Es ist eine Aufgabe, der sich kein Arzt gern stellt: Die Patientin, die seit ihrem Unfall im Rollstuhl sitzt, wird auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nicht wieder gehen können. Allerdings weiß sie das noch nicht, jemand muss es ihr sagen. Am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) müssen sich angehende Mediziner dieser Herausforderung schon stellen, bevor ihr Studium anfängt. Das Gespräch mit der gelähmten Patientin ist eine von neun Stationen, die Bewerber für einen Studienplatz am UKE meistern müssen. Was viele Jahre und noch mehr Prüfungen später zum Ernst der Arbeit gehört, ist zunächst nur ein Test. Die Frau im Rollstuhl ist eine Schauspielerin.
Mit der ungewöhnlichen Methode will die Hamburger Uniklinik die besten Ärzte von morgen finden. Wissen allein genügt ihr nicht. „Wir brauchen Ärzte, die ein breites Spektrum an Fähigkeiten haben und auch gut mit ihren Patienten reden können“, sagt der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende, Jörg Debatin. „Wir treffen heutzutage auf unseren Visiten Patienten, die sich sehr intensiv mittels Google über ihre Diagnose informiert haben. Auch darauf muss sich ein Arzt einstellen können“, begründet er, warum sein Haus bei der Bewerberauswahl nicht mehr nur auf das Abiturzeugnis vertraut, sondern auch soziale Kompetenzen testet. Das neue Verfahren klingt ganz nach den Vorstellungen von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP). „Der Notendurchschnitt allein sagt nichts darüber aus, ob jemand ein guter Arzt wird“, sagt Rösler. Die „Fähigkeit zur menschlichen Zuwendung“ sei wichtig, der Numerus clausus für das Medizinstudium deshalb nicht mehr zeitgemäß.
100 Dozenten, 35 Schauspieler und 50 Helfer
Ganz so revolutionär ist das neue Auswahlverfahren des UKE allerdings nicht, soll es auch nicht sein. „Die Abiturdurchschnittsnote ist nach wie vor ein guter Prediktor für den Studienerfolg“, sagt Wolfgang Hampe, der als Professor mit Schwerpunkt Lehre am UKE das Verfahren konzipiert hat. Allerdings könne die Zahl der Studienabbrecher deutlich gesenkt werden, wenn man weitere Kriterien wie das Schulwissen in naturwissenschaftlichen Fächern berücksichtige. Ebenso wichtig seien soziale Fähigkeiten. Deshalb müssen Abiturienten, die sich in Hamburg zum Arzt ausbilden lassen wollen, zwei Hürden nehmen. Eine ist der Rundkurs mit neun Stationen, an denen die Bewerber sich in Rollenspielen geschickt und einfühlsam verhalten müssen. Mal geht es um die Frau im Rollstuhl, mal um ein Gespräch mit einem Mitarbeiter, der über Mobbing klagt. Probleme im Zehn-Minuten-Takt: Auch das ist ein Vorgeschmack auf den Arztberuf.
Vorher haben die 900 eingeladenen Bewerber in einem von Hampes Team entwickelten Test Physik-, Chemie- und Biologie-Aufgaben gelöst. „Wer sich sechs Wochen hinsetzt und sein Schulwissen wiederholt, soll bei uns bessere Chancen haben“, sagt Hampe dazu. Denn Bewerber, die in der Prüfung vor dem Studium gut abschnitten, hätten später in Klausuren weniger Probleme. „Die meisten Abbrecher geben in den ersten Semestern auf, die stark naturwissenschaftlich geprägt sind.“ Wer nach dem Test zu den hundert Besten gehört, hat einen Studienplatz sicher. Weitere 200 dürfen auf den Rundkurs.
Für das UKE bedeutet das Auswahlverfahren zunächst viel Arbeit. 100 Dozenten, 35 Schauspieler und 50 weitere Helfer wirken mit, um 369 Erstsemesterplätze zu besetzen, von denen die Uni nur rund 200 selbst zuteilen darf. Die übrigen Studenten weist die Stiftung für Hochschulzulassung zu, früher als Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) bekannt. Diskussionen über die Kosten habe es bislang nicht gegeben, versichert Wolfgang Hampe. Aus Sicht seines Chefs Jörg Debatin profitiert die Hochschule von dem Aufwand. „Wenn jemand ausgewählt wird, bringt er der Organisation eine andere Loyalität entgegen“, sagt er. Früher kamen Studenten zu uns, weil ihnen die Stadt gefiel und nicht, weil wir gut waren.“
„Hausärzte drohen in manchen Regionen auszusterben“
Die traditionelle zentrale Verteilung der Studienplätze über die ZVS begünstigte das. Um Abiturienten, die von Biologie und Physik wenig Ahnung hatten, vom Medizinstudium abzuhalten, gab es einen bundeseinheitlichen Test, den TMS. Weil immer weniger Abiturienten mit dem Berufswunsch Arzt an die Universitäten kamen, wurde diese Prüfung 1996 abgeschafft. Die Studienplätze gingen fortan an Bewerber mit den besten Abiturnoten oder genügend Wartesemestern. Nach einer Eignung für den Beruf fragte niemand mehr. Dieser Konstruktionsfehler im System machte sich bald bemerkbar: Dozenten klagten, dass Studenten die Anforderungen nicht bewältigten, die Zahl der Abbrecher stieg. Über Jahre leistete sich Deutschland ein Ausbildungssystem, in dem viele scheiterten. Jetzt geht die Angst um die medizinische Versorgung um. „Hausärzte drohen in manchen Regionen auszusterben“, warnt Debatin. „Wir wollen die Zukunft aber nicht dem Zufall überlassen.“
Seit 2004 dürfen die Medizinischen Fakultäten 60 Prozent ihrer Studenten selbst aussuchen, diese Wahlfreiheit nutzen viele: Nach Auskunft des Medizinischen Fakultätentages verlassen sich nur noch 9 von 34 auf die Abiturnote. Die übrigen selektieren nach Schulleistungen in Biologie, Physik oder Mathematik. Oder sie vergeben Bonuspunkte für Berufserfahrungen, wieder andere bitten um ein Motivationsschreiben oder laden zum Interview vor einer Kommission. Auch der Medizinertest TMS wurde mancherorts wiederbelebt. So viel Aufwand wie das UKE in Hamburg betreibt aber keine andere Hochschule.
Bei den Bewerbern kommt diese Form der Auslese offenbar gut an. „Das ist ein ungewöhnliches Verfahren, aber nach der ersten Station vor den Schauspielern hat sich meine Aufregung gelegt“, berichtet etwa Jan Kabath aus Heidelberg. Die Situation vor der Frau im Rollstuhl empfand er am schwierigsten. „Ich glaube, ich hätte noch näher an die Frau herangehen sollen“, übt der Zwanzigjährige Selbstkritik. Andrea Stubbe, gleichaltrig, aber Berlinerin, hat ihr eigenes Erfolgsrezept: „Einfach immer ehrlich bleiben. Die Bewerter merken, wenn sich jemand verstellt.“ Sie empfiehlt das Hamburger Verfahren sogar als Vorbild für ganz Deutschland. „Man sollte alle Bewerber in Rollenspielstationen testen.“
Schauspielunterricht um Arzt zu werden
Karsten Krug (kkrug)
- 13.10.2010, 10:59 Uhr
Generell ein Schritt in die richtige Richtung, aber auch nicht mehr!
Leonard Spreckelmeyer (leo87)
- 14.10.2010, 12:12 Uhr
