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Steigende Studentenzahlen Die überfüllte Bildungsrepublik

 ·  Vorlesungen in Kinos und Kirchen, Seminare in Containern und Zelten - viele deutsche Hochschulen sind schon überfüllt. Jetzt kommen ein doppelter Abiturjahrgang und die Aussetzung der Wehrpflicht dazu.

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Für eine Vorlesung über die Wertfreiheit der Wissenschaft ist die Auferstehungskirche im Kasseler Norden ein spannender Ort. Tod und Auferstehung Christi sollen Wandmalerei und Fenster im Altarraum symbolisieren, auf die nüchterne Leinwand projiziert Professor Mark Schrödter dazu Worte aus den „Schriften zur Wissenschaftslehre“ des Soziologen Max Weber: „Wir sind der Meinung, dass es niemals Aufgabe einer Erfahrungswissenschaft sein kann, bindende Normen und Ideale zu ermitteln.“ Doch was wie ein interessantes didaktisches Experiment zum Verhältnis von Religion und Wissenschaft wirkt, ist eine Notlösung. Jeden Dienstagmorgen bittet Schrödter im Wintersemester die Erstsemester des Studiengangs Soziale Arbeit zur „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“ in die Kirche, die rund 10 Minuten Fußmarsch vom Campus der Uni Kassel entfernt liegt. Auf dem Campus selbst ist für sie nämlich kein Platz.

Gut 20.000 Studenten sind in Kassel eingeschrieben, geplant wurde die Hochschule einst für die Hälfte. Alexander Roßnagel, der für Lehre zuständige Vizepräsident der Universität, würde sich über die Popularität gerne freuen. „Wir haben die Bologna-Reform als Chance begriffen und attraktive Bachelor- und Masterstudiengänge eingerichtet, die sehr stark nachgefragt werden“, sagt er deshalb. Dass es für die vielen Studenten zu wenige Arbeitsplätze und Vorlesungssäle gibt, bereitet allerdings auch ihm Kopfzerbrechen. „Die Bedingungen sind so eigentlich nicht tragbar“, schimpft etwa Miriam Lotto, die Sprecherin des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) in Kassel. „Es gibt nicht mal genug Tische, an denen man arbeiten kann.“

Klinik-Hörsaal, Bürohaus und Systembauten

Alexander Roßnagel formuliert seine Bestandsaufnahme vorsichtiger. „2000 Studenten weniger würden die Lage einfacher machen“, räumt allerdings auch er ein. Denn die Kirche mit ihren rund 300 Plätzen ist nur eins der Provisorien, in das die überzähligen Studenten ausweichen. Auch den Hörsaal des Klinikums nutzt an vier Tagen der Woche die Universität; angemietete Räume in einem Bürohaus in der Innenstadt und sogenannte Systembauten - komfortable Varianten der von Großbaustellen bekannten Barackenblöcke - kommen hinzu. Die Räume sind inzwischen so gut ausgelastet, dass die Stundenpläne vieler Studenten am Montagmorgen um 8 Uhr beginnen und erst am späten Freitagnachmittag enden. „Aus dem zwischenzeitlich ebenfalls zum Hörsaal umfunktionierten Kino sind wir wieder rausgegangen“, berichtet Roßnagel. „Das war auf die Dauer einerseits zu weit weg vom Campus und andererseits für Vorlesungen auch nicht gut geeignet. Die Hörer versanken regelrecht in den Sesseln.“

Mit Ausweichquartieren aller Art sammeln zurzeit nicht nur die Studenten und Dozenten in Kassel ihre Erfahrungen. Denn wie in Nordhessen stellt sich die Lage auch in vielen anderen Hochschulstädten dar. In Paderborn beispielsweise hat die Universitätsleitung beheizbare Messezelte aufbauen lassen (Campus oder Camping?), nachdem eine Werbekampagne mit geschenkten Laptops für Erstsemester und der Verzicht auf Zulassungsbeschränkungen die Studentenzahl in die Höhe getrieben hatte (Uni-Marketing: Fahrrad statt Tütensuppe). In Würzburg, wo vor drei Jahren wie in Kassel in einem Kino Vorlesungen abgehalten wurden, dient nun das frühere Landgerichtsgebäude der Forschung und Lehre. Seit mehr als 15 Jahren seien an der Julius-Maximilians-Universität weit mehr als die 14.000 Studenten immatrikuliert, sagt ein Sprecher, für die das Platzangebot der Hochschule berechnet sei; zurzeit sind es rund 22 000. „Für das kommende Jahr rechnen wir mit bis zu 24.000.“ Dann strömt in Bayern der doppelte Abiturjahrgang an die Hochschulen, den es wegen der Einführung des achtjährigen Gymnasiums später auch noch in den meisten anderen Bundesländern geben wird. Und weil der Bundestag zur Entlastung des Verteidigungsetats vor einigen Wochen die Aussetzung der Wehrpflicht beschlossen hat, dürften rund 50.000 weitere Erstsemester hinzukommen, die nach dem Abitur sonst zuerst zur Bundeswehr oder zum Zivildienst gegangen wären (Zehntausende zusätzliche Studienanfänger erwartet).

Dass die Mittel ausreichen, stellen viele Kritiker in Frage

Auch dem Bundesbildungsministerium war die Entwicklung der Studentenzahlen in diesem Herbst eine Pressemitteilung wert. „Das Ergebnis zeigt, dass die Bildungsrepublik auf dem richtigen Weg ist“, verkündet Ministerin Annette Schavan (CDU) darin. Rekordselig berichtet die Behörde von 442.600 Erstsemestern, rund 20.000 mehr als im Vorjahr. Auch die Studienanfängerquote - also der Anteil der Studenten an ihrem Altersjahrgang - ist nach der Statistik mit 46 Prozent so hoch wie nie zuvor. „Die Studenten erwarten eine hochklassige Ausbildung“, schreibt Schavan. Dafür schaffen wir Freiräume.“

Vielerorts würden sie sich vermutlich schon über groß genug bemessene Seminar- und Übungsräume freuen. Dass die im Hochschulpakt von Bund und Ländern für den Ausbau der Hochschulen angekündigten Mittel - 3,8 Milliarden Euro sollen es allein vom Bund bis 2018 sein - dafür ausreichen, stellen viele Kritiker in Frage. Sowohl in Paderborn als auch in Würzburg und Kassel wird derzeit zwar kräftig gebaut. Die Hochschulrektorenkonferenz hält wegen der Aussetzung der Wehrpflicht aber zusätzlich bis zu 260 Millionen Euro für nötig, der Hochschulpakt sei zu knapp bemessen. Einen „Kollaps“ der Hochschulen prognostiziert die bayerische Landtagsabgeordnete Isabell Zacharias (SPD), schon jetzt säßen viele Studenten in notdürftig umgerüsteten Heizungskellern ohne Fenster. Und vor einer „Kapitulation“ warnt auf der anderen Seite des politischen Spektrums der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS).

Weihnachtsmänner aus Schokolade von der Küsterin

„Als Christ habe ich mich von Anfang an auf die Vorlesung in der Kirche gefreut“, sagt Mark Schrödter, der Professor aus Kassel. „Einige Studenten sahen den Ort zuerst aber schon kritisch.“ Das sei ein guter Anlass gewesen, um über den Unterschied zwischen dem Kirchengebäude und der Kirche als Versammlung der Gläubigen zu diskutieren. Das Gebäude erweist sich nun als durchaus vorlesungstauglich: Neben der Kanzel hat die Universität ein schlichtes Pult aufgestellt, die Kirche ist auch im Winter verlässlich geheizt, nach Startproblemen funktioniert inzwischen auch die Mikrofonanlage - und am letzten Tag vor der Winterpause verteilt die Küsterin Weihnachtsmänner aus Schokolade.

„Wenn wir sie nicht mehr nutzen müssen, werden wir sie nicht mehr nutzen“, stellt Alexander Roßnagel trotzdem klar. Er setzt auf das neue Hörsaalzentrum, das an der Stelle des Parkplatzes hinter der Mensa entstehen soll. 250 Millionen Euro habe die hessische Landesregierung für den Ausbau der Universität versprochen. Schon 2013 sollen dort die ersten Veranstaltungen stattfinden. Ob die neuen Hörsäle dann nicht wie so manches Fußballstadion, das eigens für ein großes Turnier gebaut wurde und nach dem Endspiel verwaist, leerstehen werden, weil auf die jetzt über Deutschland flutende Welle der Studenten geburtenschwache Jahrgänge folgen? Roßnagel schüttelt den Kopf. „Wir werden auf eine Kapazität von rund 16.000 Studenten kommen.“ Sollte diese Zahl einmal nicht überschritten werden, hätten Studenten und Dozenten sich das nach dem Kraftakt in den Jahren zwischen 2010 und 2015 redlich verdient.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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