23.07.2010 · Soziales Engagement als Brücke zwischen Theorie und Praxis - „Service Learning“ löst im Idealfall gleich ein ganzes Bündel von Problemen. Dennoch sind viele Hochschulen zurückhaltend.
Von Florian VollmersEinmal in der Woche trifft sich Nils Zündorf mit einer Gruppe Rentnern. Der 23 Jahre alte Student der Wirtschaftsinformatik setzt sich dann im Essener Mehrgenerationenhaus vor einen Computer und übt mit den Senioren das Navigieren im Cyberspace. "Die Lebenswelt von Rentnern ist uns ja völlig fremd", berichtet Zündorf von seinen Eindrücken. "Wer mit Rechnern und Internet groß geworden ist, kann sich gar nicht vorstellen, wie anders Senioren damit umgehen."
Doch genau das hat sich der angehende Wirtschaftsinformatiker vorgenommen - und soll sein Projekt glücken, muss er die Barriere zwischen Alt und Jung überwinden. Denn Zündorf entwickelt eine Online-Plattform für ältere Menschen, die gezielt in Mehrgenerationenhäusern eingesetzt werden und im Herbst fertig sein soll. Die Herausforderung bestehe darin, die Websites übersichtlich zu gestalten und die Verwendung der Benutzerkonten so zu gestalten, dass sie auch Menschen verstehen, die Jahrzehnte vor der Verbreitung des Internets aufgewachsen sind.
Lernen durch Engagement
Die Idee für die Senioren-Plattform hat der Student in einem "Service Learning"-Seminar an der Universität Duisburg-Essen entwickelt. "Service Learning" ist eine in Amerika entwickelte pädagogische Methode, die für "Lernen durch Engagement" steht und seit kurzem auch an einer Reihe deutscher Hochschulen angewandt wird. Die Studenten lernen dabei zunächst die Theorie und arbeiten dann für soziale Projekte, um ihr Wissen in der Praxis zu vertiefen. Ihr Engagement können sie sich anschließend als Studienleistung anrechnen lassen.
"Mein Traum ist es, dass unser Konzept irgendwann auch an den 500 weiteren Mehrgenerationenhäusern in Deutschland eingesetzt wird", sagt Nils Zündorf selbstbewusst. Mit einer ganz anderen Zielsetzung hat sich Katrin Hansen während ihres Lehramtsstudiums an der Uni Duisburg-Essen für ein "Service Learning"-Seminar entschieden. Wie man mit Kindern umgeht, lernt man ja nicht im Hörsaal", sagt die Siebenundzwanzigjährige. "Ich habe mich deshalb für ein Projekt mit Grundschülern entschieden." Mit einer vierten Klasse hat Hansen unter anderem eine Geisterbahn gebaut. Überrascht habe sie die Phantasie der Schüler. "Aber auch, wie anstrengend es ist, eine Klasse im Zaum zu halten. Das war eine wertvolle Erfahrung für mich." Auf das "Service Learning"-Angebot ihrer Hochschule hat Katrin Hansen kein Lehrender hingewiesen. "Meine Teilnahme entstand aus reiner Eigeninitiative", berichtet sie.
Viele Dozenten sind skeptisch
Tatsächlich stehen viele Dozenten dem Konzept skeptisch gegenüber. Nur eine verschwindend geringe Anzahl deutscher Hochschulen hat handfeste Pläne, das Lehrkonzept fächerübergreifend zu etablieren. Lediglich acht Einrichtungen haben sich zum "Hochschulnetzwerk - Bildung durch Verantwortung" zusammengeschlossen. Als Vorreiter gilt die Universität Duisburg-Essen, die 2005 das erste Zentrum für Service Learning an einer deutschen Hochschule gegründet hat. "Uniaktiv" heißt das Projekt, das die Förderung bürgerschaftlichen Engagements unter Studierenden zum Ziel hat und auch die Projektarbeiten an Nils Zündorf und Katrin Hansen vermittelt hat.
"Service Learning ist auch eine Lehrexzellenz", sagt Jörg Miller, der Leiter von Uniaktiv. Mit mehr als 120 sozialen Einrichtungen im Ruhrgebiet arbeitet das Zentrum zusammen, 600 studentische Projekte hat es schon begleitet. "Neben dem Mehrwert für Studierende bietet Service Learning auch die Chance einer zunehmenden Profilierung der Hochschulen." Miller wertet Service Learning nicht zuletzt als eine Gegenbewegung zur Verschulung der Studienpläne im Zuge der Bachelor-/Master-Reform. "Der fehlende Praxisbezug des neuen Systems ist ja vielfach kritisiert worden, und die Unzufriedenheit mit den neuen Studiengängen nimmt weiter zu", sagt er. Service Learning könne einen Gegenimpuls setzen. "Hochschulen werden so auch aus gesellschaftlicher Sicht greifbarer."
Größerer Lernerfolg
Wie sich das Konzept insgesamt auf das Lernverhalten von Studenten auswirkt, hat Heinz Reinders untersucht, der an der Universität Würzburg Professor für Empirische Bildungsforschung ist. "Der Lernerfolg ist größer mit Service Learning", fasst Reinders seine Forschungsergebnisse zusammen. "Die Lernkurve steigt deutlich stärker an als bei konventionellen Lehrmethoden." In Zahlen: Nur 31 Prozent der Studenten haben nach gewöhnlichen Lehrveranstaltungen den Eindruck, einen guten Überblick über ihr Fachgebiet zu haben. Unter den "Service Learning"-Studenten schnellt diese Quote auf 74 Prozent. Zweiter positiver Effekt sei, dass die Studenten die Wirksamkeit ihrer Handlungen erlebten. Das steigere ihre Lernzufriedenheit und ihr Selbstbewusstsein. "Mit Service Learning wissen die Studierenden eben, wofür sie die Theorie lernen", sagt Reinders. Man müsse aber auch sehen, was Service Learning nicht kann. "Natürlich ersetzt diese Methode keine Vorlesung."
Wenn Heinz Reinders an Hochschulen seine Forschungsergebnisse präsentiert, erlebt er nach eigener Auskunft nicht selten eine "gesunde Skepsis" gegenüber Service Learning. "Ich bin überzeugt, dass sich das Konzept weiter verbreiten wird", sagt er deshalb. "Aber wir stehen in Deutschland noch am Anfang." In den Vereinigten Staaten hingegen hat das Konzept schon eine lange Tradition, die bis auf den Einfluss der puritanischen Reformbewegung des 17. Jahrhunderts zurückgeht: Soziale Verantwortung ist demnach in erster Linie bei den Privatpersonen verankert. Viele amerikanische Universitäten betrachten es deshalb heute als Teil ihres Bildungsauftrags, den Studenten neben Fachwissen auch "community spirit", das Bewusstsein für bürgerschaftliches Engagement, zu vermitteln. Dies gilt manchen gar als die "Third Mission", die dritte Aufgabe der Hochschulen neben Lehre und Forschung.
"In Deutschland wirkt stattdessen die Tradition des Sozialstaates, deshalb wird dieser Bildungsauftrag an den deutschen Hochschulen nicht gesehen", erläutert Christian Berthold, der als Experte für Hochschulstrategien am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh arbeitet.
Keine Tradition in Europa
Nicht nur in Deutschland, fügt Berthold an, sondern in ganz Europa verfüge diese Lehrmethode über keine Tradition. Deshalb etabliere sie sich nur langsam. "Dennoch wird Service Learning bei uns Einzug halten, nicht zuletzt, weil die Hochschulen dadurch ganz erheblich an Glaubwürdigkeit gewinnen können", sagt er. "Das ist zum Beispiel bei der Rekrutierung neuer Zielgruppen entscheidend.
Außerdem profitiere die Gesellschaft von künftigen Führungskräften, die in sozialen Projekten erfahren hätten, "was draußen in der Welt los ist", wie Berthold sich ausdrückt. Nils Zündorf könnte ein gutes Beispiel dafür werden: In seine Senioren-Plattform "GenerAktion.de" hat er nach eigener Auskunft ein Vielfaches der Zeit investiert, die formal für die verteilten Leistungspunkte nötig gewesen wäre. "Ich setze mich für das Projekt ein, weil es genau das ist, was ich später einmal beruflich machen will", begründet Zündorf sein Engagement. Offenbar ist das kein Einzelfall: Viele seiner Kommilitonen, berichtet der Student, hätten ein "Service Learning"-Seminar anfangs nur wegen der Punkte besucht, dann aber einen konkreten Berufswunsch darin entwickelt.