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Studenten coachen Hauptschüler Wie große Geschwister

Was haben Studenten und Hauptschüler gemeinsam? Mehr, als man erwartet. Beide Seiten können sogar voneinander profitieren. Das zeigen etliche Coachingpaare.

© Tresckow Vergrößern

Artjom Frick ist neunzehn Jahre alt. Der schlanke Mann trägt das T-Shirt bequem über der Jeans. Sein Pony endet knapp über freundlich blickenden Augen. Auch Tobias Knoll ist ein angenehmer Zeitgenosse. Seine Haare hat der Vierzehnjährige sorgfältig nach oben gegelt. Das schwarze T-Shirt steckt in einer weißen Hose. Vor einem halben Jahr haben sich die beiden zum ersten Mal gesehen und schnell gemocht. Das war auf einer „Matchingveranstaltung“, auf der Schüler und Studenten als Coachingpaare zusammenfinden sollten. Seitdem treffen sie sich jede Woche für ein paar Stunden. Artjom sei sein Coach, sein Trainer, sagt Tobias. Das gefällt ihm: Trainer kennt er aus dem Fußball. Die beiden waren auf der Frühjahrsmesse und Minigolf spielen. Artjom hat Tobias geholfen, eine Bewerbung zu schreiben, und war auch schon bei ihm zu Hause. „Wir reden über die Schule, aber auch über private Dinge, zum Beispiel wenn es Probleme in der Familie gibt“, erzählen die zwei Kasseler.

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Artjom und Tobias ist offenbar gelungen, was die Voraussetzung für ein erfolgreiches Coaching ist: Sie haben ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. So nahe wären sich der Student der Psychologie und der Hauptschüler wohl niemals gekommen, gäbe es nicht „Rock your life“. Das ist ein von Friedrichshafener Studenten vor knapp drei Jahren gegründetes soziales Franchise-Unternehmen; es bringt Studierende mit Hauptschülern zusammen und bildet die Studenten zu Coaches aus. Inzwischen gibt es „Rock your life“ schon an 15 Hochschulstandorten in Deutschland. Dort existieren rund 400 Coachingbeziehungen zwischen je einem Schüler und einem Studenten. Damit handelt es sich um die größte studentische Organisation, die sich dem Coaching von Schülern verschrieben hat. Seit kurzem hört man auch von anderen studentischen Initiativen, die sich der Förderung von Hauptschülern und manchmal auch von Auszubildenden widmen.

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Anfragen aus zwanzig weiteren Hochschulstädten

Stefan Schabernak, einer der Gründer von „Rock your life“, freut sich über das große Interesse von Studenten aus allen Fachrichtungen. An den bestehenden Standorten sei die studentische Nachfrage oft so hoch, dass sie gar nicht so rasch befriedigt werden könne. Auch habe man bereits Anfragen aus zwanzig weiteren Hochschulstädten erhalten, sagt er. Schabernak ist überzeugt, dass vom Coaching nicht nur die Schüler, sondern auch die Studenten profitieren. „Sie erleben, dass ihr Engagement einen Unterschied im Leben eines Menschen macht“, sagt der Student der Wirtschaftswissenschaften. Die Wirkungen des Coachings lässt „Rock your life“ gerade von Wissenschaftlern evaluieren. Doch zeigten die Indikatoren schon bisher in die richtige Richtung, sagt Schabernak. Coaching sei weit mehr als Nachhilfe, erklärt der Dreiundzwanzigjährige. Die Studenten begleiteten die Schüler in den letzten beiden Schuljahren, um mit ihnen gemeinsam herauszufinden, was ihre Stärken, ihre Schwächen, ihre Träume seien. „Das Ziel des Coachings ist erreicht, wenn der Schüler nach der Hauptschule so weit reflektiert ist, dass er weiß, was er mit seinem Leben machen will.“

Doch leben Studenten und Hauptschüler nicht in ganz verschiedenen Welten und haben kaum Berührungspunkte? Das Gegenteil sei der Fall, sagt Schabernak. „Sie befinden sich in einem ähnlichen Lebensabschnitt.“ Sowohl die Schüler als auch die Studenten wüssten oft noch nicht, was sie nach der Schule beziehungsweise dem Studium machen sollten. „Das Coaching bringt die Studenten dazu, sich mit ihrer eigenen Zukunft strukturiert, offen und ehrlich auseinanderzusetzen“, weiß Schabernak.

Die ersten zwei Coachingbeziehungen scheiterten

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Veröffentlicht: 17.06.2011, 06:00 Uhr