26.06.2008 · Wer Studium und Sport unter einen Hut bekommen will, hat oft mehr als nur ein Zeitproblem. Mit Stipendien kommen junge Sportler weiter - im Glücksfall bis nach Florida. Manchmal genügt dafür schon Landesliga-Niveau.
Von Niklas SchenckSchule und Sport, das passte für Pia Sösemann nicht immer zusammen. Mit "mal wieder" gebrochenem Schlüsselbein saß die 19 Jahre alte Berlinerin zuletzt über ihren Lateinbüchern fürs Abitur, für Fußball blieb selten Zeit. Dabei warteten Angebote aus der Regionalliga auf die talentierte Stürmerin. Schon fürchtete sie, auch nach dem Abitur mit der Kombination aus Uni, Fußball und dem unvermeidbaren Nebenjob überfordert zu sein. Jetzt hat sie eine elegante Möglichkeit gefunden, Studium und sportlichen Ehrgeiz zu verbinden: Pia Sösemann bekommt ein Vollstipendium der St. Leo University in Florida - als Landesligaspielerin.
"Um ein Stipendium zu bekommen, muss man nicht so hochklassig spielen, wie viele glauben. Beim Tennis reicht oft schon Verbandsliga, im Fußball Landesliga, beim Golf Handicap 10", sagt Philipp Liedgens von der Agentur Sport Scholarships aus München. Frauen hätten es zudem einfacher als Männer, weil amerikanische Universitäten für sie exakt gleich viel Geld ausgeben müssten wie für die teuren Männerteams in Basketball, Baseball und Football. Aber auch Männer werden bisweilen von ihrem Glück überrascht und erhalten üppige Stipendien.
Zweimal täglich Training, per Flugzeug zum Spiel
So auch Timo Förster, für den Anfang August die Saisonvorbereitung an der University of South Carolina Upstate in Spartanburg beginnt - dafür pausiert sein Wirtschaftsstudium, noch bevor es richtig anfängt. Assistenzcoach Gary Lynch erstellte Förster einen elfwöchigen Trainingsplan, während der Saison wird zweimal täglich trainiert, und zu den Spielen am Wochenende geht es dann im Flugzeug.
"Das kommt mir alles noch sehr irreal vor", sagt Förster, der längst nicht mehr davon träumte, eines Tages mit Fußball Geld zu verdienen. Als er nach der B-Jugend bei der Sichtung des SC Freiburg durchfiel, wechselte er als Sechzehnjähriger nach Oberkirch in eine Männermannschaft - in die badische Landesliga, das reichte. Jetzt hat ihn der Ehrgeiz wieder gepackt: "Ich will wissen, was ich unter professionellen Bedingungen aus mir rausholen kann." Die hat er in Spartanburg: Drei Ärzte, ein Fitnessstudio, vier Trainer - "die Uni schafft ein Umfeld wie Vereine in der englischen Premier League", sagt Förster. Co-Trainer Lynch flog eigens nach Deutschland, um ihn spielen zu sehen, sprach mit der Familie, mit dem Trainer, mit Förster selbst. 23.000 Euro kosten Studiengebühren, Wohnung und Verpflegung im Semester, davon muss Förster nur 1000 selbst aufbringen. Das lässt seine Kumpel in Mittelbaden vor Neid erblassen: "Die wollen mich besuchen, um sich selbst für Stipendien ins Gespräch zu bringen." Lynch hat neben Förster noch etliche Engländer und einige Afrikaner geholt - die neue Mannschaft soll endlich erfolgreich spielen, denn im bisherigen Saisonverlauf in der Atlantic Sun Conference hat es für das Team gerade mal zu drei Siegen in neun Spielen gereicht.
Vorbereitung auf Costa Rica - ein Traum
Nicht selten sind die deutschen Spieler Gold wert für ihre Teams. Jörg Bergmann wurde mit dem Berry College in Georgia auf Anhieb Meister, mit der besten Bilanz der Teamgeschichte. "Wir haben hier zwar ähnlich starke Spieler, aber Jörg ist in einer Kultur aufgewachsen, wo er von Fußball umgeben ist, er hat einfach mehr Spielverständnis", sagt sein Trainer Richard Vardy. Dreizehn Deutsche spielten schon in Berry, im nächsten Jahr kommen wieder zwei. "Die Jungs sind sportlich und akademisch gut vorgebildet, zielstrebig und unabhängig. Die sehen das nicht als bezahlten Urlaub, sondern wollen Erfolg haben." Dennoch, in seinen ersten zwei Wochen fuhr Bergmann gleich ins Trainingslager nach Costa Rica - wohl kein Urlaub, aber dennoch ein Traum, schnell vergessen das Angebot einer Uni auf Hawaii, das er ausgeschlagen hatte. Es dauerte einige Wochen, bis sich Bergmann an die amerikanische Spielweise gewöhnt hatte. "Robustheit und gute Kondition sind hier wichtiger als spielerische Qualitäten", sagt er. In einem Video für die Agentur von Philipp Liedgens jonglierte er den Ball, stellte Spielzüge mit Freunden nach, filmte Torschüsse und ein Meisterschaftsspiel, das sein Klub 7:1 gewann. Liedgens half dann, die skeptischen Eltern zu überzeugen.
In Berry sind die Stipendien für Ausländer Programm: "So schaffen wir Vielfalt auf dem Campus. Der ganze School Spirit lebt von erfolgreichem Sport", sagt Vardy. Auch für die Vermarktung der Universität seien die Erfolge der eigenen Mannschaft unerlässlich. Dass Vardy sogar Landesligaspieler verpflichtet, ist eine Folge des strengen amerikanischen Amateurstatuts, das auch den beiden deutschen Basketballspielern Fabian Böker und Lucca Steiger zum Verhängnis wurde. Die Collegeliga NCAA sperrte sie wegen vermeintlichen Profi-Status für ein Jahr, obwohl sie bei ihren Einsätzen für den Zweitligaklub Erdgas Ehingen nicht bezahlt worden waren. Der Tennisspieler Andreas Dimke bekam damit keine Probleme, auch wenn er "immer mal wieder ein paar hundert Euro" bei Turnieren gewonnen hatte. Der Nürnberger wurde gleich in seiner ersten Saison an der University of Missouri als bester neuer Spieler der Liga ausgezeichnet. Sein Bruder hatte als Austauschschüler in Idaho gegen den Staatsmeister gespielt, der nachher ein gutes Tennisstipendium bekam. "Den hättest du geschlagen", sagte er zu Andreas, der sich umgehend in Missouri bewarb. Nur eines ist dort für ihn nicht immer positiv: das Niveau auf dem Tennisplatz. "Ich dachte eigentlich, dass ich mir einen Platz im Team erkämpfen muss. Nun spiele ich an Position eins und kann mich kaum verbessern." Sei's drum, Dimke nutzt das Stipendium für akademische Höhenflüge, die für ihn andernfalls unbezahlbar blieben.
Westernreiter? Zaubern können wir nicht
Sogar Westernreiter und Alpinskifahrer hat Philipp Liedgens schon in die Vereinigten Staaten vermittelt. Manchmal rufen Kreisligakicker bei ihm an, die am liebsten nach Yale oder Harvard wollen. "Zaubern können wir auch nicht, Nordamerika ist fußballerisch längst kein Entwicklungsland mehr", sagt er und lacht. Um ein Stipendium zu bekommen, müsse man zu den besten fünf Spielern einer Mannschaft gehören, sonst könne kein Trainer das viele Geld rechtfertigen, das ausländische Spieler kosten.
Pia Sösemann hofft, nach vier Jahren intensiven Trainings in Florida auch in Deutschland in eine der höchsten Ligen vorzustoßen. Ihre Freunde sind da skeptisch - und zwar nicht, weil sie es ihr sportlich nicht zutrauen: "Die behaupten, dass ich am Ende meinen Master in den USA dranhängen, heiraten und für immer dort bleiben werde."