Studenten mit Laptop sitzen in jeder Vorlesung, Studenten mit Stenoblock dagegen fast nirgendwo mehr. Wer braucht die Kurzschrift schon noch? Friedrich Koßwig hat eine Antwort. Seit 40 Jahren gibt der inzwischen emeritierte Professor für Mathematik und Statistik an der Bonner Universität sein Stenografie-Wissen ehrenamtlich an Studenten weiter – und hat über mangelndes Interesse wenig zu berichten. 22 Teilnehmer hat sein Kurs in diesem Semester.
„Kurzschrift hat vor allem ein Imageproblem“, sagt der Einundsiebzigjährige. Den modernen Medien zum Trotz bleibe ihr aber eine wichtige „Nischenfunktion“, wie Koßwig sagt – gerade an der Hochschule. „Der Anwendungsbereich hat sich verändert. Weg vom strengen Protokoll- und Diktatschreiben, hin zum Notieren und Konzipieren.“
Schon nach einem Semester doppelt so schnell schreiben
Für jeden Buchstaben gibt es in der Stenografie ein Zeichen, das sich einfacher und schneller schreiben lässt. Vokale werden in der Regel weggelassen, auf Groß- und Rechtschreibregeln wird verzichtet. Häufig vorkommende Silben und Wörter werden durch Kürzel ersetzt, die wie Vokabeln gepaukt werden müssen; durch Hoch- oder Tiefstellung kann sich die Bedeutung völlig ändern. Die deutsche Einheitskurzschrift, 1925 entstanden aus mehreren Kurzschriftsystemen, gliedert sich in Verkehrs-, Eil- und Redeschrift.
Friedrich Koßwig lehrt davon in seinen Seminaren eine vereinfachte Grundstufe mit reduziertem Regelwerk. Schon nach einem Semester, verspricht er, sollen die Studenten doppelt so schnell schreiben können wie in lateinischer Schrift. Mögen die etwas antiquiert wirkenden Stenografenvereine landauf, landab über einen dramatischen Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel klagen, Koßwig schwärmt vom Potential der Kurzschrift. „Mithilfe der Stenografie lässt sich das gedankliche Grundgerüst einer Vorlesung auf wenigen Blättern zusammenfassen“, erläutert der Professor. „Das ist weit effizienter, als Power-Point-Folien zu sammeln.“ Auch für die Recherche für Referate oder Fachartikel sei die Kurzschrift hilfreich, meist sei eine Übertragung in Reinschrift gar nicht nötig. „Die Steno-Notizen meiner Studienzeit kann ich noch heute problemlos lesen.“
Auch im Bundestag wird noch stenografiert
260 Silben in der Minute erwartet der Stenografische Dienst des Deutschen Bundestags als Mindestschreibgeschwindigkeit von Berufsanwärtern; bei heftigen Wortgefechten im Parlament gilt es sogar bis zu 500 Silben in der Minute zu bewältigen. 33 Mitarbeiter bilden zurzeit dieses menschliche Kurzzeitgedächtnis des Bundestags. Dessen Sitzungen werden zwar auch elektronisch mitgeschnitten. Was sich über die Reden hinaus im Plenarsaal ereignet, erfassen jedoch nur die Stenografen: Akribisch halten sie Zwischenrufe, Beifallsbekundungen, Schmähtiraden und deren Urheber fest. Eine redigierte und von den Rednern autorisierte Endfassung des Protokolls ist tags darauf für jedermann online abrufbar. „Vollständige Aufzeichnung und korrekte Verschriftlichung“, sagt Wolfgang Behm, der Leiter des Stenografischen Dienstes, „können auch in überschaubarer Zukunft nicht von der Technik allein geleistet werden.“ Ideale Bewerber für eine der Stellen im Parlament sollten ein abgeschlossenes Universitätsstudium und stenografische Vorbildung vorweisen können – und die höchste Stufe der Einheitskurzschrift, die Redeschrift, beherrschen.
So weit bringen es die Bonner Studenten nach einem Semester mit Friedrich Koßwig noch nicht. Deutlich produktiver als die meisten SMS-Tipper allerdings sollten sie danach schon schreiben können – und all jenen voraus sein, die stundenlang Tonbänder und andere Datenträger auswerten, um sich am Ende doch nur über lückenhafte Mitschriften zu ärgern. Ohne Übung geht das freilich nicht: „Mindestens 20 Minuten täglich“, verordnet Professor Koßwig seinen Studenten. Noch sind sie fleißige Exoten. Doch ihre Zahl steigt.
Stenografie effizienter
Martin Mertens (Nutzer888)
- 06.01.2011, 14:04 Uhr
