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Unbekannte Förderprogramme : Stipendiaten auf Schatzsuche

  • -Aktualisiert am

Bibliotheken der Gegenwart, der Vergangenheit. Bild: dpa

Stipendien für Studenten gibt es jede Menge. Viele werden allerdings nur selten abgerufen, weil potentielle Kandidaten von ihnen gar nichts wissen - oder weil sie nur dort anfragen, wo sie die geringsten Chancen haben.

          Der Traumkandidat für ein Stipendium sitzt vormittags im Hörsaal und schreibt fleißig mit, was der Professor vorträgt. Er besteht seine Prüfungen mit Bestnoten, trainiert nachmittags im Sportverein ehrenamtlich Kinder und Jugendliche und trifft sich abends mit anderen Studenten in einem Debattierclub. Ist er Architekturstudent, interessiert er sich auch für Politik, Religion und Mathematik. Beschäftigt er sich in seinem Studium mit Literatur, brennt er abseits der Uni für Astronomie, Wirtschaft und Quantenphysik.

          Die meisten Studenten bewerben sich bei einem der sogenannten zwölf Begabtenförderungswerke um ein Stipendium, zu denen etwa die „Studienstiftung des deutschen Volkes“ und die parteinahen Stiftungen gehören. Sie haben eines gemeinsam: Sie honorieren vor allem herausragende Leistungen.

          Die Erfolgschancen sind entsprechend gering. Die Studienstiftung des deutschen Volkes setzt beispielsweise nicht nur ausgezeichnete Leistungen voraus, sondern achtet auch auf gesellschaftliches Engagement - und sucht vor allem nach jungen Menschen, „von denen nach ihrer Begabung und Persönlichkeit besondere Leistungen im Dienst der Allgemeinheit zu erwarten sind“. Die Auswahlverfahren sind dementsprechend anspruchsvoll. Und die Erfolgschancen gering.

          Ein Stipendium für jüdische Gesangsstudenten aus Mainz

          Dabei gibt es etliche Stiftungen, die ganz andere Profile suchen. Die „Emil-Freiherr-Marschalk-von-Ostheim’sche-Stiftung Bamberg“ beispielsweise vergibt ausschließlich Reisestipendien an Künstler und Wissenschaftler, die unter 30 sind und aus Franken oder dem Gebiet der ehemaligen Grafschaft Henneberg stammen. Andere Voraussetzungen gibt es nicht. Auch die „Parcham’sche Stiftung zu Lübeck“ nimmt nicht nur Überflieger an: Ihr Gründer, der kinderlose Lübecker Ratsherr Henning Parcham, überließ laut Testament sein Gut einer Stiftung, die Studenten aus Lübeck finanziert.

          Ein Herz für Lübecker hat auch die „Anton und Helene Zerrenner Stiftung“, von der es nicht einmal einen Online-Auftritt gibt: Sie fördert Studenten aus Lübeck, die in Berlin studieren. Es gibt Stipendien für jüdische Gesangsstudenten aus Mainz, Stipendien für Studenten, die sich in ihren Abschlussarbeiten mit Wohnraumkultur auseinandersetzen, Stipendien für Kinder bayrischer Ärzte.

          Sie alle haben eines gemeinsam: „Es gibt kein professionelles Marketing, keinen großen Bekanntheitsgrad und nur einen sehr kleinen Kreis von Studenten mit passenden Profilen“, sagt Mira Maier. Die Absolventin der Uni Witten/Herdecke hat sich jahrelang mit Stipendien beschäftigt und gemeinsam mit ihrem Team zwei Plattformen gegründet, die beiden Seiten das Zusammenfinden erleichtern soll. „Die meisten Stiftungen haben nur sehr wenige Bewerber. Wer dem Gesuchten entspricht, hat dementsprechend gute Chancen“, sagt Mira Maier.

          80.000 Nutzer monatlich auf der Seite

          Gerade für Arbeiten mit spezifischen Themengebieten gibt es unzählige Stiftungen. Die „Letter Stiftung“ beispielsweise vergibt jährlich das August-Hoff-Stipendium, bei dem wissenschaftliche Arbeiten zu Künstlern und kunsthistorischen Zusammenhängen finanziert werden. Voraussetzung: Das Thema sollte bisher nicht oder nur wenig erforscht sein. Wer sich in seiner Arbeit dem deutschen Philosophen Jakob Friedrich Fries widmet, hat gute Chancen auf ein Stipendium bei der „Fries-Stiftung“. Archäologiestudenten, die sich mit Funden aus Sachsen-Anhalt beschäftigen, können sich um ein Danneil-Stipendium bewerben - und maximal zwei Jahre lang monatlich 900 Euro erhalten.

          Mira Maier hat schon vor einigen Jahren die Plattform „Mystipendium.de“ gegründet, die aus rund 2100 Stipendien auf Grundlage einer Suchanfrage die individuell passenden herausfiltert. Bisher nutzen rund 80.000 Nutzer monatlich die Seite, um ein passendes Stipendium zu finden. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert die Seite „e-fellows.net“, die mit 200 Hochschulen und 20 Unternehmen kooperiert und nicht nur Stipendien vermittelt, sondern auch selbst vergibt.

          Neu am Markt ist die EU-weite Plattform „European-funding-guide.eu“, die aus rund 12.000 Programmen mit einem Gesamtwert von 27 Milliarden Euro je nach Suchkriterien die passenden heraussortiert. Im ersten Monat haben bereits 145.000 Nutzer monatlich die Datenbank durchsucht - der Bedarf ist also riesig. Das System funktioniert so: Studenten füllen die jeweilige Suchmaske aus und geben ihr Studienfach, ihre Universität und weitere persönliche Merkmale wie finanzielle Bedürftigkeit an. Auf dieser Grundlage filtert die Suchmaschine dann etwa zehn bis 15 Programme heraus.

          Auch ein schwedisches Möbelhaus hat ein Stipendium

          Für die stattliche europäische Datenbank hat Mira Maier zusammen mit ihrem Team etwa ein Jahr lang EU-weit alle Universitäten und die meisten großen Unternehmen kontaktiert und sämtliche Programme zusammengestellt. „Es gibt sehr viele Angebote, die auch für deutsche Studenten interessant sein könnten“, sagt sie. Viele europäische Unis finanzieren Abschlussarbeiten, Reisen, Praktika - in Deutschland oder im Ausland. Andere fördern wissenschaftliche Arbeiten, sofern sie sich mit bestimmten Themengebieten auseinandersetzen. Oder sie unterstützen bei Auslandssemestern, sofern sich Studenten in dieser Zeit mit speziellen Forschungsbereichen beschäftigen, die dem jeweiligen Stipendiengeber wichtig sind.

          „Bei vielen kleineren Stiftungen hat der Geldgeber ein bestimmtes Ziel, was er fördern möchte“, sagt Mira Maier. Gerade Einzelpersonen förderten tendenziell Studenten, die ihnen ähnlich sind, die zu ähnlichen Minderheiten gehören oder einen ähnlichen Lebensweg haben. „So kommt es dann zu vielen kleinen Stiftungen, die ganz enge Auswahlkriterien haben - und bei denen die Chancen besonders groß sind, eine Zusage zu ergattern.“ Grundsätzlich lassen sich Stipendiengeber in verschiedene Kategorien teilen: Die meisten größeren Unternehmen vermitteln Stipendien an Studenten - vorausgesetzt, dass diese sich mit Themen befassen, die dem Unternehmen wichtig sind.

          Ein Beispiel: Die „Ikea-Stiftung“ fördert Abschlussarbeiten, die sich mit den Themen Wohnen, Wohnumfeld und Wohnkultur befassen. Wer eine Zusage erhält, bekommt ein halbes Jahr lang 500 Euro monatlich. Andere Unternehmen bieten Stipendien an, um potentielle Mitarbeiter möglichst früh für die Firma zu gewinnen, oder - wenn es sich eher um Mittelständler handelt - um bekannter zu werden. Bei Stipendien von größeren Unternehmen ist mitunter Vorsicht geboten: Einige größere Firmen verpflichten ihre Stipendiaten dazu, entweder schon während der Förderung oder direkt im Anschluss für das Unternehmen zu arbeiten.

          90 Prozent bewerben sich fast schon aussichtslos

          Grundsätzlich gilt: Die meisten Geldgeber - Unternehmen im Besonderen - erwarten von ihren Stipendiaten Gegenleistungen. Das können regelmäßige Berichte über die Verwendung des Geldes oder den derzeitigen Forschungsstand sein, aber auch Gespräche mit Mentoren oder die Teilnahme an Seminaren und Tagungen. Es gibt eine ganze Reihe von Stiftungen, die ihre Gelder gar nicht vollständig ausgeben können, weil sie schlicht zu wenige passende Bewerbungen erhalten.

          Wie viele Stiftungen das tatsächlich betrifft, wird statistisch zwar nicht erfasst - aber im Schnitt ist es jede fünfte, schätzt Mira Maier. „Immer noch bleibt jedes Jahr viel Geld auf der Straße liegen.“ Besonders gute Chancen auf eine Zusage für ein Stipendium haben Studenten, wenn sie bedürftig sind, eine chronische Krankheit haben oder hervorragende sportliche Leistungen aufweisen können, wenn sie Waise oder Halbwaise sind. Für alle anderen gilt: Je genauer ein Bewerber die Suchkriterien einer kleineren Stiftung erfüllt, desto größer sind seine Erfolgschancen.

          Wer sich bewirbt - egal, ob bei einem Begabtenförderungswerk oder einer kleinen unbekannten Stiftung -, hat im Schnitt zu 41 Prozent die Chance auf eine Zusage. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach. Allerdings wären die Chancen vermutlich deutlich besser, würden Studenten sich nicht größtenteils um die zwölf bekanntesten Stipendiengeber bemühen. „Über 90 Prozent derjenigen, die sich um ein Stipendium bewerben, versuchen es gerade mal bei einem Prozent aller Stiftungen“, sagt Mira Maier.

          Was daraus folgt, ist keine Überraschung: „Dort liegen die Erfolgsquoten dann bei gerade mal zehn Prozent.“ Wer eine finanzielle Unterstützung für sein gesamtes Studium sucht, wird es etwas schwerer haben als jemand, der bei einer Abschlussarbeit gefördert werden möchte, der Geld für einen Auslandsaufenthalt sucht oder bei einem bestimmten Forschungsprojekt Hilfe braucht. Viel Ausdauer führt allerdings in den meisten Fällen zum Erfolg, so Mira Maier: „Wer genau sucht, findet fast in jedem Fall etwas Passendes.“

          Allein in der Europäischen Union schütten derzeit 12 000 Geber insgesamt 27 Milliarden Euro aus.

          Quelle: F.A.Z.

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