08.07.2009 · Die Krise macht auch vor Stanford und dem MIT nicht halt. Doch Innovationen und Gründergeist prägen weiterhin die Atmosphäre an Amerikas Vorzeige-Unis.
Von Roland LindnerAndreas von Bechtolsheim mag sich gar nicht vorstellen, wie sein Leben ohne die Stanford University ausgesehen hätte. „Wenn ich in Deutschland geblieben wäre, dann wäre ich heute ein Niemand“, sagt er. „Wahrscheinlich irgendein namenloser Ingenieur bei Siemens oder so etwas.“ Stattdessen ist der gebürtige Bayer zu einem der bekanntesten Unternehmer und Investoren in der amerikanischen Technologiebranche geworden - und das verdankt er nach eigener Aussage in hohem Maße Stanford. Zusammen mit Studienkollegen hat Bechtolsheim in den achtziger Jahren den auf Netzwerkrechner spezialisierten Computerkonzern Sun Microsystems gegründet. Der Name steht für „Stanford University Network“; das gerade an den Softwarekonzern Oracle verkaufte Unternehmen ist eines der prominentesten, die je aus der Stanford-Universität hervorgegangen sind.
Nach Sun hat sich Bechtolsheim als treffsicherer Investor in andere Jungunternehmen profiliert, viele davon ebenfalls mit Stanford-Ursprüngen. Berühmtestes Beispiel ist das Internetunternehmen Google, dem Bechtolsheim in den Anfangstagen 100.000 Dollar gab - eine Investition, die sich für ihn vervielfachte. Bechtolsheim wird nun auf der „Forbes“-Liste der reichsten Menschen der Welt mit einem Vermögen in Milliarden-Dollar-Höhe geführt.
Stoff von Legenden
Die Entstehungsgeschichten von Unternehmen wie Google oder Sun sind der Stoff von Legenden geworden und haben Stanford einen Ruf wie Donnerhall beschert: Sie gilt nicht einfach als eine akademische Institution für Forschung und Lehre, hier brüten Studenten und Doktoranden vielmehr Ideen aus, die sie nachher zu vermarkten hoffen - am besten mit einem selbstgegründeten Unternehmen. Es herrscht eine Atmosphäre grenzenloser Ambition. „Es gibt in Stanford immer irgendjemanden, der meint, etwas besser zu können als Google oder Facebook“, sagt der 53 Jahre alte Bechtolsheim.
Was Stanford an Amerikas Westküste ist, ist das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston an der Ostküste. „Stanford und das MIT spielen in einer eigenen Liga. Dahinter kommt erst einmal lange gar nichts“, ordnet Jon Soderstrom, der Präsident der Association of University Technology Managers, eines Verbunds von amerikanischen Universitäten, die Bedeutung dieser beiden Brutstätten der Innovation ein. Beide verfügen über ein seit Jahrzehnten gewachsenes Ökosystem, das die kommerzielle Verwertung von Ideen erleichtert. Nirgendwo sonst gibt es ein so intensives Zusammenspiel von Universitäten mit Unternehmen und Investoren: Stanford liegt in Palo Alto inmitten des Silicon Valley, nur wenige Kilometer entfernt von Hewlett-Packard, Intel und Google. Direkt am Campus vorbei verläuft die Sand Hill Road, an der sich viele Wagniskapitalgeber angesiedelt haben. „Die Investoren halten buchstäblich auf den Gängen der Uni nach Ideen Ausschau“, sagt Jon Soderstrom.
„Hier liegt einfach Gründergeist in der Luft“
Das hat auch Martin Roscheisen so erlebt. Der 40 Jahre alte gebürtige Münchener hat in Stanford seinen Doktortitel gemacht und dann in der Region eine ganze Reihe von Unternehmen ins Leben gerufen. „In Stanford läuft man eben Leuten wie Andy Bechtolsheim über den Weg. Die sagen einem: Wenn du eine gute Idee hast, dann gebe ich dir Geld“, berichtet er. Zuerst hat sich Roscheisen mit einigen Internetfirmen versucht, dann hat er das Solarzellenunternehmen Nanosolar gegründet, das heute als eine der aussichtsreichsten Adressen auf dem Gebiet gilt.
Unternehmerisches Denken spielt in Stanford und im MIT auch in technischen Disziplinen eine zentrale Rolle. So schreibt das MIT hochdotierte Wettbewerbe um die besten Geschäftsideen für seine Studenten aus, und in Stanford treten regelmäßig Unternehmer und Investoren wie Bechtolsheim als Gastdozenten auf. Entscheidend ist nach Roscheisens Meinung aber die Atmosphäre auf dem Campus: „Hier liegt einfach Gründergeist in der Luft“, schwärmt er. Dabei treibe die Studenten nicht in erster Linie die Aussicht auf das große Geld an. „Den Leuten geht es vor allem darum, radikale neue Technologien zu entwickeln. Seien wir doch ehrlich: Mit einem selbstgegründeten Unternehmen einen finanziellen Erfolg wie Google zu landen ist eher unwahrscheinlich.“ Bessere Verdienstaussichten biete vielmehr der Einstieg in ein existierendes Unternehmen.
„Die Investoren halten sich stärker zurück“
Während Stanford in erster Linie für Gründungen in der Informationstechnologie bekannt ist, hat sich das MIT besonders im Bereich Pharma und Biotechnologie einen Namen gemacht. Auch die Denkweisen der beiden Hochschulen sind unterschiedlich, wie Jon Soderstrom sagt: „Beim MIT wird Wert darauf gelegt, ein fertiges Produkt oder einen weit entwickelten Plan zu haben. In Stanford reicht oft schon eine Idee, um Investoren zu finden.“ Die Atmosphäre in Stanford sei - der Westküstenmentalität entsprechend - etwas lockerer und verrückter.
Die Wirtschaftskrise lässt allerdings auch die beiden Vorzeigeuniversitäten nicht unberührt. „Es wird schwerer, Unternehmen zu gründen“, sagt etwa Andreas von Bechtolsheim. „Die Investoren halten sich stärker zurück.“ Und Karl Koster, der für die Zusammenarbeit des MIT mit Unternehmen zuständig ist, räumt auch hier einen deutlichen Rückgang ein: 10 der 200 Kooperationen zwischen seiner Universität und Unternehmen seien in den vergangenen Monaten weggebrochen.
Stanford - Podcast
Sylvia Fox (SylviaFox)
- 09.07.2009, 00:45 Uhr