05.04.2009 · Zwei Prozent der Studenten in Deutschland erhielten 2008 ein Stipendium, so viele wie noch nie. Doch eine Stipendienkultur nach amerikanischem Vorbild ist immer noch weit entfernt - trotz der Studiengebühren.
Von Florian VollmersKeine besonders guten Noten, keine Empfehlung vom Prof, kein soziales Engagement - eigentlich hat Johan Lucas Bessling nichts von dem vorzuweisen, was Stipendiaten gewöhnlich ausmacht. Trotzdem bittet der 25 Jahre alte Designstudent aus Hildesheim bei der Jobbörse Absolventa um Unterstützung für ein Auslandssemester - mit einem selbstgedichteten Rapsong: „Jeder Mensch hat Träume, und einer kommt von mir. Ich wünsch' mir nichts mehr wie Erasmus in Eskisehir“, singt Bessling in seiner akustischen Bewerbung, die auf der Absolventa-Homepage zu hören ist. „In die Türkei und nicht weit weg von Ankara für ein Semester, und für zwei wär' ich noch dankbarer. Ich steure meinen Kahn mit der Sorge, dass ich kenter'. Vielleicht wird mein Traum wahr, unterstützt von Absolventa.“
Besslings Rap ist eine von 4500 Bewerbungen, die bis Ende Februar bei Absolventa eingegangen sind. Der Studentenverein hat 25.000 Euro von Sponsoren eingesammelt und damit das „erste demokratische Stipendium“ ausgeschrieben. „Jeder Bewerber bestimmt selbst über Höhe und Anwendung der Unterstützung“, sagt Pascal Tilgner, der Vorsitzende des Vereins. „Uns war es wichtig, ein Stipendienangebot jenseits von konventioneller Eliteförderung zu schaffen.“ Bis Ende April sind besonders kreative Bewerbungen wie der Rap von Johan Lucas Bessling noch im Netz, dann wird online über die Verteilung der Gelder abgestimmt. Unternehmen wie KPMG, Henkel und die Deutsche Bahn unterstützen das Projekt. „Wir planen, das demokratische Stipendium jetzt jedes Jahr neu auszuschreiben“, sagt Tilgner.
Unternehmen, Vereine, Begabtenförderungswerke
Zwei Prozent aller Studenten erhalten nach Auskunft des Deutschen Studentenwerks Stipendien, im Monat durchschnittlich 328 Euro. Vergeben werden sie von Unternehmen, von Vereinen oder von den Hochschulen selbst; der größte Stipendienbatzen kommt allerdings von den sogenannten Begabtenförderungswerken: Elf Stiftungen, die wirtschaftlichen Organisationen, den christlichen Kirchen, politischen Parteien, Verbänden oder Gewerkschaften nahestehen. Im vergangenen Jahr unterstützten sie 20.800 Stipendiaten und damit 1,1 Prozent aller Studenten in Deutschland. Insgesamt war damit der Anteil der durch Stipendien unterstützten Studenten 2008 so hoch wie nie zuvor.
Doch an eines dieser Stipendien heranzukommen ist nicht leicht: Wer beim größten deutschen Förderwerk, der Studienstiftung des deutschen Volkes, unterkommen will, muss von einem Schul- oder Hochschullehrer vorgeschlagen werden. Soziales Engagement und sehr gute Noten gelten als selbstverständlich. Auch Lena Liehe gehörte zu den Besten ihres Abiturjahrgangs, als ihre Schule sie für ein Stipendium vorschlug. Heute ist sie 24 Jahre alt und studiert Psychologie an der Universität Mannheim, die Studienstiftung fördert sie mit gut 600 Euro im Monat.
Nur ein Viertel erhält den Zuschlag
„Meine Eltern haben einen landwirtschaftlichen Betrieb und können mein Studium nicht mitfinanzieren“, berichtet sie. „Insofern öffnet mir das Stipendium natürlich viele Möglichkeiten.“ So ging Liehe für ein Auslandssemester nach Buenos Aires. „Ohne Stipendium hätte ich das nicht bezahlen können.“ Wer für die Studienstiftung vorgeschlagen wird, durchläuft eine Art Assessment Center und wird dann in Einzelgesprächen und Gruppendiskussionen geprüft. „Ich habe nicht erlebt, dass es dabei große Konkurrenzgefühle gab, aber es war schon anstrengend“, berichtet Lena Liehe, die später einmal in der Markt- und Werbepsychologie arbeiten will (zum Auswahlverfahren lesen Sie auch den persönlichen Erfahrungsbericht einer Bewerberin: Bericht einer erfolglosen Bewerbung).
Von den jährlich rund 5000 vorgeschlagenen Schülern erhält schließlich ein Viertel den Zuschlag für das Stipendium der Stiftung, deren Haushalt 2008 ein Volumen von 51 Millionen Euro hatte. Unter den schon Eingeschriebenen beträgt die Erfolgsquote sogar 50 Prozent. Dass sie es wert sind, gefördert zu werden, müssen die Stipendiaten aber auch danach stets aufs Neue beweisen: Erst nach einer vier Semester dauernden Testphase bekommen die Auserwählten die endgültige Zusage. Am Ende jeden Semesters müssen sie dann einen Bericht über Studienleistungen und ihr soziales Engagement verfassen.
Nicht nur die Geldspritze ist reizvoll
Bewerberzahlen und Erfolgsquoten einzelner Förderungswerke sind kaum miteinander zu vergleichen, da die Zugangswege von Stiftung zu Stiftung anders verlaufen: So ist die Studienstiftung die einzige, zu der man ausschließlich über Vorschläge vordringt. Beim Casanuswerk und dem Evangelischen Studentenwerk zählt die Konfession von Bewerbern als Ausschlusskriterium. Besonders viele Bewerbungen gehen erfahrungsgemäß bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung ein, die durch ihre Dependancen auch viele Studenten aus dem Ausland anzieht. Verhältnismäßig wenige Bewerber melden sich dagegen bei der erst seit 1999 bestehenden und verhältnismäßig wenig bekannten Rosa-Luxemburg-Stiftung, deren sozialistische Orientierung zudem offenbar eine geringere Zahl von Studenten anspricht.
Nicht immer ist es die Geldspritze, die Bewerber an den Stipendien reizt. Mit der Aufnahme in den erlauchten Kreis eines Begabtenförderungswerkes tauchen Studenten auch in ein weit verzweigtes Netzwerk aus Alumni und Unterstützern aus Politik und Wirtschaft ein, außerdem werden ihnen umfangreiche Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten. „Diese ideelle Förderung ist für mich wichtiger als die finanzielle“, sagt etwa Beate Rücker. Die 24 Jahre alte Medizinstudentin aus Mainz wird seit fünf Jahren von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (SDW) unterstützt. Über ein monatliches Büchergeld von 80 Euro geht die Förderung nicht hinaus, da Rücker wegen des Einkommens ihrer Eltern nicht Bafög-berechtigt ist. Sie freut sich besonders über das Berufseinsteiger-Training der SDW sowie über die Seminare und Dialogforen, die sie regelmäßig besucht. „Zudem gibt es eine Auslandsförderung, mit der ich schon sechs Mal im Ausland studiert oder Praktika absolviert habe.“
Von einer weitreichenden Stipendienkultur noch entfernt
Die Bundesregierung stellt den elf Begabtenförderungswerken in diesem Jahr 132 Millionen Euro zur Verfügung und ist damit der größte Stipendiengeber in Deutschland. Kritiker halten die Summe jedoch nicht für ausreichend. Es sei ein „bildungspolitischer Skandal“, dass nur zwei Prozent der Studenten in Deutschland ein Stipendium erhalten, sagt etwa Rolf Dobischat, der Präsident des Deutschen Studentenwerks. „Man führt Studiengebühren ein oder wirbt für Studienkredite, hält sich aber mit neuen Stipendien für Studierende vornehm zurück.“
Vorbild für eine weiter reichende Stipendienkultur ist das Hochschulwesen in den Vereinigten Staaten. Dort erhält nach Schätzungen jeder zweite Student eine finanzielle Förderung. An der Harvard University in Cambridge sollen es sogar bis zu 70 Prozent sein. „Von einer Stipendienkultur wie in Amerika oder in Großbritannien sind wir noch weit entfernt“, urteilt Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). „Wir müssen vor allem die Wirtschaft an ihr Versprechen erinnern, mehr Geld in den akademischen Nachwuchs zu stecken.“
„Es reichen schon kleine Gesten“
So hallt noch heute die Forderung nach, die der damalige Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Jürgen Thumann, vor ziemlich genau vier Jahren in dieser Zeitung gestellt hat: „Wir müssen eine Stipendienkultur in Deutschland gründen.“ Die Industrie solle Milliardenbeträge in Patenschaften oder einen Fonds für bedürftige Studenten stecken. „Bis heute ist auf diesem Gebiet aber wenig passiert“, kritisiert Ulrich Müller. Dabei müssten es nicht einmal unbedingt hohe Summen sein. „Es reichen schon kleine Gesten wie Büchergutscheine, die sich auch kleine und mittelständische Unternehmen leisten können.“
Positive Beispiele dafür gibt es, den Studienfonds OWL etwa, eine Kooperation von fünf Universitäten der Region Ostwestfalen-Lippe. Mehr als 60 Unternehmen und Privatpersonen zahlen dort Spenden in einen Topf, aus dem die Hochschulen dann Stipendien zwischen 1000 und 4000 Euro vergeben. Seit 2006 wurden insgesamt 1 Million Euro eingenommen und knapp 230 Studenten gefördert. Die anderen warten weiter auf noch mehr Engagement aus der Wirtschaft, bewerben sich - und hoffen wie Johan Lucas Bessling, dessen Rap-Bewerbung mit diesen Zeilen endet: „Jetzt schalt' ich ab, schalte Kopf und meine Hände stumm. Habt einen schönen Tag, ich hoff' auf das Stipendium.“
-Etwa jeder dritte Stipendiat in Deutschland wird von einem der elf großen Begabtenförderungswerke unterstützt, die hauptsächlich das Bundesbildungsministerium finanziert. Zu ihren jeweiligen Programmen führt im Netz die gemeinsame Seite: www.stipendiumplus.de
- Außerdem gibt es viele kleinere Stipendiengeber, die für Studenten in Frage kommen. Oft sind es Stiftungen von Unternehmen oder Privatpersonen; ihre Stipendien sind zum Teil an bestimmte Fächer, Studienvorhaben oder Herkunftsregionen gebunden. Die umfangreichste Übersicht gibt der Bundesverband Deutscher Stiftungen. Seine Datenbank im Internet enthält rund 6500 Adressen, die allerdings nicht alle für Studenten relevant sind: www.stiftungen.org