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Stress im Studium Erste Hilfe gegen den Klausurenschock

11.04.2009 ·  Kürzeres Studium, mehr Prüfungen: Die Bachelor-Studiengänge bringen viele Studenten an ihre Grenzen. Der Stress ist jedoch oft hausgemacht. Experten raten deshalb zu mehr Gelassenheit - und zu den Beratungsangeboten der Hochschulen.

Von Nina Trentmann
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Die Semesterferien sind fast zu Ende, an manchen Hochschulen haben die Vorkurse und Orientierungsphasen für Studienanfänger schon begonnen. Nur noch drei Monate, dann stehen für sie die ersten Klausuren im Kalender, und zwar nicht mehr nur zwei oder drei, wie es für Erstsemester früher die Regel war. Viele Bachelor-Studenten erleben zum Semesterende vielmehr einen wahren Klausurenschock. Zehn oder mehr schriftliche Prüfungen sind keine Seltenheit. Dazu kommt: Nur bestehen - nach dem Motto „4 gewinnt“ - reicht nicht mehr. Denn da jede Note in die Abschlussnote einfließt, herrscht von Anfang an ein höherer Leistungsdruck als in den alten Diplom- und Masterstudiengängen. „Es ist schon sehr stressig“, sagt etwa Christine Strotmann, die für Germanistik und Geschichte eingeschrieben ist. „Bei jeder schlechten Note rechne ich gleich nach und fürchte um meinen Schnitt.“

Die 21 Jahre alte Studentin absolviert zurzeit ein Auslandssemester am Trinity College in Dublin, eingeschrieben ist sie in Münster. Sie ist ehrgeizig und hat viel vor, nach dem Bachelor will sie einen Master in „Kultur und Geschichte Mittel- und Osteuropas“ machen, den jedoch nur fünf Universitäten in Deutschland anbieten. Daher ist es für sie besonders wichtig, den von diesen Universitäten geforderten Notendurchschnitt zu schaffen. So wie ihr geht es vielen Kommilitonen, die unter der Prüfungsdichte leiden oder mit zu hohen Erwartungen ins Studium gegangen sind. Dass die Beratungsstellen an den Hochschulen in dieser Situation steigenden Zulauf verzeichnen, ist nicht unbedingt eine schlechte Nachricht - zeigt es doch, dass die Studenten dem Expertenrat folgen, sich Unterstützung von außen zu holen, um ihr Studium sinnvoll planen und strukturiert lernen zu können.

Die Intensität hat zugenommen

Im Kampf mit ihrem inneren Schweinehund befanden sich viele Studenten zwar immer schon, Klausuren und Hausarbeiten, Lernpläne und Zeitmanagement gab es auch schon in den Diplom- und Magister-Studiengängen. Aber die Intensität hat zugenommen. „Die straffe Struktur der Bachelor-Programme verschärft die Problemlagen“, sagt Florian Reß. Er arbeitet als „Work-Life-Berater“ an der Universität Augsburg, die ihre Studenten seit 2007 mit der sogenannten „Study Work Life“- Beratung unterstützt. Die Zahl der Beratungsanfragen nehme seither stetig zu, sagt Reß.

„Die Nachfrage hat zugenommen, und die Klientel ist jünger geworden“, berichtet auch Jürgen Messer von der Psychosozialen Beratungsstelle der Universität Mannheim. „Es werden immer häufiger Entscheidungsprobleme und Existenzängste als Anlass des Kommens genannt“, sagt der Diplom-Psychologe. Er bietet spezielle Lernkurse an, die auf die Anforderungen der Bachelor-Studenten zugeschnitten sind. Auch die Universität und das Studentenwerk Oldenburg haben in ihrer Psychosozialen Beratungsstelle neue Unterstützungsangebote aufgelegt. „Starker Start“ richtet sich zwar an alle Studenten, trägt aber der Notwendigkeit Rechnung, dass sie gerade in den Bachelor-Studiengängen vom ersten Tag an vorbereitet sein müssen. Gruppen- und Einzelcoachings sollen den Studenten das Rüstzeug für die ersten Wochen und Monate an der Hochschule vermitteln, ein mentales Training ihre Nerven entspannen.

Derselbe Stoff in weniger Zeit

Christine Strotmann hat die Startphase schon hinter sich. Jetzt ist 2,5 für sie die alles entscheidende Zahl - das ist der Notenschnitt, den sie für ihren Wunsch-Master erreichen muss. Zurzeit werden zwar viele Studienplätze in den Master-Programmen noch gar nicht abgerufen, manche Universitäten berichten von Überkapazitäten von bis zu 50 Prozent. Dennoch gelten vielerorts strenge Aufnahmebedingungen. Manche Hochschulen lassen sich aber auch auf flexible Lösungen ein. Die Universität Oldenburg etwa gibt Lehramtsstudenten die Möglichkeit zu einer pädagogischen Zusatzprüfung, sofern ihr Notendurchschnitt unter 2,5 liegt. „Wer die Prüfung besteht, kann auf diesem Weg zum Master-Studium zugelassen werden“, erklärt Wilfried Schumann, der Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle. Die niedersächsische Universität kommt auch den Studenten entgegen, die länger als die als Regelstudienzeit festgelegten sechs Semester brauchen, um die vorgeschriebenen Credit Points zu sammeln und ihre Bachelor-Arbeit zu schreiben. „Diese Studenten können in ihrem ersten Master-Semester die Arbeit fertigstellen“, sagt Schumann. Nachdem die ersten Jahrgänge ihre Erfahrungen mit den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen gesammelt haben, zeigen sich nach seiner Einschätzung auch andere Hochschulen ähnlich kooperativ. „Für die Studenten ist die Situation jetzt deutlich entspannter.“

Noch immer gilt aber, dass in vielen Bachelor-Studiengängen in weniger Zeit derselbe Stoff gelernt werden soll wie in den alten Studiengängen. Eine Beispielstudie der Universität Potsdam etwa zeigt, dass viele Bachelor-Studenten statt der idealtypisch vorgesehenen 40 Wochenstunden 50 Stunden brauchen, um ihr Pensum zu erfüllen. Eine Gruppe um den Erziehungswissenschaftler Wilfried Schubarth stellte außerdem fest, dass „vermehrte Anforderungen im Vergleich zu den alten Studienstrukturen“ vorhanden sind.

Die Abbrecherquote liegt bei knapp 30 Prozent

Pointierter formuliert Rainer Holm-Hadulla, der ärztliche Leiter des Psychotherapeutischen Beratungsservice an der Universität Heidelberg, was in manchen Bachelor-Studiengängen schiefläuft: „Der Druck wird größer, die Leistung geringer.“ Dabei komme die stärkere Verschulung der Bachelor-Studiengänge einigen Studenten durchaus entgegen. „Überorganisation, die kreative Freiräume verstellt, kann die Motivation schwer beschädigen“, sagt Holm-Hadulla. „Eine fest strukturierte Organisation kann jedoch für Studierende, die selbständiges Lernen und Arbeiten in der Schule nicht gelernt haben, ein Segen sein.“

Dennoch ist die Abbrecherquote in den Bachelor-Studiengängen einer Studie des Unternehmens Hochschul-Informations-System (HIS) zufolge mit durchschnittlich knapp 30 Prozent deutlich höher als in Studiengängen mit anderen Abschlüssen. Allerdings lässt sich auch diese Statistik von zwei Seiten betrachten. Die Zahl der Abbrecher im Maschinenbau und in den Ingenieurwissenschaften ist zwar gerade an den Fachhochschulen gestiegen. Gleichzeitig sank aber die Zahl der Abbrecher in den Sprach- und Kulturwissenschaften. „Die Quoten sind immer noch überdurchschnittlich hoch“, kommentiert Ulrich Heublein vom HIS die Studie. „Dennoch sehen wir erstmals seit der Einführung der Bachelor-Studiengänge einen Rückgang.“ Schon in den alten Studiengängen sei der Lernumfang in den Ingenieur- und Naturwissenschaften besonders groß gewesen. „Jetzt haben wir die knallharten Anforderungen und eine sehr frühe Leistungsabfrage.“ Für die Auffrischung mangelnder Kenntnisse bleibe zudem im Semester selbst nur wenig Zeit. Heublein empfiehlt Studienanfängern deshalb, sich schon vor dem ersten Vorlesungstag genau über die Anforderungen zu informieren und Wartezeiten vor dem ersten Semester für die Vorbereitung zu nutzen. Einige Hochschulen wie die RWTH in Aachen bieten inzwischen auch Selbsttests an, mit denen Studieninteressierte im Internet überprüfen können, ob ihr Wissensstand für das Wunschfach ausreicht.

Bloß nicht zu hohe Erwartungen haben

Doch selbst ein gutes Abitur ist keine Garantie für ein entspanntes Bachelor-Studium, im Gegenteil. Neben den Studenten, die sich ihren Lebensunterhalt zwischen Vorlesung und Klausur selbst verdienen müssen, scheitern besonders häufig diejenigen, die zu hohe Erwartungen an ihre eigene Leistungsfähigkeit stellen. „Viele unserer Studenten in den Wirtschaftswissenschaften kommen mit einem weit überdurchschnittlichen Abitur“, berichtet etwa Jürgen Messer, der Studentenberater aus Mannheim. „Aber es gelingt ihnen trotz beständigem Lernen kaum, den Schnitt zu halten.“

Das Phänomen kennt auch Messers Oldenburger Kollege Wilfried Schumann aus seinen Beratungsgesprächen. Er empfiehlt deshalb mehr Gelassenheit: „Man muss nicht jedes Buch können, das auf der Literaturliste steht. Mut zur Lücke ist mein Hauptcredo.“ Dem Rat zu folgen fällt Christine Strotmann schwer. Denn dadurch, dass alle Bachelorstudenten dieselben Veranstaltungen besuchen und zur selben Zeit fertig sein sollen, wächst der Konkurrenzdruck: Was hat die Tischnachbarin gelernt? Und was hat der Mitbewohner für eine Note geschrieben? „Viele verfallen unnötig in Hysterie“, hält Wilfried Schumann diesem Befund entgegen. „Beim Marathon können doch auch nicht alle zur selben Zeit ins Ziel laufen.“

Trau, schau, wem

- Einen Überblick über den Zugang, die Finanzierung und die Abschlüsse der Studiengänge à la Bologna gibt die Hochschulrektorenkonferenz im Netz unter: www.hrk-bologna.de

- Wer sich für technische Fächer interessiert, kann sich auf den Prüfstand der RWTH Aachen im Internet stellen: www.assess.rwth-aachen.de

- Auch die Uni Bochum bietet ein Online-Assessment an unter: www.ruhr-uni-bochum.de/borakel

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