11.07.2008 · Der Energiekonzern Eon tut es genauso wie der Finanzinvestor 3i: Sie stiften - wie viele andere Unternehmen auch - Professuren. Bringt das die Freiheit der Wissenschaft an den Hochschulen in Deutschland in Gefahr?
Von Florian VollmersHeuschrecken gehen an deutschen Hochschulen für gewöhnlich nicht auf Beutezug. Doch genau diese Befürchtung macht in Frankfurt die Runde, seit die Johann Wolfgang Goethe-Universität im April die Einrichtung einer Professur für Private Equity ankündigte. Ausgerechnet der Finanzinvestor 3i aus London tritt als Stifter des neuen Lehrstuhls auf, der vom kommenden Wintersemester an seine Arbeit aufnehmen soll und für zunächst zehn Jahre von 3i finanziert wird.
"Ein Interesse an der Mehrung wissenschaftlicher Erkenntnisse besteht dabei offenbar nicht", sagt David Malcharczyk, der hochschulpolitische Referent des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) in Frankfurt. "Das Unternehmen will über den Stiftungslehrstuhl eine Kampagne fahren, um sein angekratztes Image aufzubessern", vermutet er. "Der Private-Equity-Lehrstuhl ist ein besonders markantes Beispiel für die Problematik, dass sich Unternehmen in Hochschulen einkaufen, um ihre eigene Wissenschaft produzieren zu lassen."
Die Universitätsleitung bezeichnet solche Kritik als "Unsinn" und spricht von "ideologischer Voreingenommenheit". Mit Stiftungslehrstühlen werde keine Auftragsforschung betrieben, betont Olaf Kaltenborn, der Leiter der Uni-Marketingabteilung. "Vielmehr geht es um neue Impulse für die Forschung und eine Erweiterung des universitären Spektrums." Im Bereich Private Equity gebe es bislang keinen Lehrstuhl, warum also solle man diese Chance nicht wahrnehmen? "Natürlich werden wir es nicht dulden, sollte ein Stifter versuchen, Einfluss auf die Lehrinhalte zu nehmen", versichert Kaltenborn. Die Professur werde völlig unabhängig besetzt, auch kritische Inhalte würden selbstverständlich gelehrt.
Stiftungs-Spitzenreiter ist Frankfurts Goethe-Universität
Der Fall - samt den konträren Meinungen dazu - illustriert eine Entwicklung, die vielerorts in Deutschland zu beobachten ist. Dass der Energieriese Eon eine Professur für "Corporate Responsibility" an der European School of Management einrichtet oder der Projektmanager ECE eine Professur für Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg unterstützt, sind nur zwei weitere Beispiele aus einem guten Dutzend, die in den vergangenen Wochen Diskussionsstoff lieferten. Meist fühlen sich beide Seiten als Gewinner: Für die Unternehmen bedeuten Stiftungen einen Imagegewinn, zudem können sie damit gezielt für Forschung und Lehre - und Absolventen - in einem von ihnen bevorzugten Fachgebiet sorgen. Den Hochschulen kommen die Finanzspritzen angesichts knapper Bildungskassen gelegen, und die Kooperation mit der Wirtschaft nutzt ihnen im Wettbewerb der Wissenschaftsstandorte.
Die Goethe-Universität ist die Hochschule mit den meisten Stiftungslehrstühlen in Deutschland: Derzeit lehren dort 45 Professoren mit den Mitteln fremder Gönner, allein 2007 kamen fünf neue hinzu. Die meisten Lehrstühle werden in Frankfurt von Pharmaproduzenten und von Banken finanziert. Doch gibt es auch eine Stiftungsprofessur für Islamische Religion, die seit 2005 von der Auslandsabteilung des türkischen Präsidiums für Religionsangelegenheiten "Diyanet" unterstützt wird. Und die Johanna-Quandt-Stiftung hat einen Lehrstuhl "Lebenswissenschaften" ins Leben gerufen.
Bildungs- und Wissenschaftssponsoring gewinnen an Bedeutung, das belegt auch die Studie "Sponsoring Trends 2008" der Bonner Agentur Pleon Event + Sponsoring: Die Umfrage unter den 2500 umsatzstärksten deutschen Unternehmen ergab, dass knapp 57 Prozent von ihnen Wissenschaft finanziell unterstützen, zwei Jahre zuvor waren es 50 Prozent. Unangefochtene Spitzenreiter bleiben zwar weiterhin das Sport- (83 Prozent) und das Kultursponsoring (74 Prozent), den größten Bedeutungszuwachs in der Zukunft sagen die Unternehmen jedoch dem Wissenschaftssponsoring voraus. Beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft in Essen, der rund die Hälfte aller Stiftungsprofessuren in Deutschland betreut, gingen seit Mitte der achtziger Jahre 225 Projekte über den Tisch. Hochgerechnet sind also in den letzten 20 Jahren mehr als 400 Stiftungslehrstühle eingerichtet worden, 20 neue kommen jährlich dazu.
Vor allem Wirtschafts- und Biowissenschaften profitieren
Mit der wachsenden Aufmerksamkeit, die Stiftungslehrstühlen zuteil wird, werden auch kritische Stimmen laut. Einer der prominentesten Gegner des Modells ist Michael Hartmann, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. „Mit Stiftungslehrstühlen können sich Unternehmen für einen vergleichsweise niedrigen Preis Einfluss auf Forschung Lehre erkaufen“, sagt Hartmann. Dies geschehe in erster Linie durch die Wahl der Fachbereiche: Damit würden strukturelle Entscheidungen in der Hochschullandschaft getroffen, die sich an kurzfristigen Einschätzungen der Arbeitsmarktlage orientieren. „Orchideenfächer und geisteswissenschaftliche Studiengänge werden eher selten unterstützt, weil Unternehmen lieber in jene Fachbereiche investieren, die den eigenen wirtschaftlichen Interessen dienen“, sagt Hartmann. „Dagegen hat der Wissenschaftsbetrieb selbst einen zumeist besseren Blick dafür, welche Studienprofile längerfristig benötigt werden.“
Tatsächlich gehören derzeit nach Auskunft des Stifterverbands etwas mehr als ein Drittel aller Stiftungsprofessuren den Wirtschaftswissenschaften an, 20 Prozent den Biowissenschaften, 16 Prozent den Ingenieurwissenschaften und 13 Prozent den Geisteswissenschaften.
Ganz anders als Michael Hartmann argumentiert sein Professorenkollege Arnulf Melzer von der Technischen Universität München, deren oberster Fundraiser der Gewässerkundler ist. Er hält eine enge Kooperation mit der Wirtschaft für unerlässlich, wenn die Hochschule neue Forschungsschwerpunkte aufgreifen wolle. "Wir verkaufen unsere Seele dabei nicht an die Industrie", sagt er. "Mit Stiftungslehrstühlen ist es uns in den letzten Jahren gelungen, ganze Fakultäten aus dem Boden zu stampfen, die uns auf einen der vorderen Plätze im Wettbewerb der Exzellenzinitiative gebracht haben", berichtet Melzer. 25 Stiftungslehrstühle existieren schon an der TU, weitere Kooperationen mit der Industrie sind laut Melzer in Arbeit. "Stiftungslehrstühle sind ein Werkzeug, dessen wir uns in Zukunft noch stärker bedienen wollen", kündigt er an.
Kritiker prophezeien allerdings, dass die Hochschulen sich mit fast jeder Stiftungsprofessur ein künftiges Finanzierungsproblem an Bord holen. Denn in der Regel läuft das Engagement der Unternehmen über einen festgesetzten Zeitraum von meistens fünf Jahren. Danach muss über eine Verlängerung verhandelt werden - oder die Hochschule muss selbst für die Professur aufkommen. Was aber kostet ein Stiftungslehrstuhl? Laut Stifterverband liegen die durchschnittlichen Aufwendungen bei 100 000 Euro im Jahr. Das beginne beim nackten Professorengehalt, das jährlich zwischen 70 000 und 80 000 Euro betrage, und gehe bis zu 200 000 bis 300 000 Euro für einen kompletten Lehrstuhl mit Ausstattung.
100 000 Euro im Jahr für eine Professur
Wie Stiftungen sich sogar auf die öffentliche Haushaltspolitik auswirken können, zeigt ein Beispiel aus Bremen: Vor zwei Jahren hat der Milliardär Klaus Jacobs die private International University Bremen mit einer 200-Millionen-Euro-Spende vor der Insolvenz gerettet, seitdem heißt die Hochschule "Jacobs University Bremen" und gilt als ein Aushängeschild der Hansestadt. Doch der Kaffee-Erbe verband seine Spende mit der Forderung, dass die Hansestadt über die kommenden fünf Jahre 25 Millionen Euro beisteuert - kein Pappenstiel für das arg verschuldete Bundesland. Erst im Juni präsentierte Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) die Lösung des Problems: Bremen verkauft nun Schiffsbeteiligungen, um die ersten 10 Millionen Euro für die Jacobs-Uni flüssigzumachen.
Sind die Stiftungsprofessuren nun ein Segen oder eine Bedrohung für die Hochschulen? Marita Haibach hat eine klare Antwort. "Die Zunahme privater Förderung tut den deutschen Hochschulen gut", sagt die Fundraising-Expertin. "Sie hilft ihnen bei der Profilierung für den internationalen Wettbewerb." Den deutschen Unternehmern empfiehlt sie einen Blick nach Amerika. Im Jahr 2006 sammelten die Hochschulen in den Vereinigten Staaten insgesamt 24 Milliarden Dollar Spenden ein. Der Grad des privaten Engagements sei vorbildlich, findet Haibach. Der Einsatz der Hochschulen allerdings auch: Allein die Harvard University in Massachusetts beschäftigt für die Betreuung von Stiftern und Spendern mehr als 400 Fundraiser. "Bis wir amerikanische Verhältnisse haben", bilanziert Marita Haibach, "wird es noch sehr lange dauern. Aber den Hochschulen wäre es zu wünschen."