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Soziologie Heiratsmarkt Hochschule

10.01.2009 ·  Zwischen Kopierer und Kaffeeautomat, Klausur und Exkursion gibt es Flirtgelegenheiten zuhauf. Soziologen wissen außerdem: Partnerschaften von Studenten sind besonders stabil.

Von Uta Jungmann
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Anja Rech erinnert sich gut an die erste Begegnung mit ihrem Mann an der Mainzer Universität. "Wir standen in der Mensa-Schlange, ich hatte gerade die Zusage für die Australien-Exkursion bekommen", berichtet sie. "Da habe ich so gestrahlt, dass es Christoph aufgefallen ist." Die beiden kamen ins Gespräch und tranken nach dem Essen einen Kaffee zusammen. "Danach wurde der Zufall in der Mensa immer gesteuerter, wir haben die Zeit fürs Essen abgepasst." 18 Jahre ist das jetzt her. Inzwischen lebt das Paar in Baden-Württemberg, genauso wie Melanie G. und ihr Mann Arvid. Sie haben sich in ihrer Lerngruppe für Statistik im zweiten Semester näher kennengelernt. "Beim Lernen haben wir festgestellt, dass wir uns auch sonst einiges zu sagen haben", sagt die 30 Jahre alte Volkswirtin, die heute als Studienfachberaterin an der Universität Tübingen arbeitet.

Nicht nur in der Mensa und über den Büchern, auch zwischen Bibliotheksregalen und Kopierern entwickelt die Liebe oft erste Triebe. Das hat soziologisches System, auch wenn die meisten nicht bewusst einen Partner, sondern einen neuen Freundeskreis an der Hochschule suchen - und Abstand von der Familie. "In dem Alter probieren viele Lebenszusammenhänge aus, in denen sie sich neu erfahren, gerade im Spiel der Geschlechter", sagt der Bremer Sozialpsychologe Gerhard Vinnai. Die akademische Produktivität ist damit eng verknüpft. "Entwickelt sich zeitgleich das Interesse an der Wissenschaft, geben Beziehungen Raum für Diskussionen, in denen sich das Denken weiterentwickeln kann."

Seien es knisternde Diskurse über Adornos Ästhetische Theorie oder tiefgreifende Überlegungen zur Quantenmechanik: Der Austausch bringt nicht nur Erkenntnisgewinn, sondern auch Einblicke in die Denkart und Sprache des anderen. Manche Paare spielen etwa mit Fachbegriffen. "Wir sagen bis heute ,Der Staat'", scherzt Volkswirtin Melanie G., "wenn wir die gemeinsame Kasse meinen." Oft überträgt sich auch die fachliche Herangehensweise auf die Beziehung. "Unsere Diskussionen sind weniger ein Debattieren", sagt Anja Rech, die Biologin. "Sondern verlaufen logisch und rational wie in den Naturwissenschaften."

Wie Hillary und Bill Clinton

Die gemeinsame Wellenlänge fördert zudem ein vereintes Lebensdesign. Prominentes Beispiel: Bill und Hillary Clinton. Sie lernten sich in der Bibliothek der amerikanischen Elite-Uni Yale beim Jura-Studium kennen und entdeckten schnell die Leidenschaft füreinander und für die Politik. Doch nicht nur die Nähe im Denken schafft eine Grundlage für die Zukunft. Als Test fürs Team sieht Melanie G. zudem miteinander durchgestandene Durchhänger und Extremsituationen im Studium an: Vor Prüfungen "da sein, Tee kochen oder am Vorabend einer Klausur mal mit einem Kinobesuch ablenken", zählt sie auf.

Weiterführende Schulen und Hochschulen sind die Heiratsmärkte moderner Gesellschaften, das haben die Soziologen Hans-Peter Blossfeld und Andreas Timm schon vor zehn Jahren festgestellt, als sie in 13 Ländern untersuchten, welche Rolle das Bildungssystem für die Eheanbahnung spielt. Immer häufiger lernen junge Erwachsene demnach dort ihren künftigen Ehepartner kennen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Ausbildungszeiten ziehen sich hin, der Anteil der Frauen an den Studenten wächst seit Jahren. Wer sich zudem mit Blick auf Alter, Bildung und Interessen auf ähnlicher Augenhöhe bewegt, trifft leicht ein passendes Gegenstück. Und auf Ähnlichkeit legen Heiratswillige großen Wert, wie eine Umfrage des Alumni-Clubs Münster unter 399 Ehemaligen ergeben hat - vor allem bei Freizeit, Kultur und Politik war ihnen eine Übereinstimmung wichtig. Zugleich scheinen Amors Pfeile an der Uni genauer zu treffen als anderswo: Denn die Akademiker-Paare bleiben häufiger Gefährten fürs Leben. Ihre Ehen werden seltener geschieden als andere, wie in der Schweiz festgestellt worden ist.

Partnerwahl als soziale Abschottung nach unten

Jetzt diskutieren die Forscher, ob mit der Partnerwahl auch eine soziale Abschottung nach unten verknüpft ist. "Sie ist eine Folge davon", sagt der Heidelberger Soziologe Thomas Klein. "Allerdings keine bewusste: Die Hochschule ist einfach ein Markt der Gelegenheiten - die meisten Leute finden ihren Partner in einem Umkreis von 30 Kilometern, so die Studenten auch." Zumal für deren Partnermärkte nicht nur die schiere Summe der Begegnungen an der Hochschule zählt. Vielmehr sprühen die Funken oft neben den Vorlesungen und an Orten, wo Nähe sich verdichten kann. "Kneipe, Museum oder Waschsalon", empfiehlt Christian Zielke, Professor für Kommunikation und Personalmanagement in Gießen. "Da, wo ich die meiste Zeit mit dem potentiellen Partner haben und mich austauschen kann."

Solche Chancen können buchstäblich abgefahren sein: Wie für Jan Engelkamp und seine Frau Oxana. Sie kannten sich aus ihrem Wohnheim in Bochum, als er hörte, dass die Studentin aus Weißrussland einen Gebrauchtwagen in ihre Heimat überführen wollte. "Anfang der neunziger Jahre war das für Austauschstudenten aus Osteuropa finanziell interessant", entsinnt sich Engelkamp. "Allerdings hatte Oxana erst kurz vorher den Führerschein gemacht." Weil die Abenteuerlust ihn lockte, bot er an, sie zu begleiten. "Wir mussten stundenlang im Schnee an der Grenze auf die Kontrolle warten", graust es ihn noch heute. "Dafür hat sie mir viel von ihrer Welt gezeigt - etwa das Theater in Minsk und das Dorf ihrer Großeltern, wo es kein fließendes Wasser gab." In Bochum haben sie dann in der Enge des Studentenwohnheims erprobt, ob ihre Liebe für den Alltag taugt. Ein Jahr später heirateten sie, heute arbeitet er als Dekanatsreferent für Mathematik an der Fernuniversität Hagen, sie als Richterin, gemeinsam haben sie zwei Kinder.

Gerade darin, dass sich Studenten an der Hochschule vor ihrer beruflichen Karriere begegnen, sieht Christian Zielke einen Vorteil. "Jeder fängt bei Null an, will noch etwas werden", bemerkt er. Allerdings können sich Paare so auch leichter trennen. "Es gibt kein Vermögen zum Teilen. Das vereinfacht ,trial and error'." Zumal Paarungswilligen an der Hochschule keine hohen Suchkosten entstehen: "Zumindest nicht, was Eintrittskarten und Ähnliches angeht", präzisiert Soziologe Klein. "Aber auch für Studenten können die sogenannten Opportunitätskosten hoch sein - abhängig davon, welchen Wert eine Partnerschaft für sie hat und was es ihren Gefühlshaushalt kostet, auf Zweisamkeit zu verzichten."

„Das ist wie Tango tanzen“

Um zarte Bande zu knüpfen, bedarf es anfangs nur eines Blicks, eines Lächelns, keiner großen Worte. "Leute, die flirten, gleichen zunächst ihre Körperbewegungen an", erläutert Christian Zielke. "Das ist wie Tango tanzen: Man muss sich einschwingen, bis man den gemeinsamen Rhythmus gefunden hat." In einem lockeren Umfeld fällt es leichter, diesen Schwung aufzunehmen. Torsten Klocke und Juliane Bardtholdt etwa haben in Halle an der Saale Innenarchitektur studiert und waren sich schon in Projekt-Besprechungen begegnet. Aber erst zu Besuch bei einer Studienfreundin in der Schweiz haben sie sich näher kennengelernt. "Die Schweiz war neutraler Boden", urteilt Torsten Klocke. Heute sind sie verheiratet, haben eine Tochter und arbeiten gemeinsam an Projekten wie einem Hotelumbau in Berlin. Die Welt der Farben und Fugen, der Achsen und Fluchten ist zu ihrem Lebensthema geworden. "Wir haben eine Bürogemeinschaft gegründet. Sie heißt Desarteur - das ist für uns der Familienname", sagen sie.

Viel Schwung hat an der Uni auch das Lehrer-Paar Bärbel und Dieter Fortmann aufgenommen. Später zogen sie nach Peru. "Mein Mann hat dort an der deutschen Schule unterrichtet", berichtet Bärbel Fortmann. "Ich habe Deutsch als Fremdsprache für Angehörige der Firma Hoechst gelehrt." Außer dem beruflichen Alltag haben sie sich auch die Erziehung ihrer drei Kinder geteilt. Das Weltentdecken hat das Paar jung gehalten, das sich beim Tanzen in der evangelischen Studentengemeinde in Freiburg kennengelernt hat. "Sie hat mich abgeklatscht", sagt Dieter Fortmann. "Das kam mir sehr zupass - denn meine Frau war und ist eine Schönheit, die mir schon in Vorlesungen aufgefallen war." Das war vor 50 Jahren, seitdem hält der Rhythmus. Tanzen geht das Paar noch immer miteinander. Gibt es ein Rezept dafür? "Wir haben Glück miteinander gehabt", sagt Bärbel Fortmann. "Das brauchen die Menschen. Sonst geht es bei den besten Vorsätzen schief."

Erste Schritte, zarte Bande

  • Aller Anfang ist leicht: Die Körpersprache angleichen, Smalltalk wagen - das genügt. Und bloß keine Angst vorm ersten Satz. Eine knappe Bemerkung über die Musik an Ort und Stelle reicht oft schon.
  • Noch mehr Tipps für die Partnersuche hat der Kommunikationsberater Christian Zielke in seinem Buch „30 Minuten: Partnerfindung ist kein Zufall“ gesammelt. Es ist im Gabal-Verlag erschienen, hat 80 Seiten und kostet 6,50 Euro.
  • Wem das nicht genügt, kann unter anderem bei Wolfgang Hantel-Quitmann nachschlagen. Der Paartherapeut aus Hamburg hat ein Buch mit dem Titel „Der Geheimplan der Liebe. Zur Psychologie der Partnerwahl“ geschrieben; es ist mit 192 Seiten im Herder-Verlag erschienen und kostet 12,90 Euro.
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