch skeptische Abiturienten zu überzeugen, die nicht nur mit der 50-Euro-Testgebühr hadern.
„Die Schicksalhaftigkeit der Abinote wird auf diese Weise abgemildert, über den Test hat auch jemand mit 3,0 eine Chance“, erklärt der Dekan des Fachbereichs Wirtschaft. Das Argument kommt an, bestätigt Tobias Michalke, der im vierten Semester „Bachelor of Economics“ studiert und sich bei Kommilitonen umgehört hat. Der Industriekaufmann und Werkstudent hat im Jahr 2005 mit 1,9-Fachabitur, einem Lebenslauf und Motivationsschreiben einen Platz bekommen. Der 25-Jährige findet die Probeaufgaben auf der Homepage (http://www.fhw-berlin.de) fair: „Wer motiviert ist, ein bisschen Gehirnschmalz mitbringt, hat gute Chancen, das zu schaffen.“
„Es geht um die Qualitätssicherung“
Der Hochschulleitung hilft der Test zumindest, ein logistisches und ein finanzielles Problem zu lösen: Es gibt rund 3000 Bachelor-Bewerber für 400 Plätze. Die Mittelverteilung der Hochschulen in der Hauptstadt ist leistungsbezogen, „der Druck wird Jahr für Jahr gesteigert, ein Effizienzindikator ist der Prozentanteil der Studierenden, die in der Regelstudienzeit abschließen“, erklärt Bruche. Der Professor nennt ein weiteres Argument, den Test einzuführen. „Es geht uns generell um eine Strategie einer Qualitätssicherung der Hochschule. Wir sehen den Test als gute Eingangsberatung für Studierende, so können sie sich selber besser einschätzen.“
Dass die FH bei Rankings in den Spitzengruppen mithält, freut den Dekan, führt aber zu einem Bewerberansturm. Als öffentliche Hochschule kann die FH 60 Prozent der Bewerber selbst auswählen, über die Zusage für die anderen entscheiden Abschlussnote und Wartezeit. „Wir werten zu 50 Prozent die Abinote, zu 40 Prozent das Testergebnis und zu zehn Prozent die Englischkenntnisse.“
Die Berliner haben sich mit sieben weiteren Fachhochschulen zusammengeschlossen. Den Test bieten die FHs Hannover, Heilbronn, Pforzheim, Albstadt-Sigmaringen, Neu-Ulm, Augsburg und Deggendorf an. Konzipiert hat den sogenannten fachgebundenen Studierfähigkeitstest ITB Consulting, das Institut hat auch den Medizinertest entwickelt. Am 12. Mai können sich Kandidaten in einer Reihe von Städten zu dem Prüfungsmarathon anmelden und sich dann mit dem Ergebnis bewerben. Auch hier geht es nicht um Wissen, sondern um Fähigkeiten. Bruche nennt die Bereiche: schlussfolgerndes Denken, Textverständnis, Diagrammanalyse, sprachliche Differenzierung. Hinterher werden den Testteilnehmern Stärken und Schwächen erläutert.
Auswahlgespräche seien bei hohen Bewerberzahlen „völlig ausgeschlossen. Das müssten schon Professoren machen und keine Verwaltungsleute; das müsste gerichtsfest dokumentiert sein, das ist keine Option für uns“, erklärt Prorektor Bruche. Bei privaten Hochschulen sind solche Auswahlgespräche hingegen verbreitet. Zum Beispiel bei der Bucerius Law School, Hochschule für Rechtswirtschaft. Hier in Hamburg erwartet interessierte junge Leute ein zweistufiges Auswahlverfahren.
„Das führt zu einer Positivspirale“
Zunächst gibt es einen Multiple-choice-Test, der logische Denkfähigkeit prüft. Beispielsweise gilt es, Statistiken zu interpretieren. Dann folgt ein Aufsatz zu einem vorgegebenen Thema. Punkte gibt es für klug präsentierte Argumente. Die 216 Besten werden dann zum Mündlichen geladen. Sie erwarten drei Aufgaben: ein Kurzreferat, ein Einzelgespräch (Warum ausgerechnet Jura? Warum gerade bei uns?) und eine Gruppendiskussion. Es geht also auch um lautes Denken.
Profilierungssüchtige heimsen Negativpunkte ein. „Rücksichtslose Karrieristen und Bewerber, die Jura aus Verlegenheit studieren wollen, werden ausgesiebt“, betont Geschäftsführer Hariolf Wenzler. In der Kommission sitzen einige der 17 Professoren, Geschäftsführer, Journalisten und eine Pastorin, ihnen gehe es um soziale und kommunikative Kompetenzen und nicht um die Auswahl zurückgegelter Schnöselstudenten. Und um Können: 80 Prozent der Studenten machen nach zwölf Trimestern ein Prädikatsexamen. In diesem Jahr gibt es 570 Bewerber, 100 werden genommen. Zwei Vorteile sieht Wenzler im Auswahlverfahren. „Zum einen halten wir die Abbrecherquote und unser finanzielles Risiko gering. Zum zweiten stellen wir damit sicher, dass unsere Studenten überdurchschnittlich gute Examensergebnisse erreichen.“ Das führe zu einem guten Ruf, guten Bewerbern, eben zu „einer Positivspirale“.
Ähnlich verfährt die WHU, die Otto Beisheim School of Management. In Vallendar bei Koblenz wird Wert auf die „soziale und emotionale Intelligenz“ gelegt. Seit 22 Jahren betreibt die Hochschule ein aufwendiges Bewerbungsverfahren. „Wir wollen Leute ausbilden, die in der Lage sind, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen“, sagt Prorektor Jürgen Weber. Natürlich, so erklärt der Professor, spiele die Abiturnote eine erhebliche Rolle. Aber in einem Telefoninterview zum Lebenslauf haben auch 2,5er-Abiturienten eine Chance.
Eingeladen werden 170 Bewerber zu einer Art Assessmentcenter, genommen werden 85. Nämlich diejenigen, „die eine Idee von ihrem Leben haben“. Die sich teamorientiert verhalten, in der Gruppendiskussion keine Hahnenkämpfe aufführen, sich nicht selbst produzieren, sondern anderen etwas vermitteln. „Je weiter das vorgegebene Thema weg ist vom Kern der Ökonomie, desto besser ist die Aussagekraft. Wir beobachten die Leute in sehr unterschiedlichen Rollen.“ Wir, das sind Geistliche, Gewerkschafter, Finanzvorstände und Ehemalige. „Wir schaffen es nicht, jeden Opportunisten herauszufiltern, aber die werden dann üblicherweise in der Gruppe im Studium geschliffen.“
22 Prozent gehen ohne Abschluss
-Von den 9000 Studiengängen in Deutschland hat knapp die Hälfte ein hochschuleigenes Auswahlverfahren, Tendenz steigend (mehr unter www.hrk.hochschulkompass.de). Zwei Drittel aller Studienanfänger haben sich direkt an der Hochschule beworben. Inzwischen können sich die Hochschulen 60 Prozent ihrer Bewerber nach eigenen Kriterien aussuchen.
-22 Prozent aller Studenten in Deutschland brechen ihr Studium ab. Bei den Unis sind es 24 Prozent, bei den Fachhochschulen 17 Prozent. Die Studienabbrecherquote in führenden Industrienationen beträgt laut OECD 30 Prozent.
-In den Sprach- und Kulturwissenschaften verlassen 32 Prozent aller Studenten die Uni ohne Abschluss, in den Wirtschaftswissenschaften 31 Prozent, in den Ingenieur-, den Naturwissenschaften und der Mathematik sind es 28 Prozent. Bei den Juristen gehen 12 Prozent ohne Examen. Am erfolgreichsten sind die Mediziner: Hier gehen nur 8 Prozent ohne Abschluss.
-Ulrich Heublein vom Hochschul-Informations-System, HIS, nennt Gründe für den Abbruch: mangelnde Kenntnis der eigenen Fähigkeiten, keine wirkliche Vorstellung des Faches und eines späteren Berufs.
Ursula Kals Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.
Jüngste Beiträge